Poetry Slam in der Kirche: „Frei heraus!“

Die Slammer stellten sich der Abstimmung, die Organisatorinnen stimmten sich noch kurz mit dem „Preisrichter“ ab. Von links: Luca d’Ortona, Mira Weiß, Christian Schmitt, Florian Theiß, Isabelle Schmidt, Timo Jarms (der spätere Gewinner), Sophie Ihne, Katharina Wnuk und Marco Michalzik. - Fotos: Negel-Täuber

Meinerzhagen - Sage einer, Religion eigne sich nicht als Bühnenthema. Beim Poetry Slam in der Jesus-Christus-Kirche bewiesen sieben Redner das Gegenteil. Mit Witz und Pathos, mit Stilmitteln von Hip Hop über Rap zum Spoken Word folgten sie dem Thema des Abends „Frei heraus im Gotteshaus“.

Die beiden Organisatorinnen, Pfarrerin Sophie Ihne und Religionslehrerin Katharina Wnuk vom Evangelischen Gymnasium hatten sich Reformator Martin Luther zum Vorbild genommen. Der war vor exakt 500 Jahren aufgefordert auf dem Reichstag in Augsburg Stellung zu seinen Thesen zu nehmen.

Für die Slammer stand weit weniger auf dem Spiel, aber auch sie brauchten Mut, um sich mit ihren Themen einem Publikum zu präsentieren. Das bestimmte am Ende per Applaus den Sieger, so wollen es die Regeln. „Stargast“ Marco Michalzik aus Darmstadt war gleich mit drei Beiträgen vertreten, beteiligte sich aber nicht am Wettbewerb – zu Recht, war er doch der einzige Profi an diesem Abend.

Den Anfang machte die 16-jährige Mira Weiß mit „Wo die Kunst beginnt“ und thematisierte darin eigene Befindlichkeiten. Zwischendurch kam Verzweiflung auf: „Wieso bin ich kein Künstler mehr?“ Tröstend war dabei die Erkenntnis, dass es einen größeren Künstler gebe – Gott, den Schöpfer.

Christian Schmitt gab sich bescheiden: „Poetry kann ich nicht, aber ich kann Gitarre spielen.“ Die hatte er deshalb auch mitgebracht.

Luca d’Ortona stellte einen Disput dar. Er sprach „mit einer Person die imaginär ist,/ein Christ und Atheist, der nichts vermisst.“ In seiner Hiphop-Adaption stellte er die Fragen, die Zweiflern in Bezug auf die christliche Religion kommen: Wo bleiben Gottes Antworten auf die Gebete der Menschen? Wo war Jesus zwischen Karfreitag und Ostern? „War er drei Tage wach? Oder einfach ein Toter?“ Und wieso fühlt Gott sich nicht zuständig für die kleinen und großen Widrigkeiten des Lebens? Donald Trump, schlechte Musik, „noch immer fährt nach Kierspe keine Bahn“.

Florian Theiß arbeitete sich in seinem Beitrag dagegen an dem Widerspruch zwischen christlichem Anspruch und realer Politik ab: „Warum der barmherzige Samariter nicht in die CDU eintritt“ nannte er seinen Beitrag und thematisierte dabei vor allem die Flüchtlingspolitik. Für den 16-jährigen Schüler war sein Auftritt in der Jesus-Christus-Kirche eine Premiere, für Isabelle Schmidt beinahe Alltag. Die Vikarin der evangelischen Kirchengemeinde Valbert spricht inzwischen öfter in der Kirche, brachte diesmal ihren Beitrag aber ebenfalls in die gebundene Form: „Du bist nicht über den Wolken“. 

Ja schon, aber der 18-jährige Timo Jarms wünschte sich konkretere Antworten. „Gott gewonnen, Gott zerronnen,“ stellte er fest. Auch er suchte nach Gott im Alltag. Die Theodizee, die Frage nach dem Widerspruch zwischen dem Leid in der Welt und der Güte Gottes, ließ für ihn am Ende aber nur einen Schluss zu: „Geht es ums Ganze, bleibt unser Gott gerecht.“

Dem mehrheitlich jugendlichen Publikum fiel die Wahl schwer, aber am Ende lag Timo Jarms knapp vor Luca d’Ortona.

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