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Pflichtjahr für junge Menschen? Das sagen die Betroffenen

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Von: Simone Benninghaus

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Während des sozialen Praktikums können junge Menschen viele wertvolle Erfahrungen sammeln, dieser Meinung sind auch die befragten Schüler des Evangelischen Gymnasiums.
Während des sozialen Praktikums können junge Menschen viele wertvolle Erfahrungen sammeln, dieser Meinung sind auch die befragten Schüler des Evangelischen Gymnasiums. © David Hecker

Junge Menschen sollten sich nach der Schule über einen gewissen Zeitraum sozial engagieren – bei der Betreuung von Senioren oder Behinderten beispielsweise: Mit seiner Idee zur Einführung eines Pflichtdienstes hat Bundespräsident Frank Walter Steinmeier eine Debatte ausgelöst.

Meinerzhagen - Und der Vorschlag trifft nicht nur auf ein positives Echo. Bundesfamilienministerin Lisa Paus etwa lehnt den Vorschlag beispielsweise ab, weil er einen Eingriff in die individuelle Freiheit eines jeden jungen Menschen bedeute, wie die Grünen-Bundespolitikerin sagt. Auch seitens der Wohlfahrtsverbände gibt es eher Kritik. Statt einer Verpflichtung sollte vielmehr das freiwillige Engagement gefördert werden, heißt es, und der Paritätische Gesamtverband fordert, dass es Praxiszeiten während des Schulunterrichts geben sollte.

Am Evangelischen Gymnasium in Meinerzhagen gibt es das schon lange. Ein Diakonisches Praktikum ist seit vielen Jahren fester Bestandteil im Schulleben. In der Oberstufe absolvieren die Schülerinnen und Schüler in der Q1 ein Jahr vor ihrem Abitur ein dreieinhalbwöchiges Praktikum in einer sozialen Einrichtung. Die Erfahrungen, die sie dabei sammeln, könnten durchaus prägend sein, sagt Schulleiter Sven Dombrowski, der zugleich aber auch nicht verhehlt, dass es auch Ressentiments gebe und Schüler mitunter über diese „Hürde gehoben“ werden müssten. Die Gründe seien meist Ängste und Unsicherheit.

„Wenn Schüler in Behinderteneinrichtungen, Krankenhäusern oder Demenzeinrichtungen ein soziales Praktikum absolvieren, dann erleben sie Lebensbereiche und auch Extremsituationen, die sie sonst so nicht kennen“, so der EGM-Schulleiter. Dazu gehöre unter Umständen auch menschliches Leid. „Aber auch das ist Leben“, sagt Sven Dombrowski und berichtet, dass seine Schülerinnen und Schüler die Erfahrungen, die beispielsweise in einem Hospiz oder einem Krankenhaus gemacht würden, sehr bewegen. Umso wichtiger sei daher die Begleitung während der Praktikumszeit und der Austausch an sogenannten Begegnungsnachmittagen.

Grundsätzlich förderten die Erfahrungen während des Diakonischen Praktikums Empathie und den Respekt vor anderen Menschen.

Im Hinblick auf den Vorschlag des Bundespräsidenten verweist der Direktor des Gymnasiums darauf, dass das G8-System seinerzeit eingeführt worden sei, da Schulabgänger zu spät in den „Wirtschaftskreislauf“ aufgenommen werden konnten. Dann habe man erkannt, dass G8-Absolventen wiederum noch sehr jung seien, oft zu jung, um im Berufsalltag, wie gefordert, reif reagieren zu können. Jetzt sei man bekanntlich wieder zum G9-System zurückgekehrt. „Sollte es dazu jetzt noch einen Pflichtdienst geben, würde es bedeuten, dass junge Menschen wieder deutlich später in den Arbeitsmarkt integriert werden können.“ Andererseits würden Schüler durch Orientierungsmöglichkeiten, wie sie etwa das Diakonische Praktikum bietet, auch ihre „Bestimmung“ und ihren zukünftigen beruflichen Weg finden. Grundsätzlich schweißen die Erfahrungen, die im diakonischen Bereich gesammelt werden können, eine Gesellschaft zusammen, ist sich Sven Dombrowski sicher.

