Ein Hund für alle Fälle: Joey gehört zur Sekundarschule

+
Schulhund Joey ist mit elfeinhalb Monaten mitten in der Pubertät. Den Unterricht stört er aber immer seltener. Im Gegenteil verbessert er das Lernklima, denn ihm zuliebe sind die Schüler ruhiger und rücksichtsvoller.

Meinerzhagen - Joey ist vielleicht der entspannteste Pauker an der Sekundarschule, mit Sicherheit aber der jüngste. Mit seinen elfeinhalb Monaten steckt der Berner Senner-Husky-Mischling noch mitten in seiner Ausbildung zum Schulhund, quasi im Hunde-Referendariat.

Im Treppenhaus und auf dem Flur ist Joey genauso aufgedreht wie die Schüler, die nach der Pause zurück in ihre Klassen müssen. Zu zweit und zu dritt stürmen die Kinder auf den Schulhund zu, um ihn zu streicheln und zu knuddeln. Dem gefällt’s. „Joey begrüßt die Schüler und ist da total abgebrüht. Da können zehn Schüler auf ihn zukommen, er findet das super“, sagt Anke Sondermann, die sich um den Schulhund kümmert. Nur als Joey ein paar Schüler zur Begrüßung fast anspringen möchte, hält sie ihn mit einem Ruck an der Leine zurück.

Im Unterricht – dritte Stunde, Mathematik – ist dann der jugendliche Übermut verflogen. Während Sondermann mit ihrem Siebtklässler-E-Kurs die kommende Klassenarbeit bespricht, hat es sich Schulhund Joey neben der Tafel auf dem Boden bequem gemacht, sein Kopf ruht auf dem Laminat. Mit seinen ungleichen Augen – rechts braun, links hellblau – blickt er an Stühlen, Taschen und Schülerbeinen vorbei in die Klasse hinein. Er strahlt Ruhe aus, ab und zu muss er gähnen. „Ich gehe vor der Schule eine große Runde mit ihm, dann liegt er meistens ganz ruhig da.“

Ein bisschen blauäugig: Joeys Mutter ist eine Berner Sennenhündin, der Vater vermutlich ein.

„Joey war der Welpe, der am coolsten war“

Dass die Sekundarschule überhaupt einen Schulhund hat, war in erster Linie ein Zufall, sagt Sondermann: „Die Schulleitung sprach davon, dass es schön wäre, einen Schulhund zu haben.“ Konkret wurde es erst, als die Berner Sennenhündin einer Schülerin Junge hatte und zu einem „Welpentag“ im Biologie-Unterricht mitbrachte. Nicht nur Joeys blaues Auge – Sondermann vermutet, dass der Vater ein Husky ist – ließ ihn herausstechen. „Joey war der Welpe, der am coolsten war.“ Obwohl erst vier Wochen alt, sei er sofort auf die Schüler zugegangen. Sondermann, die zuletzt in ihrer Kindheit einen Hund gehabt hatte, übernahm die Ausbildung mit Joey in der Hundeschule Biggesee.

Christine Bluschies (von links), Marco Dorn, Raphael Bolgert und Delina Berges mit Joey.

 

Mit neun Wochen zog Joey, der am 20. Dezember ein Jahr alt wird, bei Sondermann ein. Seit März durchlief das Duo erst die Welpengruppe, danach Einstiegs- und Erweiterungskurse für Junghunde. Dort lernte der Vierbeiner neben den Grundkommandos zum Beispiel die Begleitung mit und ohne Leine und das Heranrufen aus allen Situationen. Momentan bereitet sich Sondermann mit Joey auf den Hundeführerschein mit Wesenstest vor. Nach der Prüfung im Mai 2018 sollen noch spezialisierte Fortbildungen folgen.

Parallel zu den Kursen nahm Sondermann den Welpen von Beginn an mit in die Schule, um ihn an den Schulalltag zu gewöhnen und die Schüler an Joey. In den ersten Wochen begleitete Joey sie für jeweils drei bis vier Stunden am Tag, ab den Osterferien hatte er dann einen vollen Stundenplan.

