Langemann-Haus: Demokratie am Herd

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Manuela Reinders hörte sich die Wünsche der Bewohner aufmerksam an und ging darauf ein.

Meinerzhagen - Hausgemachter Heringsstipp, Reibeplätzchen mit Apfelmus, Königsberger Klopse. Wenn es ums Essen geht, sind die Plätze eins bis drei im Wilhelm-Langemann-Haus schnell vergeben, da sind sich die meisten Bewohner der Senioreneinrichtung des Pertheswerkes an der Mühlenbergstraße einig.

Von Jürgen Beil

Dass diese Leckerbissen mittags dann auch oft genug auf den Teller kommen, dafür sorgen die Senioren selbst – und sie haben ein sehr wirksames „Instrument“: die Rezeptgruppe. Einmal im Monat, immer mittwochs, trifft sich das „Gremium“, mit dabei sind dann auch die Küchenleitung in Person von Manuela Reinders und Sozialdienstleiterin Martina Hüttebräucker. Auch am Mittwoch saßen sie mit acht Bewohners wieder zusammen und hörten aufmerksam zu.

Im Laufe des Treffens geht es dabei nicht nur um konkrete Essenswünsche, oft entwickeln sich interessante Diskussionen rund um Lebensmittel und alte Essgewohnheiten. Mittwoch zum Beispiel stand plötzlich eine ganz spezielle Frage im Raum: „Kann man Kornblumen essen?“ Ein abschließendes Urteil wurde in dieser Angelegenheit nicht gefällt – Spaß hatten aber alle. Dazu tragen auch Wortwechsel wie dieser bei: „Und was essen Sie gerne?“ Antwort: „Alles“. Zwischenruf: „Kannibale“.

Doch es gibt auch ernstere Anliegen, die den Senioren den Alltag erleichtern: Waren die Scheiben im Kartoffelsalat beim letzten Mal zu groß? „Ja“, befand eine Senioren. Ein dauerhaftes Problem soll das aber nicht darstellen: „Wir versuchen es jetzt mal mit gewürfelten Kartoffeln, die sollten besser zu kauen sein“, hat Manuela Reinders schnell eine Lösung parat, die alle zufriedenstellt. Und auch die leise Kritik am Vollkornbrot, das zu grob ausgefallen war, wird aufgenommen: „Wir bestellen demnächst die mittlere bis feine Variante“, versprach Manuela Reinders.

Dicke Bohnen, Äpfel und Kartoffeln, Stielmus, Graupensuppe, Brathering und Steckrüben – all das kennen die älteren Menschen im Langemann-Haus „von früher“ – und sie finden es auch heute noch regelmäßig auf ihren Tellern. Denn auch darin sehen Manuela Reinders und ihre Mitarbeiterinnen eine Art Verpflichtung: Alte Rezepte zu bewahren. Damit erreichen sie gleich zwei Ziele: Eine gesunde und ausgewogene Ernährung mit viel Gemüse und einen hohen Zufriedenheitsgrad innerhalb des Seniorenheimes.

Essen kann Therapie sein, denn häufig löst eine bestimmte Speise Erinnerungen aus: „Zur Kommunion der Kinder wurde oft ein Schwein geschlachtet. Dann wurde gewurstet. Spontan Essen gehen, sich einen Döner holen – früher gab es das nicht“, berichtete eine Seniorin. Kochen stand also hoch im Kurs, eine Erklärung dafür, dass Speisen und Getränke im Langemann-Haus einen so hohen Stellenwert haben. Angst, dass alte Rezepte aus der deutschen Küche verschwinden, haben die Senioren aber nicht: „Dazu gibt es doch Kochbücher“, lacht Anna Warm, Vorsitzende des Bewohnerbeirates.

Auf die kalte Jahreszeit freuen sich viele Senioren sehr. Dann stehen wieder „Klassiker“ wie Grünkohl, Wirsing, Rosenkohl und Stielmus auf dem Speiseplan, ebenso wie Sauerkraut. Das gab es übrigens gestern, als Eintopf mit Kartoffeln, Kassler und Ananas. Die Angehörigen der Rezeptgruppe hatten sich die Stärkung nach ihrer einstündigen Sitzung besonders verdient.

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