Nicht jede Pointe der kultivierten Spötter kommt bei jedem an

Kabarett in der Stadthalle: Alles neu bei Fritz und Hermann

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Einen langen und vergnüglichen Abend präsentieren Alich und Pause am Samstag.

Meinerzhagen - Viel zu erzählen hatten Norbert Alich alias Hermann Schwaderlappen und Rainer Pause alias Fritz Litzmann am Samstagabend in der ordentlich gefüllten Stadthalle.

Schon der Start in das Programm, in dem „Alles neu!“ sein sollte, zeigte ihre überbordende Beredsamkeit: „Fangen wir noch mal von vorne an!“, erinnerten sie sich an die Gebote der Höflichkeit, als sie die Lage der Nation nach einem Intro mit dem „Final Countdown“ schon umfassend dargelegt hatten: 

„Andrea Nahles ist die legitime Nachfolgerin von Willy Brandt. Es gibt so viele Probleme, die vor uns hergeschimmelt werden.“ Der angebliche politische Stillstand ließ wiederum den Traum von der einstigen Bonner Republik zurückkehren. Günther Schabowski, der SED-Mann mit dem berühmten Zettel, musste erneut Geschichte schreiben. Alles sei ein Fehler gewesen, legten sie ihm in den Mund. Und: „Der Rückbau der Mauer beginnt sofort.“ 

Das also war alles schon durch, als die beiden Redner das Publikum entdeckten: „Herzlich willkommen!“ Bald darauf erinnerte Norbert Alich daran, dass die Leute alle Eintritt bezahlt hatten. „Weil sie nicht wussten, was du erzählen würdest“, neckte ihn Rainer Pause. Das mit dem gegenseitigen Necken sollte so bleiben.

Viel Politik und Scherze mit Tiefgang am laufenden Band präsentierten die beiden Kabarettisten an einem Abend, der lang und vergnüglich werden sollte. Kapellmeister Stephan Ohm trug am Flügel das Seine dazu bei, dass die „Lady in black“, der Folk-Klassiker „City of New Orleans“, Bernsteins „America“, deutsches Liedgut und vieles andere von der Bühne in den Saal huschten.

„Angie“, einst besungen von den Rolling Stones, begleitete Überlegungen zur Thronabdankung einer langjährigen Kanzlerin: „Oh Angie – es ist angezeigt, dass einer dich vom Thron vertreibt.“ Geniale Kandidaten gebe es nicht, was eine bestrickende Lösung eröffnete: „Die soll doch warten, bis Roboter das Amt übernehmen.“ 

Sympathisch zögerlich waren die Besucher, als die beiden die Rückkehr zur Monarchie ins Spiel brachten. Im Angebot war ein „guter König“, der in Gestalt von Rainer Pause mühsam den wackeligen Thron bestieg. Die Diskussion zwischen ihm und seinem Königsmacher Norbert Alich über die Fallstricke der Macht eskalierte zu einem handfesten Streit: „Du bist ein genauso korruptes Schwein wie die anderen!“

Das hohe Tempo der beiden kultivierten Spötter sorgte dafür, dass nicht jede Pointe, nicht jeder Halbsatz zu jeder Zeit bei jedem Besucher ankam. Doch es blieb für jeden reichlich übrig. 

Das Kriegsende vor 100 Jahren musste gewürdigt werden – ebenso wie der Autoverkehr, der zum Krieg von heute geworden sei: „Der Führerschein ist der Wehrpass von heute.“ Die massenhafte Verbreitung von Dieselabgasen passe dazu: „Im klassischen Krieg würde man das einen Gaskrieg nennen.“ 

Donald Trump wurde kurz und schmerzlos als „Blödmann“ abgewatscht, Martin Luther als schlecht gelaunter Ossi aus Thüringen. Den scheinbar ewigen Flughafenbau in Berlin würdigten die beiden aus historischer Perspektive: Am Kölner Dom wurde 800 Jahre herumgebaut. 

Dass Norbert Alich und Rainer Pause in Bonn zuhause sind, war auch sonst immer mal wieder bei lokalpolitischen Bezügen zu spüren. Aber sie wurden immer in das weltpolitische Ganze eingefügt, das an diesem Abend umfassend seziert, dargelegt und kunstvoll verspottet wurde.

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