Rechte Hand des Ministers pendelt mit Zug zum „Zepp“

+
Gunter Pleuger, der seine Jugend in Kierspe verbrachte, auf dem Campus der Viadrina. Er avancierte im Außenministerium zum Stellvertreter von Joschka Fischer und war dann Botschafter bei den Vereinten Nationen in New York. Etwas ruhiger geht es heute für ihn als Präsident der Europa-Universität in Frankfurt an der Oder zu.

KIERSPE - Die Eisenbahn verkehrte damals noch fahrplanmäßig durchs Volmetal. Während der Zug über die Schienen polterte, nutzten Gunter Pleuger, damals ein Jugendlicher wie alle anderen, und seine Mitschüler die Zeit und machten auf ihren Plätzen im Waggon die Schulaufgaben.

Jeden Tag fuhr er von Kierspe nach Lüdenscheid, wo er das Zeppelin-Gymnasium besuchte. So verbrachte er viel Zeit in der Bahn, die für die Menschen nach dem Zweiten Weltkrieg das wichtigste Transportmittel war. Nachdem seine Eltern, Alfred und Maria Pleuger, die Stadt verließen, um sich in Köln-Königsforst niederzulassen und dort ihren Ruhestand zu genießen, ging Gunter Pleuger nicht mit, sondern zog bei seiner Tante in Brügge ein, um das letzte Jahr von dort aus die Schule zu besuchen und sein Abitur zu machen. „Ich war gerade in der Oberprima“, erinnert er sich.

Inzwischen ist Gunter Pleuger, der zehn Jahre seines Lebens in Kierspe wohnte, 70 Jahre alt, doch er ist nach wie vor ein unruhiger Geist, unternehmungslustig und voller Tatendrang. Auszuruhen ist ihm bis heute fremd. Ebenfalls in seiner Funktion als Präsident der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder jagt ein Termin den nächsten. Gerade erst ein längeres Gespräch mit seiner Sekretärin beendet, nimmt er sich dann aber trotzdem eine Menge Zeit, um im Gespräch mit der Meinerzhagener Zeitung über sein Leben zu berichten und von seiner Zeit in Westfalen zu erzählen. Der hochkarätige Diplomat ist inzwischen seit drei Jahren an der Viadrina. Zuvor hatte er seit 2006 für zwei Jahre einen Lehrauftrag an der Universität Potsdam für multilaterale Verhandlungstaktik und internationale Politik.

Da konnte er natürlich aufgrund seiner Laufbahn aus dem Vollen schöpfen: Von 1999 bis 2002 war er Staatssekretär im Auswärtigen Amt und Stellvertreter des Außenministers, also seine „rechte Hand“. Dann schickte Joschka Fischer seinen Lieblingsbeamten nach New York, wo Gunter Pleuger bis 2006 der Ständige Vertreter Deutschlands bei den Vereinten Nationen war. Hier vertrat er Deutschland unter anderem im Weltsicherheitsrat, in dem die Bundesrepublik von 2003 bis 2004 nicht-ständiges Mitglied war. Vielen Menschen bekannt wurde er durch den Irak-Konflikt, da er dort die Position Deutschlands, das zu dem Zeitpunkt den Vorsitz hatte, in zahlreichen öffentlichen Stellungnahmen vertrat. Sonst arbeitete er häufiger eher im Hintergrund. „Ich habe im Auswärtigen Amt erreicht, was man dort erreichen kann“, sagt er zufrieden, wenn er auf seine Karriere zurückblickt.

Gunter Pleuger floh mit seinen Eltern und drei weiteren Geschwistern 1945 aus der mecklenburgischen Hansestadt Wismar vor der Roten Armee in den Westen. Nach verschiedenen anderen Stationen verschlug es die Familie vier Jahre später nach Kierspe, wo Alfred Pleuger, der gelernter Uhrmacher und Augenoptiker war, das Geschäft des an Kriegsfolgen verstorbenen Willi Schmidt übernehmen konnte, um so das Auskommen der Familie zu sichern. Westfalen war Alfred Pleuger, der aus Altena-Evingsen stammte, dabei nicht fremd. Als der junge Gunter in den Ort kam, fand er ganz schnell Freunde: Dabei half ihm Annemarie Quabeck, genannt „Annemie“. „Sie war die Tochter des Metzgers, ein kleines nettes blondes Mädchen, aber auch ein richtiges Alpha-Tier, denn sie war überall die Anführerin“, denkt er an die ersten Tage in Kierspe zurück, „sie saß zusammen mit vier anderen Kindern vor dem Schaufenster und frage mich, als ich vorbeikam, ob ich mit ihnen spielen wolle. Damit hatte ich die Eintrittskarte nach Kierspe.“

Von seiner Volksschulzeit weiß er nicht mehr allzu viel, denn er besuchte die Pestalozzischule aufgrund seines Alters bloß ein Jahr lang und wechselte danach aufs „Zepp“. Aber ein paar Ereignisse sind ihm dann doch im Gedächtnis geblieben: So, als er mit vier anderen Kindern im Wald spielte und sie ein Versteck mit Handgranaten aus dem Krieg fanden. „Ich nahm eine in die Hand und zog am Zünder. In dem Moment kam ein Mann vorbei, sprang auf mich zu und riss mir das Ding aus der Hand und warf es so weit wie möglich weg“, so Pleuger. Ein anderes Mal erging es einem Jungen, mit dem er damals befreundet war, schlechter, als er beim Spielen mit solchem Kriegsmaterial sein Auge verlor.

