Spurlos verschwunden

Schülerin kehrt nach den Ferien nicht in die Schule zurück - Wurde sie zwangsverheiratet?

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Die Meinerzhagener Schüler sorgen sich um ihre Klassenkameradin, die spurlos verschwunden ist.

Meinerzhagen - Es ist die Geschichte zerrissener Freundschaften und einer familiären Tragödie: Zara, Nelli, Erona, Julia und Emirhan sind immer noch erschüttert, wenn sie vom Schicksal ihrer Freundin erzählen.

Zwangsverheiratung, niedere Haushaltsdienste und eine offenbar äußerst patriarchalisch geführte Familie: Wenn die Schülerinnen und Schüler vom Leben ihrer Freundin erzählen, klingt das wie der Bericht aus einer anderen Zeit. 

Die 12- bis 14-jährigen Schüler wissen allerdings, wovon sie reden – und auch ihre Klassenlehrerinnen Edith Bose und Anouk Wittbusch sorgen sich um ihre einstige Schülerin. Im Gespräch schilderten sie jetzt ihre Erlebnisse, die mittlerweile um ein trauriges Kapitel reicher sind: Liana (Name geändert) ist seit Juli spurlos verschwunden. 

Schwierige Familienverhältnisse

Doch von vorn. „Es ging ihr schon lange vorher nicht gut. Sie sagte, dass sie sämtliche Hausarbeiten erledigen und sogar ihre Wäsche von Hand waschen müsse, obwohl der Rest der Familie die Waschmaschine nutze“, sagt die 13-jährige Zara, die mit Liana gut befreundet war. 

Die Familienverhältnisse, so bestätigen auch andere Bekannte, seien schwierig gewesen: Die Stiefmutter brachte demnach drei eigene Kinder mit in die Familie, deren Vater ein äußerst konservatives Weltbild vertrat.

Kurz vor den Ferien wurde sie immer verschlossener

Kurz vor den Ferien sei das Mädchen, dessen Eltern aus dem Iran stammen, immer verschlossener gewesen. „Und dann sagte sie, dass sie am 18. Juli in den Iran fliegen wird. Als sie mir wenige Tage vorher ihr Klassen-T-Shirt zur Erinnerung schenkte, ahnte ich schon, dass ich sie länger nicht wiedersehen würde“, erzählt Zara.

 „Ihre Eltern haben gesagt, dass Liana freiwillig im Iran geblieben ist. Wir wissen, dass das nicht stimmt.“ Denn: Über andere Quellen haben die Schülerinnen erfahren, dass die Iranerin offenbar bereits im Kindesalter einem anderen Mann versprochen wurde und zwangsverheiratet werden sollte.

„Sie hat uns erzählt, dass sie im Iran bleiben muss. Wir haben versucht, sie zu überzeugen, dass sie mit einer Lehrerin darüber redet, die ihr hilft. Doch sie wollte das nicht.“ 

BMFSFJ: Zahl von Betroffenen bei 3000 Mädchen jährlich

Das Bundesfamilienministerium schätzt die Zahl der Mädchen, die von Zwangsverheiratung bedroht sind, auf jährlich 3000. Die Dunkelziffer ist hoch, „und vor den großen Ferien häufen sich die Warnzeichen: Ein Großteil der Familien fährt im Sommer in das Land der Eltern, wo die Hochzeitszeremonie meist schon abgesprochen ist“, wie die Zeitung „Die Welt“ vor Jahren über einen konkreten Fall berichtete. 

„Wenn das Schuljahr wieder anfängt und ein Mädchen nicht erscheint, wird das in keiner Studie erfasst“, wurde auch Katrin Schwedes zitiert. Sie ist Leiterin der Berliner Beratungsstelle der Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes. Katrin Schwedes sagt: „Manche Mädchen gehen dadurch einfach verloren.“ 

Wenn es nicht aufmerksame Klassenkameraden und -lehrer gibt. Wie die von Liana in Meinerzhagen. Versuche der Klassenlehrerinnen, über Jugendamt und Ausländerbehörde die drohende Abreise Lianas zu verhindern, verliefen im Sande.

Jugendamt: "Fall wurde umfänglich bearbeitet"

Das für Meinerzhagen zuständige Jugendamt sitzt im Lüdenscheider Kreishaus und wusste zwar vom Verdachtsmoment, wie Kreis-Pressesprecher Hendrik Klein auf Anfrage bestätigt. „Der Fall war bekannt und wurde umfänglich bearbeitet“, betont er. Allerdings habe eine Zwangsheirat „nicht bestätigt werden können“. 

Nach Gesprächen mit der Familie habe auch die Anbahnung einer solchen, in Deutschland illegalen, Hochzeit nicht im Raum gestanden. Dass Liana seit Juli aber spurlos verschwunden ist, während ihre Halbgeschwister, ihr Vater und ihre Stiefmutter immer noch in Deutschland leben, steht fest. Und immer noch hoffen ihre Freundinnen Nelli, Zara, Julia und Erona sowie ihr Klassenkamerad Emirhan auf ein gutes Ende – und ein baldiges Wiedersehen. 

Der Märkische Kreis als zuständige Behörde wolle sich den Fall noch einmal vornehmen, sagte Hendrik Klein. Die Chancen auf ein Eingreifen im Iran und die Rückholung sind aber gering. Dazu müsste das Kind von sich aus eine Rückkehr verlangen.

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