Prozessbeginn: Vater soll Stieftöchter missbraucht haben

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MEINERZHAGEN - Viel spricht schon nach dem ersten Verhandlungstag dafür, dass die Vorwürfe gegen einen 53-jährigen Angeklagten im Kern zutreffen: Der Mann soll in Meinerzhagen seine 1985 und 1986 geborenen Stieftöchter im Zeitraum von November 1997 bis August 2001 sexuell missbraucht haben.

Von Thomas Krumm

Laut Anklage bedrängte er zunächst die Ältere der Schwestern, die während der ersten Übergriffe aber offenbar Widerstandsgeist entwickelte.

Daraufhin soll sich der Angeklagte jahrelang an ihrer jüngeren Schwester vergangen haben, die – laut Anklage – alle Arten des Sexualverkehrs über sich ergehen lassen musste. Der Angeklagte soll sie mit Gewalt und gegen die Kindsmutter gerichteten Drohungen gefügig gemacht haben. Die Tatorte sollen zumeist außerhalb der elterlichen Wohnung gelegen haben. Laut Anklage nutzte der Stiefvater als Tatort eine Garage und sein Auto, mit dem er mehrmals in ein Waldstück in der Nähe des Stadions gefahren sein soll.

Der Angeklagte schwieg am ersten Verhandlungstag zu den Vorwürfen. Dafür waren seine Anwälte umso aktiver: Zu Beginn scheiterten sie mit dem Versuch, die Verlesung der Anklageschrift mit formaljuristischen Argumenten zu verhindern. Die in Sexualdelikten sehr erfahrene Staatsanwältin reagierte auf überflüssige Belehrungen kühl: „Sie müssen mir meine Aufgaben nicht erklären!“

Im weiteren Verlauf des ersten Verhandlungstages strapazierten die beiden Anwälte die Geduld der anderen Prozessbeteiligten durch eine Fülle von Fragen, deren Bedeutung und Relevanz sich nur mühsam erschlossen.

Der Düsseldorfer Anwalt Dr. Lars Barnewitz nahm die Aussage einer Lehrerin, die in einem kleinen Detail eine von der polizeilichen Vernehmung abweichende Aussage gemacht hatte, zum Anlass für gewichtige Nachfragen: „Haben Sie bei der Polizei gelogen? Lügen Sie jetzt?“ Solche Fragen an eine Zeugin, die keinerlei Grund hätte, die Unwahrheit zu sagen, verspricht nichts Gutes für die kommenden Vernehmungen der beiden Hauptbelastungszeuginnen – voraussichtlich und mit guten Gründen unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Nichts deutet bisher darauf hin, dass der Angeklagte den Frauen die Aussage ersparen wird. Dabei gäbe es nach der zweistündigen Aussage der Mutter der beiden Geschädigten, die zwei weitere Kinder mit dem Angeklagten hat, sicherlich gute Gründe für ein Geständnis. Sie positionierte sich klar an der Seite ihrer Töchter und bestätigte die Vorwürfe: „Er hat alles zugegeben.“ Es sei ihrer Tochter sehr peinlich gewesen, ihr davon zu erzählen, dass Papa seit drei Jahren mit ihr schlafe. „Sie hat die Wahrheit gesagt.“ Wie gelähmt sei das Kind bei den Annäherungen gewesen, von denen einige mit blutigen Verletzungen endeten. Große Vorwürfe machte sich die Mutter, dass sie zunächst nichts Wirksames unternommen habe: „Ich war ein Lahmarsch oder feige.“

Doch es gab auch Gründe, warum die Kindsmutter vor sofortigen Konsequenzen zurückschreckte: Die familiäre Lage der aus Russland nach Meinerzhagen umgezogenen Familie war mehr als prekär, das Haus noch nicht fertig gebaut, und nun drohte in einer immer noch nicht wirklich heimischen Umgebung das Auseinanderbrechen der Familie: „Wir versuchten, unsere Familie zusammenzuhalten und zu überleben.“

Doch das Zusammenleben im neuen Haus währte nur kurz: Die Mutter zog mit den vier Töchtern nach Dortmund, um den Nachstellungen ein Ende zu machen. Der Vater reagierte darauf auf seine Weise: „Er ist immer rund um das Viertel gefahren, jede Nacht stand er da mit seinem Auto. Er rief an und forderte die Mädchen auf: ‚Vergesst euren Papa nicht’.“ Die Kinder hätten geweint. „Ein Jahr lang haben wir versucht, wieder zusammenzuleben.“

Eine Situation, die vor allem für die missbrauchten Stieftöchter eine Katastrophe darstellte: Eine Lehrerin berichtete im Zeugenstand davon. Es sei traurig gewesen, dass die am schwersten in ihrer Seele beschädigte Tochter, die das Potential für das Abitur gehabt habe, kurz vor dem Ziel wegen schwerer Schlaf- und Konzentrationsstörungen habe aufgeben müssen.

Die späte Anzeige bei der Polizei, die das Ganze beendete, sei dennoch nicht von ihr gekommen, erzählte die Mutter. Die ältere leibliche Tochter des Angeklagten, die umfassend in das eingeweiht war, was längst kein Familiengeheimnis mehr war, ging mit ihrer ältesten Schwester zur Polizei. „Ich habe Papa angezeigt. Ich konnte das nicht mehr aushalten“, gab die Mutter die Worte ihrer dritten Tochter nach deren Rückkehr wieder. „Die hatten Recht. Ich habe immer Hindernisse gebaut, dass meine Töchter ihn anzeigen“, kommentierte die Mutter das Geschehen.

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