Gunter Pleuger erinnert sich in dem Zusammenhang an eine schlimme Begebenheit aus seiner Volksschulzeit, als der Lehrer seinem Freund wegen Schwatzen im Unterricht eine so heftige Ohrfeige gab, dass sein Glasauge aus der Augenhöhle sprang und zu Boden fiel. Die Gewalt seitens der Pädagogen weckt bei ihm heute noch stark negative Gefühle. „Ein anderes Mal hatten wir Jungs ein Vogelnest ausgenommen und wurden dafür mit dem Stock verprügelt“, schildert er. Positiv im Gedächtnis geblieben ist ihm allerdings, dass sein Vater anschließend zum Direktor gegangen ist und ihm gedroht hat, dass er das gleiche mit ihm mache, wenn das noch einmal passiere. „Und mein Vater hatte eine kräftige sportliche Konstitution, denn er war Ringer.“

Gut und sehr gerne erinnern kann sich der langjährige Diplomat noch an seine Kumpel aus der Zeit am Gymnasium in Lüdenscheid, das er immerhin zehn Jahre lang besuchte. Er nennt Namen wie Gustav und Benno oder auch seinen guten Freund Diethard Erbslöh, „den“, so schmunzelt Pleuger, „wir immer ‚Erbse“ nannten“. Er war ein Verwandter, vermutlich ein Neffe, des berühmten Malers Adolf Erbslöh, der als bedeutender Vertreter der klassischen Moderne gilt. „Erbses Vater hatte einen Bauernhof bei Kierspe. Wir waren in einer Klasse zusammen von der Sexta bis zur Oberprima. Er ging immer den weiten Weg zur Bushaltestelle zu Fuß und fuhr dann zum Bahnhof, um dort mit uns anderen in den Zug einzusteigen“, berichtet Gunter Pleuger, in der Stimme noch immer so etwas wie Anerkennung. Morgens um 6.27 Uhr fuhr die Eisenbahn ab Kierspe und um 13.45 Uhr ging es dann wieder zurück von Lüdenscheid aus. Diethard sei durch seinen weiten Schulweg fast zwölf Stunden von zuhause weg gewesen, habe aber die ganze Schulzeit durchgehalten. „In Kunst war er immer der Beste“, betont Pleuger, der immer noch zu „Erbse“ Kontakt hat. Diethard Erbslöh hat Kybernetik studiert und lebt heute in Süddeutschland, wo er ein Computermuseum aufgebaut hat. Von den neun Schülern aus Kierspe, die zur Sexta nach Lüdenscheid gegangen seien, hätten letztlich nur drei dort ihr Abitur gemacht.

An Kierspe hat Pleuger insgesamt eine recht positive Erinnerung: „Denn hier war die Familie noch komplett zusammen“, liefert er die Begründung. Er habe zahlreiche Freunde gehabt und zusammen mit den anderen Jungs Streiche unternommen, die meist viel Spaß gemacht hätten. Auch die Meinerzhagener Zeitung kennt er von damals, denn die hatte die Familie zu Hause. Als Jugendlicher bezog Pleuger daraus seine Informationen.

So erinnert er sich an Berichte über die Firmen Battenfeld und Otto Fuchs: „Dass Battenfeld zu seinen besten Zeiten Weltmarktführer bei Spritzmaschinen war und seine Mechaniker rund um den Globus schickte, las ich in der MZ. Bei Fuchs beeindruckte mich als junger Mensch besonders, dass das Unternehmen seine Mitarbeiter am Erfolg teilhaben ließ. So etwas erzeugt natürlich Loyalität“, macht Gunter Pleuger aufmerksam.

Er war auch später nochmals in Kierspe. „Wo man lange gelebt hat, zieht‘s einen immer wieder hin“, sagt er. Erstaunt war er bei seinem Besuch, wie sehr sich der Ort verändert hat. So seien Dorf und Bahnhof zusammengewachsen, überall sei gebaut worden. Das sei zu seiner Zeit, als es nach den Fußballspielen zwischen den Mannschaften beider Ortsteile regelmäßig zu Schlägereien gekommen sei, undenkbar gewesen. Dabei umspielt kaum merkbar ein leichtes Lächeln seine Lippen ­– er hat die Menschen hier in den zehn Jahren bis 1959 kennengelernt.

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare