Politischer Protest ist Martin Keunes Spezialität

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Martin Keune ist heute Chef einer Berliner Werbeagentur mit 21 Mitarbeitern und betätigt sich zudem als Romanautor. Sein letztes Buch über die reale Figur des Axel Rudolf, der zum gefeierten Krimi- und Abenteuerromanautor aufsteigt und dann von den Nazis als Regimekritiker hingerichtet wird, erregte viel Aufsehen.

KIERSPE - Schon als Schülersprecher an der Gesamtschule zeigte er sich kreativ und war politisch stark engagiert.

 Martin Keune erinnert sich noch gut daran, wie er und andere überall in Kierspe mit Farbe in großen Lettern „Solidarität mit den Völkern Afrikas“ in den Schneematsch gesprüht haben. Was, wie er bedeutungsvoll lächelt, zumindest mal mit Billigung der Kunstlehrer von der Gesamtschule passierte, die zu der Zeit mindestens genauso progressiv dachten wie die Schüler. Von Ulrich Kett und Günter Isleib hätte er vermittelt bekommen, dass Kunst nicht irgendwas auf einem Blatt Papier ist, das man sich in einem stillen Kämmerlein an die Wand hängt, sondern Kunst habe mit dem Leben der Menschen zu tun oder auch mit politischen Vorgängen.

 „Die Gesamtschulzeit hat mich geprägt und für mein weiteres Leben motiviert“, bringt der heute 52-Jährige es auf den Punkt. Neben dem Fach Kunst genauso der Deutsch- und Gesellschaftslehreunterricht. Über einige Aktionen, die er und die Schülermitverwaltung in den 1970er Jahren initiierten, hat damals natürlich auch die Meinerzhagener Zeitung berichtet.

Als reisender Pflastermaler trampte er durch die Welt, mit Jobs wie Stuckateur, Kellner und Schildermaler verdiente er sich in Berlin seine Brötchen und schlug sich mehr schlecht als recht durch, im Wedding engagierte er sich als Hausbesetzer gegen die Abbruchpläne des Establishment. Dann fasste Martin Keune bei einem Trickfilmstudio, das Streifen wie „Asterix“ und „Werner“ drehte, die ein Millionenpublikum faszinierten und zum Lachen brachten, als Hintergrundmaler und Gagschreiber Fuß. Ein paar Jahre später genügte ihm ein Jahr Arbeit in einer Werbeagentur, um sich zu sagen, dass er das selbst könne: 1989 gründete er zusammen mit seiner späteren Frau Martina Huchthausen die Agentur Zitrusblau und machte sich selbstständig. Heute beschäftigt er in seinem Unternehmen, das vor allem mit Werbung zu politischen, sozialkritischen und ökologischen Themen deutschlandweit Aufsehen erregte und Bekanntheit erlangte, 21 Mitarbeiter. „An der Gesamtschule konnten wir politische Protestformen ausprobieren, heute habe ich daraus mit Zitrusblau ein Lebenswerk gemacht“, bilanziert Keune in der für ihn charakteristischen betont einfachen, doch zugleich anschaulichen und prägnanten Rhetorik.

Beachtung fand der ehemalige Kiersper zudem als Romanautor, 1999 erstmals, ganz besonders jedoch 2009 mit seinem letzten Titel „Groschenroman“, in dem er sich mit der realen Gestalt des deutschen Schriftstellers Axel Rudolf auseinandersetzt, der mehr als 50 Krimis und Abenteuerbücher herausgebracht hat, als „Schundliterat“ Schreibverbot von den Nazis bekommt und nach einer von ihm abrupt beendeten Liebesaffäre mit der Tochter eines NSDAP-Funktionärs aufgrund seiner regimekritischen Äußerungen zum Tode verurteilt und hingerichtet wird.

Martin Keunes Lebensweg wirkt selbst wie der Stoff aus einem Drehbuch für einen Kinofilm, so viel Glück gehörte dazu, dass er all das geschafft und es so weit gebracht hat. Aber allein das hätte wohl nicht gereicht, wenn außerdem nicht sein unglaublich kreatives Talent, sein Ideenreichtum und eine gewisse Leichtigkeit wären, die ihn vor keinem Risiko zurückschrecken ließ.

 Keune hat als Schüler wie viele andere, so könnte man sagen, die Gesamtschule regelrecht gelebt. Die neue Schulform hatte als Grundsatz Chancengleichheit für alle und wollte außerdem einen Beitrag dazu leisten, eine kritische Jugend zu erziehen. Er geht vor diesem Hintergrund als einer ihrer Musterschüler durch. Mehrere Jahre lang war er Schülersprecher an der großen Bildungseinrichtung und machte mit aufsehenerregenden Aktionen von sich reden: „Wir engagierten uns damals gegen die Berufsverbote für linke Lehrer. Einen Fall gab es auch in Kierspe. Schon damals haben wir Aktionsformen umgesetzt, die auch heute noch aktuell sind und genauso Erfolg versprechen. Was kann ich tun, wenn mich etwas stört? Es müssen Aktionen sein, über die man spricht. Ganz wichtig ist zudem, dass sie noch Spaß machen“, beschreibt er kurz die Philosophie, nach der auch Zitrusblau operiert.

Spektakulär war in seiner Gesamtschulzeit der große Mensaboykott gegen den damaligen Pächter Kudenhold, den er und die anderen Aktivisten aus der Schülermitverwaltung kurzerhand zum „Kundenwolf“ machten. Ziel des Protests war das aus Sicht der Schüler hochpreisige und schlechte Essen. „Und wir hatten nicht nur Spaß, sondern sogar Erfolg dabei“, blickt der 52-Jährige zurück. Unter anderem gab es das Kundenwolf-Theaterstück.

Wenn er jetzt auch schon mehr als drei Jahrzehnte in der Großstadt Berlin lebt, zieht es ihn doch immer wieder nach Kierspe, wo seine Mutter lebt. Zweimal im Jahr und zuletzt jetzt noch öfter besucht er sie und den Rest der Familie, Weihnachten immer. „Ich habe gerne in Kierspe gelebt. Die Stadt war genauso viel Welt, wie ich mir als junger Mensch vorstellen konnte. Alles war für mich erfassbar“, denkt er an die Zeit früher zurück. Noch heute fährt er wie damals mit der Eisenbahn, einen Führerschein hat Keune nie gemacht. „Damals haben wir im Wald gespielt. Im Teich am Hammerkamp, dem ehemaligen Strandbad von Kierspe-Bahnhof, ganz nah am Haus, wo wir gewohnt haben, habe ich Schwimmen gelernt“, erzählt er.

Auch an die Meinerzhagener Zeitung kann sich Martin Keune noch prima erinnern. „Zwar hatten wir zu Hause Fernsehen, doch die Zeitung war die wichtigste Informationsquelle, besonders über das, was im Ort geschah. Auch eine tolle Kinderseite gab es“, beschreibt er.

Als Kind im Alter von zwölf Jahren sei über ihn sogar schon mal ein Artikel erschienen: Er hatte für einen Kinderwettbewerb des Überreuther-Verlages in Wien eine Geschichte über einen Roboter geschrieben. „Der Roboter wird immer größer, je mehr Eisen er frisst, bis es ganze Eisenbahnwaggons und sogar Städte sind. Erst eine Hypnose lässt ihn erstarren und macht dem Spuk ein Ende“, so Keune, der schon als Kind seiner Fantasie freien Lauf ließ. Die Geschichte wurde in dem Buch „Die Maus auf dem Mars“ veröffentlicht. Das interessierte die MZ natürlich.

Bis heute möchte er nicht ohne Tageszeitung auskommen: Martin Keune liest an seinem Wochenenddomizil im westhavelländischen Semlin die Märkische Allgemeine und in Berlin den Tagesspiegel. „Mit der Kurzlebigkeit kann ich gut leben. Es sind vielfach einfach tolle Geschichten, die ich in der Zeitung finde, wenn sie auch nicht immer unbedingt große Literatur sind“, ordnet er die Bedeutung der Tageszeitung für sich selbst ein.

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