Erfolgsgeschichte

Seit 60 Jahren gibt es Eis von „Cortina“

Ein gutes Team: Simone De Bernardin und seine Mutter Maria Menel freuen sich über den heutigen 60. Geburtstag ihres Eiscafés Cortina.
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Ein gutes Team: Simone De Bernardin und seine Mutter Maria Menel freuen sich über den heutigen 60. Geburtstag ihres Eiscafés Cortina.

1961: Der Kosmonaut Juri Gagarin fliegt als erster Mensch ins Weltall, in den Radios läuft Chubby Checkers „Let‘s twist again“, das Zweite Deutsche Fernsehen wird gegründet und in Berlin wird die Mauer gebaut.

Meinerzhagen - Anfang der sechziger Jahre verändert sich auch Meinerzhagen. Die Stadt wächst – und bekommt im Frühjahr 1961 eine Eisdiele. Fast auf den Tag genau vor 60 Jahren, am 18. März 1961, eröffnet die Familie De Bernardin den „Cortina Eissalon“. „Eismachen liegt wahrscheinlich in unseren Genen“, lacht Maria Menel. Dabei kann die 57-Jährige gar kein Eis herstellen. Der Eismacher im Eiscafé Cortina ist ihr Sohn Simone. Er hat es von seinem Vater Toni gelernt und dieser wiederum von seinem Vater.

Rezepte ein Familiengeheimnis

Die Rezepturen für Nuss, Vanille, Schoko – ein Familiengeheimnis. „Simone hat alle Rezepte im Kopf, nichts ist aufgeschrieben“, erzählt seine Mutter nicht ohne Stolz auf ihren 32-jährigen Sohn, der die Familientradition mittlerweile in dritter Generation fortführt. Und vielleicht ist die Sache mit den Genen doch gar nicht so weit hergeholt. Zumindest liegt das Eismachen bei den De Bernardins im Blut. Die Familie stammt aus der Gegend der italienischen Dolomiten in der Provinz Belluno, wo sich das Zentrum der Gelaterie mit dem „Val di Zoldo“, dem Tal der Eismacher, befindet. Schon als Zwölfjähriger habe ihr Schwiegervater Giovanni das Eismachen gelernt, erzählt Maria Menel. Und auch ihre Schwiegermutter Anna stammt aus einer „Eismacherfamilie“. Anna De Bernardins Großvater verdiente sich bis kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges sein Geld, indem er einen Eiskarren durch die Straßen von Lüdenscheid zog. Ihr Vater Leone Sagui gründete eine Eisdiele in Schweinfurt, später in Plettenberg. Das Eiscafé von „Opa Leone“ gibt es heute noch, die Familie hat es weitergeführt. Eismachen ist eben Tradition.

Vom Ruhrgebiet nach Meinerzhagen

Um seiner Liebe Anna nicht nur in den Wintermonaten in Italien, sondern auch im Sommer etwas näher zu sein, kam schließlich auch Giovanni De Bernardin nach Deutschland. Zunächst zog das junge Paar ins Ruhrgebiet und dann – mit dem damals drei Monate alten Sohn Carlo – in die Volmestadt. An der Derschlager Straße 5 eröffneten Giovanni und Anna De Bernardin das Eiscafé Cortina. Eine Kugel Eis gab es hier für zehn Pfennig.

Die Rollen im kleinen Geschäft waren klar verteilt. „Anna war die Seele des Eiscafés. Alle kannten sie“, erinnert sich die Schwiegertochter. Die 88-Jährige lebt heute in Zoppé di Cadore, dem Heimatdorf in den Dolomiten. „Im Winter sind wir zusammen, wir wohnen im selben Haus, sie unten, wir oben“, erzählt Maria Menel. Zum Jubiläum wäre Anna De Bernardin gerne nach Meinerzhagen gereist. Alte Bekannte wiedersehen, den besonderen Tag „ihres“ Eiscafés in der zweiten Heimat miterleben, das hätte ihr gefallen. Doch durch Corona ist alles schwierig – auch das Reisen.