Pauker auf vier Pfoten - Schulhund Joey

Reaktionen überwiegend positiv

Die Reaktionen von Schülern, Eltern und Lehrern seien überwiegend positiv gewesen, erzählt Sondermann. Das Wichtigste für die Arbeit als Schulhund sei Joeys ruhiges Wesen und dass er keinerlei Aggressivität zeige. „Viele Kollegen, die auch Hunde haben, sagen, dass seine Ruhe etwas ganz Besonderes ist“, sagt sie. „Er gehört quasi zum Kollegium.“

Sondermann, die Mathematik, Deutsch und Biologie sowie momentan auch Musik unterrichtet, und Joey haben einen eigenen Klassenraum. Die Schüler kommen zu ihr, nicht umgekehrt – eine Ausnahme an der Sekundarschule. „So ist es einfacher mit der Hygiene.“

Joey liege am liebsten neben oder direkt vor der Tafel, genau da, wo man am ehesten über ihn stolpern kann, sagt Sondermann. Eigentlich hat der Junghund einen Liegeplatz am Fenster, mit Napf und Spielzeug. Aber im Moment ist es Joey dort, so nahe an der Heizung, zu heiß.

Ab und zu verlässt Joey seinen Lieblingsplatz vor der Tafel und macht es sich anderswo im Klassenraum bequem.

„Es ist cool, dass wir einen Schulhund haben. Ganz viele Schüler mögen Joey, er ist gut für die Schule“, meint Devran Sen vom Hundedienst, der Sondermann beim Kümmern um Joey unterstützt: frisches Wasser hinstellen, Haare aufkehren, Hüten in der Pause. Das Füttern übernimmt dagegen Sondermann. In der Klasse trainiert sie mit Joey, von niemand anderem etwas zu fressen anzunehmen, zu seinem eigenen Schutz. Schließlich könnten Schüler dem Hund – ob absichtlich oder aus Versehen – etwas geben, das ihm nicht bekommt. Wie eine Demonstration zeigt, klappt das schon sehr gut.

Schulhund-AG in der Planung

Auch das Gassigehen hat Sondermann wieder selbst vom Hundedienst übernommen. „Im Moment ist er in der Pubertät und testet seine Grenzen etwas aus“, erklärt sie. Später, wenn Joeys etwa zweijährige Ausbildung weiter fortgeschritten ist, plant sie allerdings eine Schulhund-AG, um gezielter mit ihm und den Schülern zu arbeiten. Aber auch ohne abgeschlossene Ausbildung – etwa die Hälfte hat er geschafft – wird er bereits eingesetzt.

„Viele Kinder wünschen sich ein Haustier, können oder dürfen aber keins haben“, sagt Sondermann. So kann Joey bei Kummer Trost spenden oder im Unterricht als Motivation dienen. „Viele Kinder fragen, ob sie ihn streicheln dürfen, wenn sie mit einer Aufgabe fertig sind“, sagt die Lehrerin. Der Schulhund soll durch seine Ruhe das Lernklima und das Wohlbefinden der Schüler verbessern.

Joey fühlt sich überall im Klassenzimmer wohl.

Wenn jemand keine Hunde möge, werde darauf allerdings Rücksicht genommen, erklärt Sondermann. Oft helfe der Kontakt mit Joey aber bei der Überwindung von Ängsten. „Einige Schüler hatten am Anfang Angst vor Hunden, aber die ist durch ihn bei ganz vielen verschwunden“, sagt Sondermann. Joeys Anwesenheit hat weitere positive Effekte.

„Auf sich selber nehmen die Schüler keine Rücksicht, aber für Joey machen sie es halt“, sagt Sondermann. „Sie sind ruhiger, schmeißen weniger Müll auf den Boden und heben auch freiwillig was auf.“ Neben der Entwicklung sozialer und emotionaler Kompetenzen soll Joey auch die Kreativität und Fantasie sowie die Konzentrationsfähigkeit der Schüler fördern. Das klappt, zumal bei einem Junghund, noch nicht immer.

„Manchmal nimmt er schon die Konzentration weg, weil dann alle gucken, aber sonst ist er sehr nett“, meint Schülerin Delina Berges. Laut Lehrerin Sondermann käme es aber immer seltener vor, dass Joey den Unterricht störe. Dann stromert er ein wenig durch die Klasse, schnuppert mal bei dem, dann bei jenem Schüler und streckt sich danach direkt hinter einem Stuhl aus. „Nicht nach hinten kippeln“, macht Sondermann einen Schüler darauf aufmerksam. „So gewöhnt man Kindern das Kippeln ab.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare