Friedhof auch für russische Zwangsarbeiter

Auf dem jüdischen Friedhof an der Heerstraße finden sich zahlreiche Grabplatten, auf denen sowjetische Namen an die hier Bestatteten erinnern. Die Stadt Meinerzhagen pflegt die Anlage. - Foto: Beil

Meinerzhagen - „5200 Einwohner, zusätzlich etwa 1700 Zwangsarbeiter, die meisten davon aus der ehemaligen Sowjetunion.“ Martin Witscher und Stadtarchivarin Ira Zezulak-Hölzer haben diese Zahlen, die sich auf Meinerzhagen beziehen, recherchiert. Sie stammen aus einer Zeit, in der in Meinerzhagen die Hakenkreuz-Fahnen wehten.

Von Jürgen Beil

Im „Dritten Reich“ wurden Zwangsarbeiter auch in die Volmestadt deportiert – und das in großem Stil, wie die heimische Historikerin schon vor geraumer Zeit herausgefunden hat.

Erst vor wenigen Tagen machte Bundespräsident Joachim Gauck bei einem Besuch des ehemaligen Kriegsgefangenenlagers Senne auf das Leid der russischen Kriegsopfer aufmerksam, die nach seiner Ansicht „aus dem Erinnerungsschatten geholt werden müssen“.

Sowjetische Kriegsopfer auch in Meinerzhagen

Sowjetische Kriegsopfer gab es auch in Meinerzhagen – heute zeugen davon nur noch wenige Grabplatten, die auf dem jüdischen Friedhof an der Heerstraße liegen. Das Gräberfeld und die komplette Anlage befinden sich im Besitz des Landesverbandes jüdischer Kultusgemeinden von Westfalen/Lippe. Ein Gesetz verpflichtet die Stadt Meinerzhagen allerdings, den kleinen Friedhof zu pflegen. Das geschieht regelmäßig und so sind auch die Grabplatten der Zwangsarbeiter noch gut erhalten. Heute besucht einmal jährlich ein Mitarbeiter des Landesverbandes gemeinsam mit städtischen Mitarbeitern den Friedhof an der Heerstraße und macht sich ein Bild vom Zustand der Anlage.

„In Meinerzhagen gibt es zwei jüdische Friedhöfe, beide – auch der am Schwarzenberg – wurden 1939 geschändet“, hat Ira Zezulak-Hölzer herausgefunden. Später gingen die Gräberfelder an das Deutsche Reich über, das wiederum die Kommune verpflichtete, die Friedhöfe zu kaufen. „So wurde daraus sogar noch Kapital geschlagen“, erläutert Zezulak-Hölzer.

Hunger war das Hauptproblem

Auffallend viele junge Frauen, einige mit Säuglingen, seien unter den Zwangsarbeitern in Meinerzhagen gewesen, weiß Ira Zezulak-Hölzer, davon etliche aus der Ukraine. „Klar, die meisten russischen Männer waren doch zum Militärdienst eingezogen“, fügt die Historikerin hinzu. Wie die Zwangsarbeiter an der Volme behandelt wurden, darüber gibt es inzwischen auch Erkenntnisse: Hunger war das Hauptproblem. Und einige sind hier gestorben – dabei dürfte die Ernährung eine Rolle gespielt haben und auch die Tatsache, dass die Zwangsarbeiter draußen bleiben mussten, wenn die Einheimischen, zum Beispiel bei der Bombardierungen, Schutz in den Bunkern suchen durften“, erklärt Ira Zezulak-Hölzer.

Lungentuberkulose als häufigste Todesursache

Woran die Arbeiter aus dem Osten gestorben sind, darüber geben die Akten Auskunft, die noch immer im Stadtarchiv aufbewahrt werden. Ob die Diagnose in allen Fällen stimmt, bleibt allerdings unklar. Offizielle Todesursache war in vielen Fällen Lungentuberkulose, damals auch als „Schwindsucht“ bekannt. Aber auch „Lungenentzündung“, „Altersschwäche“, „Herzmuskelschwäche“ und in einem Fall eine Alkoholvergiftung – der Tod trat dabei im Polizeigewahrsam ein – wurden niedergeschrieben.

„5,7 Millionen russische Kriegsgefangene gab es damals in Deutschland, 50 Prozent von ihnen wurden von den Nationalsozialisten umgebracht – die meisten wohl durch eine ,Nicht-Versorgung’. Sehr viele russische Kriegsgefangene waren im Hemeraner Stalag untergebracht. In Meinerzhagen hingegen gab es wohl nur russische Zivilisten“, hat Stadtarchivarin Ira Zezulak-Hölzer recherchiert.

Von jenen etwa 1700 Menschen, die gegen ihren Willen in Meinerzhagen und Valbert schuften mussten, haben übrigens 60 bei der „Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ eine Entschädigung für ihre Leidenszeit beantragt. Einige davon haben sich selbst gemeldet, andere konnte die Stadtarchivarin über die Menschenrechtsorganisation „Memorial“ ermitteln.

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