Pilgerreise ist hart aber wundervoll

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Karl-Heinz Bartsch mit dem Heft, das an jeder Station abgestempelt wird. ▪

MEINERZHAGEN ▪ „Dieser Weg ist hart und wundervoll.

Er ist eine Herausforderung und eine Einladung. Er macht dich kaputt und leer. Und er baut dich wieder auf. Er nimmt dir die Kraft und gibt sie dir dreifach zurück.“ Hape Kerkeling ist eigentlich Entertainer – Worte mit diesem Tiefgang sind von ihm eher selten zu hören. Und doch war es ausgerechnet der bekannte Comedian, der dem Meinerzhagener Karl-Heinz Bartsch mit diesen Sätzen Kraft gab. Und diese zusätzliche Energie war für den 59-jährigen Polizeibeamten ab dem 20. Mai dieses Jahres für 30 Tage ein unerlässlicher Motivationsschub.

„Kalle“ Bartsch ist evangelischer Christ und vielen Volmestädtern als Führer in der Jesus-Christus-Kirche bestens bekannt. Mit Pilgern hatte er bisher eigentlich nichts „am Hut“. Trotzdem machte er sich am 20. Mai auf, um den Jakobsweg – wie einst Hape Kerkeling – zu gehen. Und zwar von St. Jean Pied-de- Port bis nach Santiago de Compostela. 804 Kilometer, oft bei sengender Hitze, lagen vor ihm. Inzwischen, wohlbehalten in Meinerzhagen zurück, zieht er ein Fazit: „Diese Pilgerreise ist eines der letzten Abenteuer, das es in Europa noch gibt.“

Alles begann mit monatelanger Vorbereitung. Walken an den Talsperren, Geländemärsche von bis zu 18 Kilometer Länge mit Gepäck und Treffen mit Menschen, die den Pilgerweg bereits gingen – all das gehörte dazu. Und dann ging es los: Nach dem Flug bis Bilbao und einer Taxifahrt zum Startpunkt in St. Jean Pied-de-Port waren schnell erste Kontakte zu anderen Pilgern geknüpft. Und so entstand eine Gemeinschaft, die sich der Herausforderung als „Gruppe Hoffmann“ gemeinsam stellte. Neben Kalle Bartsch fanden sich Horst Hoffmann aus der Pfalz, Krankenschwester Renate Vogel, der Augsburger Anton Fischer, Barbara aus der Schweiz und Jens aus der „Dresdener Gegend“ zusammen. „Wir marschierten in unterschiedlichem Tempo, trafen uns dann nachmittags aber wieder in unserer Pilger-Unterkunft“, erinnert sich Bartsch.

Zwar gab die Gemeinschaft Kraft – aber die Entbehrungen hinterließen im Laufe der 804 Kilometer dennoch ihre Spuren. Bartsch erinnert sich: „Nach recht problemlosem Beginn gab es eine Zeit, da hatte ich sechs Blasen gleichzeitig an den Füßen. Gut, dass Renate Krankenschwester ist.“

Mit 13 Kilogramm Gepäck auf dem Rücken wurden an manchen Tagen mehr als 30 Kilometer Wegstrecke absolviert. „Wir sind zwischen 6.15 bis 6.30 losmarschiert. Um 9 Uhr war es oft so heiß, dass ein früher Start wichtig war. Bereits am frühen Nachmittag bezog die „Gruppe Hoffmann“ dann täglich Quartier, meist in einer Unterkunft speziell für Jakobs- pilger. „Das war wie im richtigen Leben. Mal gab es Höhen, dann wieder Tiefen. Man wusste nie, was kommen würde“, erzählt Kalle Bartsch. Das bezog sich auch auf die Unterkünfte. Manchmal schliefen 90 Personen in einem Saal, in nach oben offenen „Vierbett-Kabinen“. Immerhin: Mit einem Übernachtungspreis von zehn Euro und noch einmal zehn Euro für das Essen – „Vorspeise, Hauptgericht mit Fleisch, Huhn, oder Fisch – und Dessert“ blieben die Kosten in einem überschaubaren Rahmen.

Egal was passierte – die Gemeinschaft um Kalle Bartsch hielt zusammen. Und die Kontakte zu Gleichgesinnten waren ohnehin unbezahlbar. „Einmal“, erinnert sich Bartsch, „lernten wir Italiener kennen. In einer Unterkunft hatte unsere Gruppe gekocht. Wir hatten noch Wassermelone übrig, die haben wir dem Sarden Sergio geschenkt. Der war so begeistert über diese Geste, dass er versprach, in der nächsten Unterkunft für uns zu kochen. Das hat er dann auch getan. Es gab dünn geschnittenes Fleisch und dünne Kartoffelscheiben in einer Weinsoße. Das war fantastisch.“

Erlebnisse wie dieses waren unbezahlbar, der „Akku“ konnte aufgeladen werden. Denn Streckenabschnitte wie der „Camino Duro“ (harter Weg) mit seinen „beinharten“ Steigungen kosteten viel Kraft. „Der eigentliche Camino führt meist an einer Schnellstraße entlang. Wir haben allerdings oft Alternativrouten gewählt. Die waren landschaftlich reizvoller aber meist auch länger“, erläutert Bartsch.

Der „Camino“, wie die Pilgerstrecke bezeichnet wird, endete schließlich an der Kathedrale in Santiago de Compostela. Wie alle Pilger berührte Karl-Heinz Bartsch dort den im Boden verankerten „Punkt 0“, besuchte die Basilika und speziell den Schrein des heiligen Jakobus. „Die Pilger fallen sich nach den Anstrengungen in die Arme und manchmal fließen auch Tränen – so wie bei uns.“

Dass er es geschafft hat, macht Karl-Heinz Bartsch auch ein wenig stolz. Doch dazu trugen auch Freunde im Vorfeld bei: „Ich bedanke mich bei Silvia, Manfred und Ilona für manch guten Rat“, weiß Bartsch, dass es ohne gute Vorbereitung kaum möglich ist, die Herausforderung Jakobsweg zu bestehen. ▪ beil

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