Projekt am Gymnasium

Holocaust-Gedenktag: So sehen ihn Schüler heute

Zufahrt Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau
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Am 27. Januar wird in aller Welt der Opfer des Nationalsozialismus gedacht.

Am Mittwoch, 27. Januar, jährt sich die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau zum 76. Mal. Ein Ereignis, das in Vergessenheit gerät? Ein Lehrer des Evangelischen Gymnasiums Meinerzhagen wollte es genauer wissen.

Meinerzhagen - Als sich im Dezember die Schulen dem zweiten Lockdown näherten, stand für den Abi-Jahrgang in NRW das Thema „Der Nationalsozialismus und die Folgen“ an. Am Evangelischen Gymnasium unterrichtet Dietmar Först einen Zusatzkurs im Fach Geschichte – einen der obligatorischen Kurse vor dem Abitur, den alle diejenigen belegen müssen, die bis dahin das Fach in der Oberstufe nicht wählen wollten oder konnten.

Die Jugend von heute – politisch und geschichtlich wenig interessiert? Först erlebt gerade das Gegenteil: Er traf auf äußerst motivierte Schülerinnen und Schüler, die auch im Video-Unterricht auf Distanz intensiv diskutieren, was – und wie – man aus der Geschichte lernen kann. Sechs von ihnen sollen hier anlässlich des heutigen internationalen Holocaust-Gedenktags zu Wort kommen.

Amelie Weidinger: „Der Gedenktag ist hochaktuell“

Die Q2-Schülerin Amelie Weidinger ist überzeugt davon, dass ein Großteil der Jugend die Erinnerung an das Geschehene in der NS-Zeit für wichtig hält. „Ich empfinde den Gedenktag an die Befreiung des KZ Auschwitz als hochaktuell, da wir in einer Zeit leben, in der Rechtsradikalismus weiterhin eine Rolle spielt.“ Gedenktage wie der heutige könnten dazu beitragen, eine nationalistische Entwicklung der Politik zu verhindern. „Wenn man realisiert, wie einseitig und eindimensional die Gesellschaft wäre, wenn man alle Menschen, die von der Norm abweichen, unterdrücken oder in KZs stecken würde, möchte man gar nicht in so einer Gesellschaft leben.“ Die Vermittlung des Themas auch solchen Menschen gegenüber, die das Gedenken als veraltet betrachten, könne aber nur gelingen, wenn etwa die Jugend aktiv angesprochen werde. „Sollte die Allgemeinheit nicht über die Auswirkungen von Rechtsradikalismus belehrt werden, ist es deutlich schwerer, Dinge wie islamfeindliche Demonstrationen, wie sie die ,Pegida‘ durchführt, oder antisemitische Äußerungen im Musikgenre Rap als ethisch eindeutig falsch zu erkennen und die Musik nicht beispielsweise mit Humor zu rechtfertigen.“ Nicht zuletzt derzeit sei es besonders wichtig, „das Wahre vom Falschen zu trennen“ und sich nicht von Propaganda in Form von Falschmeldungen oder Ähnlichem täuschen zu lassen, meint Amelie Weidinger.

Florent Shala: „Es sollte ein Tag des Nachdenkens sein“

Für Florent Shala ist der heutige Gedenktag optimal dazu geeignet, sich an die Gräueltaten der Nationalsozialisten zu erinnern und innezuhalten: „Es sollte ein Tag des Nachdenkens sein“, sagt der Q2-Schüler des EGM. Eine Würdigung stehe den Opfern des Nationalsozialismus zweifellos zu und der Tag sei ausschließlich diesen gewidmet. „Als Geste des Respekts sollte dieser Gedenktag entsprechend behandelt werden, um auch Überlebenden aus der Zeit und den Angehörigen der Opfer Anerkennung zu erweisen.“ Dabei sollte den Jugendlichen der heutigen Zeit der Gedenktag sogar am wichtigsten von allen sein, ist Shala überzeugt. „Vor allem heutzutage zeichnen sich (immer noch!) Parallelen zu der Zeit des Nationalsozialismus ab, sowohl in Deutschland als auch weltweit. Der zunehmende Rechtsextremismus, der Missbrauch von Massenmedien, Verschwörungstheoretiker: Die Corona-Pandemie hat uns gezeigt, wie all das in Ausnahmesituationen zum Vorschein kommen kann.“ Der Schüler erinnert dabei auch an moderne Konzentrationslager, wie sie in China für die uigurische Minderheit eingerichtet worden seien. „Als Jugendliche, die die Zukunft von morgen gestalten, tragen wir die Verantwortung, dass sich die Geschichte zumindest auf deutschem Boden nicht wiederholt. ,Nie wieder‘ ist seit Ende der dunkelsten Zeit deutscher Geschichte das Motto – und genauso soll es auch bleiben.“

Jamie-Elijah Zöller: „Man müsste noch mehr tun“

Für den Schüler des EGM ist der heutige Gedenktag „wichtig und angemessen, denn so ein Völkermord darf nie wieder in Zukunft geschehen“. Und er sagt: „Ich bin sogar der Meinung, dass man noch mehr tun müsste, um zu verhindern, dass der Holocaust und seine vielen Millionen Opfer in Vergessenheit geraten.“ Zumal immer weniger Zeitzeugen von ihren Erlebnissen berichten könnten. Jamie-Elijah Zöller weiß durchaus, dass die Jugend hinsichtlich des Holocaust-Gedenkens gespalten sei. „Auf der einen Seite wollen viele nichts mehr von diesem Thema hören, weil sie sich teilweise mitverantwortlich fühlen, auch wenn sie zu der Zeit noch nicht gelebt haben. (...) Auf der anderen Seite gibt es auch viele Jugendliche, die sehr interessiert an diesem Thema sind. Sie gründen oder unterstützen beispielsweise Organisationen und starten Projekte, um an den Holocaust zu erinnern. Dazu versuchen sie, letzte Zeitzeugen zu bitten, ihre Geschichten zu erzählen, um gegen das Vergessen anzukämpfen. Denn die Opfer des Holocaust verdienen es, dass man an sie denkt und sie respektiert. Antisemitismus sollte keinen Platz in unserer Gesellschaft haben, denn alle Menschen sind gleich und haben somit gleichermaßen Recht auf Leben.“

Selay Sahin: „Zu viele Unschuldige mussten sterben“

Die Vergangenheit darf nicht in Vergessenheit geraten, sagt Selay Sahin. Die Q2-Schülerin sieht den Holocaust-Gedenktag als wichtigen Baustein dafür, dass die Menschen auch heute auf Tendenzen von Fremdenfeindlichkeit und Menschenfeindlichkeit aufmerksam gemacht werden. Zudem verdienten die Opfer des Holocaust und ihre Angehörigen größten Respekt – und der komme mithilfe des Gedenktags besser zum Ausdruck. „Zu viele unschuldige Menschen mussten sterben und sehr viele Familienmitglieder um sie trauern. Wenn so ein Tag heute nicht mehr für wichtig erachtet wird, würden wir ihnen diesen Respekt vorenthalten.“ Nicht umsonst sage man, dass die Jugend die Zukunft ist. „Wenn dieser Gedenktag heute oder künftig nicht mehr existieren würde, würden junge Menschen später vielleicht eher dazu tendieren, ähnliche Fehler zu begehen sowie ihren Respekt gegenüber den Opfern zu verlieren.“ Damit Jugendliche und weitere Generationen nicht passiv bleiben und eingreifen können, wenn eine Gefahr der Verletzung der Menschenrechte droht, müssten sie über die Vergangenheit informiert bleiben – etwa in Form eines Gedenktages.

Jason Siebert: „Überaus wichtig für die Erinnerung“

Erinnerung, damit sich die Ereignisse nicht wiederholen können – das macht für Jason Siebert den Holocaust-Gedenktag aus. „Aus diesem Grund sehe ich den heutigen Gedenktag an den Holocaust nicht nur als angemessen, sondern auch als überaus wichtig für unsere Gesellschaft, damit der Holocaust mit all seinen Opfern nicht in Vergessenheit gerät und stets in unseren Erinnerungen bleibt.“ Jugendliche könnten jedoch mit diesem Gedenktag oftmals nicht allzu viel anfangen und wüssten oftmals auch gar nicht, an welchem Termin er stattfinde. Doch das sei wichtig, denn: „Wir sollten der Menschen gedenken, die ihr Leben durch das NS-Regimes verloren haben, und wir sollten immer daran denken, dass Rassismus keinen Platz in unserer Gesellschaft haben darf, da alle Menschen gleich sind und ein jeder ein Recht auf das Leben hat.“

Michelle Joite: „Verstehen, wie es dazu kommen konnte“

Das Bewusstsein, in einem freien, demokratischen Land zu leben, werde durch den Gedenktag gestärkt, meint Michelle Joite. „Auch für uns Jugendliche ist es essenziell, dass wir uns in der Schule ausführlich mit dem Nationalsozialismus beschäftigen, um zu verstehen, wie es überhaupt zu einer Katastrophe dieser Art kommen konnte und wie wir dies in Zukunft verhindern können. Der Holocaust-Gedenktag ist also sowohl für Erwachsene, als auch schon für Jugendliche von großer Bedeutung, da dieser uns das heutige Leben in einer Demokratie wertschätzen lässt und uns stetig daran erinnert, dass unbedachte Wahlen Konsequenzen wie den Nationalsozialismus mit sich bringen können.“

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