Naturbelassene Rohstoffe

Anna De Bernardin war die Geschäftsfrau, das „Gesicht des Eissalons“. Ihr Mann war hinter den Kulissen der Chef. Giovanni der Eismacher legte Wert auf exakte Vorgaben, auf genügend Zeit, um gutes Eis herzustellen und auf naturbelassene Rohstoffe wie Eier, Milch, Sahne und Zucker. Industriell hergestelltes Fertigpulver und Geschmacksverstärker sind bis heute ein Tabu – auch wenn sich die Anzahl der Eissorten inzwischen verdreifacht hat. Früher waren es zehn, heute können Eisfans zwischen 32 Geschmacksrichtungen auswählen. Der Favorit ist immer noch Vanille – am liebsten in Spaghettiform. Damals wie heute.

Maria, die heutige Eisdielen-Chefin, kam 1986 aus den Bergen der Dolomiten zu den Hügeln im Sauerland. 35 Jahre – „eine halbe Ewigkeit“ – verkauft sie Sommer für Sommer Eis in Meinerzhagen. „Ich wurde dann die neue Frau De Bernardin“, lächelt sie. Dabei hat sie nach der Hochzeit offiziell ihren Mädchennamen Menel behalten, so wie alle Frauen in Italien.

Volmestadt die zweite Heimat

Mit Eis von „Cortina“ sind Generationen aufgewachsen, und die De Bernardins fanden in der Volmestadt eine zweite Heimat. Der große Bruder Carlo zog nach Hattingen, besitzt dort bis heute ein Eiscafé, während Toni De Bernardin und seine Frau das Familiengeschäft in Meinerzhagen übernahmen und „Cortina“-Gründerin Anna mit den beiden Enkeln Simone und Gianmarco, die zuvor beide in Meinerzhagen den Kindergarten besuchten, schließlich in Italien blieb. Lediglich in den Sommerferien, die in Italien fast drei Monate dauern, kam die ganze Familie nach Deutschland und die Senior-Chefin stand wieder hinter der Eistheke.

Vor zehn Jahren wurde das 50-jährige Bestehen des Eiscafés groß gefeiert. Toni und Maria De Bernardin verrieten damals auch ihre Pläne – den Umzug ihrer Eisdiele in die Fußgängerzone Zur Alten Post, „weil die Terrasse sonnig und wie eine kleine italienische Piazza ist“, schwärmt Maria Menel. Ihr Vorhaben setzen beide noch zusammen um, dann wurden alle Wünsche und Träume jäh zerstört. Toni De Bernardin erkrankte schwer. Der jüngste Sohn Gianmarco starb 2014, acht Monate vor seinem Vater.

Ein starkes Team

Zum Glück sei noch Zeit gewesen, dass ihr Mann ihren ältesten Sohn zu Beginn seiner Erkrankung in die Geschicke des Eismachens einweihen konnte, blickt Maria Menel zurück. Mit Anfang 20 gab Simone De Bernardin seine Arbeit in Italien als Hotelfachmann auf und übernahm die Verantwortung im Familienbetrieb.

Mutter und Sohn sind heute ein starkes Team – „und wir sind so vielen Menschen dankbar“, steht für beide fest. Die Mitarbeiter seien stets an ihrer Seite gewesen. „Ebenso wichtig sind aber auch unsere Kunden“, betont Maria Menel. Kunden, sagt sie, sei nicht das richtige Wort. „Sie sind viel, viel mehr für uns.“ Auch in schweren Zeiten seien alle für die Familie da gewesen.

Corona macht Feier unmöglich

Eine Feier wird es auch aufgrund der Corona-Situation zum 60. Geburtstag nicht geben. Auch jetzt, während der Pandemie, ist die Zeit im Geschäft nicht einfach. Lediglich Eis zum Mitnehmen dürfen Maria Menel und Simone De Bernardin verkaufen. Auf die Zeit im Sommer können sie nur hoffen. Und das tun sie auch. Sie sei ein positiv denkender Mensch, sagt Maria Menel: „Nach Regen kommt auch wieder Sonne“ – nicht nur in der italienischen Heimat, auch im zweiten Zuhause in Meinerzhagen.

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