Schräger Pfarrer auf Tour im Ebbedorf Valbert

Ingmar Maybach-Mengede ist Kabarettist und Pfarrer in einer Person.

VALBERT ▪ Die Kirche ächzt unter starkem Mitgliederschwund, da fragen sich viele: „Wie kann man sie fit für die Zukunft machen?” Ingmar Maybach-Mengede wartete am Samstagabend im voll besetzten evangelischen Gemeindehaus In den Bäumen mit überraschenden Ideen auf.

„Wir brauchen mehr Mut zum Personenkult,” feixte der evangelische Pfarrer, der nicht nur optisch neue Maßstäbe setzt: Lange Haare, rasierte Schläfen, Ohrring - rein äußerlich würde der Geistliche, der 1999 seine kabarettistische Ader entdeckte und derzeit durch die Republik tourt, auch bei den Hells Angels gut ankommen. Doch sein Herz schlägt nicht im Zweitakt-Rhythmus eines Harley-Motors. Er will frischen Wind in alte Kirchenmauern bringen, den Staub aus alten Strukturen klopfen. Und das gelang am Samstag ganz gut.

Zunächst brachte er sein Publikum auf Touren: „Ich komme jetzt noch mal rein. Dann klatschen bitte alle im Takt der Musik und die ersten beiden Reihen rufen im Chor ,Ingmar soll Bischof werden’.” Von der Damenwelt verlangte er, das Spektakel mit hysterischem Gekreische zu begeleiten. Und siehe da: Sofort herrschte eine viel enthusiastischere Atmosphäre im Raum.

Das muss doch in der Kirche auch möglich sein. “Ich plane mich selbstständig zu machen”, verriet der Kabarettist – „als klerikaler Kapitalist”. Seine kongeniale Geschäftsidee: Halbierung der Beerdigungskosten durch die Kooperation mit einem bekannten schwedischen Möbelhaus. Wer kenne das nicht: Man sucht das Regal „Billy” oder „Hemnes” selber aus, trägt es nach Hause und baut es dort sorgsam zusammen. („Meistens bleibt eine Schraube übrig.”). „Wir Theologen nennen so etwas Beziehungsaufbau.” Wäre es nicht schön, den eigenen Sarg auch bereits zu Lebzeiten in einem vertrauten Einrichtungshaus auszusuchen und so eine Art “Diesseits-Jenseits-Kontinuität zu erreichen“?

Begeisterung rief der evangelische Pfarrer hervor, als er mit Hilfe zweier Besucherinnen das bekannte Bild der Sixtinischen Madonna nachstellte, zu deren Füßen zwei Engel ausharren, die als Kaffeetassen- oder Postermotiv wohl mittlerweile bekannter sind als ihr Schöpfer Rafael selber. Als Madonna musste eine Bild der Kanzlerin herhalten, die Maybach-Mengede als „Engel des Protestantismus” bezeichnete. „Wo sie auch hinkommt verbreitet sie die Atmosphäre eines evangelischen Gemeindehausnachmittags.”

Immer wieder griff der Pfarrer in die Saiten seiner Gitarre, sang sich den Frust des Predigers von der Seele, dem nun aber auch gar nichts für die Sonntagspredigt einfallen will oder spannte sein Publikum beim Song „Arbeitslos - ein fröhliches Mitmachlied” mit ein. Er plädierte für Zielgruppengottesdienste, die auch bislang vernachlässigte Personenkreise ansprechen. „Vielflieger zum Beispiel. Sie brauchen den akustischen Reiz eines dumpfen grummelnden Düsengrollens zur Überwindung ihrer Hemmschwelle.” Wenn die Gemeinde das überzeugend simulieren könne, wäre da noch einiges zu machen.

Nach eineinhalb Stunden „Christlich Satirischer Unterhaltung” verlangte das Publikum durch rhythmisches Klatschen nach einer Zugabe. Nach der Show gab’s Silberlinge mit dem aktuellen Programm des Kabarettisten zu kaufen, die er auf Wunsch gerne signierte.

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