In den letzten Wochen vor den Sommerferien läuft das Diakonische Praktikum für die Gymnasiasten der Q1 – nach zwei Jahren Corona-Pause erstmals auch in diesem Jahr wieder. Die 17-jährige Carolin Voss gehört zu den Schülerinnen und Schülern, die daran teilnehmen. Ihr soziales Praktikum absolviert sie im Reit- und Therapiezentrum Köln. Sie dürfe in dieser Zeit sehr viel Kontakt haben mit Menschen mit Behinderung oder Beeinträchtigung, erzählt sie und gibt zu, dass ihr der Umgang mit gehandicapten Menschen eigentlich eher schwerfalle. „Ich habe großen Respekt vor denjenigen, die das jeden Tag machen.“ Schon nach zwei Wochen Praktikum sei es für sie leichter geworden: „Ich glaube, jeder sollte diese Erfahrung einmal gemacht haben.“ Der Vorschlag des Bundespräsidenten beinhalte sinnvolle Aspekte, findet die Schülerin. „Jeden kann beispielsweise bei einem Unfall eine Beeinträchtigung oder schlimme Verletzung erwischen und jeder kann ein Kind mit einer Behinderung bekommen. Auch diese Menschen haben ein Recht auf ein erfülltes Leben und wir können so vielleicht etwas dazu beitragen.“ Allerdings sollte jeder selbst entscheiden können, in welchem Zeitraum ein sozialer Dienst absolviert wird: „Es gibt viele Bereiche, in denen man helfen kann.“

Auch Louisa Stupperich kann sich einen Pflichtdienst vorstellen: „Es ist eine gute Möglichkeit, falls man nach der Schule nicht weiß, welche berufliche Richtung man einschlagen möchte.“ Grundsätzlich seien in dieser Hinsicht Praktika sinnvoll – nicht nur im sozialen Bereich. Ihr Diakonisches Praktikum absolviert die 16-jährige Schülerin bei einem Pflegedienst. „Diese Tätigkeit kennenzulernen und der Umgang mit älteren Menschen, von denen manche auch an ihrem Lebensende stehen oder Demenz haben, ist eine wertvolle Erfahrung.“ Ähnlich sieht das auch Vivienne Tertel, die ihr Diakonisches Praktikum auf einen Reiterhof in Breckerfeld, der Therapiereiten anbietet, absolviert. Fest steht für sie jedoch auch: „Was ich nach der Schule mache, möchte ich gerne selbst entscheiden. Ein soziales Praktikum sollte daher bitte freiwillig bleiben.“ Die Schülersprecherin des EGM möchte im Anschluss an ihr Abitur im nächsten Jahr studieren. „Andere wollen vielleicht erst einmal reisen“, überlegt sie. Für Jugendliche, die noch keine genauen beruflichen Vorstellungen haben, sei ein Praktikum durchaus sinnvoll, um sich ausprobieren zu können. „So verschwendet man keine Zeit.“

Johannes Schmidt ist ebenfalls Schülersprecher und absolviert sein Diakonisches Praktikum im Augenblick bei einer internationalen Nothilfe- und Entwicklungsorganisation in England. Seiner Ansicht nach wäre ein Sozialdienst „durchaus denkbar und ich könnte mir das für mich auch vorstellen“, meint der Schüler. „Es würde der Gesellschaft viel bringen, sowohl im sozialen als auch im militärischen Bereich.“ Dennoch hat er nach der Corona-Pandemie auch Bedenken: „Unserer Generation sind fast zwei Jahre zwar nicht gestohlen worden, aber es war für uns in dieser Zeit weniger möglich, sich zu entwickeln und Erfahrungen zu sammeln. Daher sehe ich es kritisch, wenn jetzt noch zusätzlich über unsere Zeit bestimmt würde.“ Grundsätzlich sei er aber überzeugt, dass man während eines sozialen Praktikums „wundervolle Erfahrungen“ sammeln könne – so wie sie auch im Diakonischen Praktikum möglich seien und von denen Schüler profitieren können. „Dass unser Schulprofil die Möglichkeit gibt, diese Erfahrungen zu sammeln, ist toll.“

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