Joachim Król beherrscht die Klaviatur der Emotionen

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Er traf immer den richtigen Ton: Joachim Król begeisterte bei der szenischen Lesung des Romans „Seide“. Die Aufnahmen entstanden bei der Generalprobe in der Stadthalle – das Fotografieren während der eigentlichen Veranstaltung war nicht erwünscht.

MEINERZHAGEN - Zuerst war im Dunkel der Stadthalle nur die aus Film und Fernsehen wohlbekannte Stimme zu hören: Sie führte die rund 280 Zuhörer am Samstagabend in eine Geschichte, die Mitte des 19. Jahrhunderts in einem südfranzösischen Städtchen beginnt und augenblicklich jeden in ihren Bann zog.

Von Luitgard Müller

Dann glitt der Bühnenvorhang zur Seite und gab den Blick frei auf die drei Musiker des „South of the Border Jazztrios“, das mit einem feinen Klanggewebe auf den Roman „Seide“ von Alessandro Baricco einstimmte - und schließlich betrat Joachim Król selbst die Bühne, die er während des Abends auf einem Barhocker hinter einem Lesepult sitzend mit intensiver Präsenz beherrschte.

Hervé Joncour, „einer jener Menschen, die dem eigenen Leben gern beiwohnen, während sie jegliches Bestreben, es zu leben, für unangebracht halten“, steht im Mittelpunkt des Bestseller-Romans. Eigentlich für eine glänzende Militärlaufbahn vorgesehen, verdient er seinen Lebensunterhalt mit dem Kauf und Verkauf von Seidenraupen, „einem ungewöhnlichen Beruf, dem ironischerweise zudem ein so liebenswerter Zug anhaftete, dass er eine unbestimmte weibliche Färbung verriet“. Seine Reisen führen ihn nach Japan, wo er einer Frau begegnet, die in ihm eine Leidenschaft und Sehnsucht entfacht, die ihn nicht wieder loslässt und die er als sein großes Geheimnis hütet - bis er entdecken muss, dass sich dahinter ein weit größeres verbirgt. Der Bestseller-Roman des italienischen Schriftstellers gibt Joachim Król Gelegenheit, alle Register seines stimmlichen Ausdrucks zu ziehen. Er beherrscht die gesamte Klaviatur der Emotionen, trifft immer den richtigen Ton, laut oder leise, romantisch, melancholisch, dramatisch, knisternd vor Erotik, mit nuancenreichem Sprachrhythmus vorwärtsdrängend, verhaltend oder pausierend. Dabei werden Hände und Arme von der Handlung gepackt, vibrieren, deuten, untermalen die Schilderungen. Der versierte Bühnenschauspieler wird zum Regisseur.

Die Musiker des Jazztrios, Ekkehard Rössle (Klarinette, Saxophon), Christoph Dangelmaier (Bass) und die Koreanerin Gee Hye Lee am Flügel, unterstützen Król dabei, die Geschichte von Glück und Illusion in Szene zu setzen. Sie liefern den Soundtrack zum Kopfkino. Subtil und mit Leichtigkeit greifen sie die Klangfarben von „Seide“ auf, lassen aber auch Zeit, die Worte nachhaltig wirken zu lassen. Begleitet von feinfühliger Lichtregie, ergab sich so ein Gewebe aus Wort und Musik, atmosphärisch dicht und dennoch schwerelos - wie Seide eben, „als halte man das Nichts in den Händen“, in das sich die aufmerksamen Zuhörer gern einspinnen ließen und das sie zum Dank mit minutenlangem Applaus belohnten.

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