Dramatische Lebensrettung

Willi Niggemann (links) und Gerd Zeppenfeld holten bereits mehrere Tonnen Wasserpest aus der Listertalsperre. - Fotos: Beil

WINDEBRUCH - Schwimmen ist gesund. Und ganz Hartgesottene frönten ihrem Hobby in der freien Natur sogar noch Ende Oktober. Das Bad in einer Talsperre kann aber auch gefährlich sein. Besonders an der Lister, wo nicht nur wegen der niedrigen Wassertemperaturen, sondern vielmehr durch die wuchernde Wasserpest akute Lebensgefahr für Schwimmer besteht.

Von Jürgen Beil

Diese Erfahrung machte auch der 68-jährige Willi Niggemann, der in Windebruch unmittelbar an dem Stausee wohnt. Am 30. Oktober war der Rentner gegen 11 Uhr gerade am Haus damit beschäftigt, Brennholz zu stapeln. „Zum Glück habe ich kein Holz gesägt. Dabei hätte ich einen Gehörschutz getragen und nichts mitbekommen.“ So aber konnte der ehemalige Ingenieur die eindringlichen Hilfeschreie klar vernehmen, die aus Richtung Lister an sein Ohr drangen: „Ich habe sofort begriffen, dass da jemand in akuter Lebensgefahr ist“, erinnert sich Niggemann. Der Windebrucher reagierte sofort, ließ alles stehen und liegen und kletterte – um den Weg zum Wasser abzukürzen – kurzerhand über die Leitplanke. Nach einem Blick aufs Wasser hatte er die Lage schnell erfasst. Eine Frau hatte sich etwa zehn Meter vom Ufer entfernt in einem dicken Teppich aus Wasserpest verfangen. Aus dem Gewirr der Triebe gab es für sie aus eigener Kraft kein Entkommen mehr, zu sehr hatten sich Körper und Gliedmaßen in den Wasserpflanzen verfangen. „Mit logischem Verstand hatte das was ich dann getan habe nichts mehr zu tun“, resümiert Willi Niggemann. Der 68-Jährige stürzte sich – voll bekleidet und mit Arbeitsschuhen an den Füßen – in die Lister. „Dort, wo die Frau gefangen war, konnte ich nicht mehr stehen. Ich habe mich bis zum Boden sacken lassen, mich abgestoßen, und sie oben gefasst und gezogen. Das habe ich mehrfach wiederholt.“ Schließlich hatte diese Taktik Erfolg, die Frau kam frei. „Ich habe sie dann ans Ufer gebracht, wo sie heftig hyperventilierte.“

Langsam erholte sich die Gerettete schließlich, Willi Niggemann selbst eilte nach Hause und stieg erst einmal unter die heiße Dusche. „Nach einer Stunde war mir aber immer noch kalt“, erinnert er sich im Gespräch mit der MZ. Dass auch die Frau wohlbehalten war, konnte Niggemann noch beobachten: „Sie ging nach Hause.“

Die Wasserpest an der Listertalsperre ist eine echte Plage, da stimmt auch Gerd Zeppenfeld zu, der auf einem Teil der Halbinsel in Windebruch wohnt. Auch er kann sich noch erinnern, vor einigen Jahren im Sommer einen Mann aus dem Pflanzengewirr befreit zu haben: „Zuerst habe ich damals gedacht, das wäre Spaß. War es aber nicht.“ Und so kann sich wohl ein weiterer Badegast freuen, von einem aufmerksamen Anwohner ein zweites Leben geschenkt bekommen zu haben.

Willi Niggemann macht aus seiner Lebensrettung kein großes Aufheben. Der Grund, warum er sich damit überhaupt an die Öffentlichkeit wendet, ist ein anderer: „Die Frau badete im Bereich der Zufahrt zur Lister, an der auch Rettungskräfte im Notfall ihre Boote zu Wasser lassen. Ich glaube, dass Feuerwehr, Polizei oder DLRG bei dem relativ niedrigen Wasserstand momentan überhaupt keine Chance hätten, dort mit dem Motorboot abzulegen. Die Wasserpest, die hier so schlimm wie noch nie wuchert, würde sich sofort in der Schraube verfangen.“ Deshalb wenden sich Niggemann, Zeppenfeld und Ortsvorsteher Fred Oehm mit der Bitte um Hilfe an den Talsperren-Eigentümer Ruhrverband und die Meinerzhagener, Valberter, Hunswinkler, Eseloher und Windebrucher. Wenn der Wasserspiegel noch weiter abgesenkt worden ist und strenger Frost ohne Schneefall ideale Bedingungen schafft, soll wieder eine Großaktion zur Bekämpfung der Wasserpest stattfinden. Freiwillige Helfer können die Pflanze dann „trockenen Fußes“ ans Ufer schaffen, der Ruhrverband soll für den Abtransport sorgen.

Willi Niggemann schritt nach seiner Lebensrettung übrigens zur Selbsthilfe: Zusammen mit Gerd Zeppenfeld und mittels der Seilwinde an seinem Unimog und einer angehakten Egge zog er in den vergangenen Tagen mehrere Tonnen Wasserpest aus der Talsperre. Diese Aktion wurde natürlich dort durchgeführt, wo sich die Frau verfangen hatte und wo Einsatzkräfte ihre Boote wassern.

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