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Pfarrer benennt Gründe für Austrittswelle

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Von: Simone Benninghaus

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Auch Pfarrer Peter Kroschewski sucht nach Gründen für die Austrittswelle in der Katholischen Kirche.
Auch Pfarrer Peter Kroschewski sucht nach Gründen für die Austrittswelle in der Katholischen Kirche. © Alexandra Roth

Immer mehr Menschen treten aus der Kirche aus, das belegen die Zahlen, die das Ruhrbistum Essen in seiner Jahresstatistik vorgelegt hat. Noch gut 700 000 Mitglieder zählte die katholische Kirche im Bistum Essen Ende des vergangenen Jahres. Innerhalb eines Jahres hat das Bistum 20 885 Mitglieder verloren – knapp die Hälfte davon durch Kirchenaustritte, die andere Hälfte vor allem durch einen statistischen „Sterbeüberhang“ sowie durch mehr Fort- als Zuzüge. Dabei markieren die 9133 Kirchenaustritte einen historischen Negativrekord, heißt es seitens des Bistums: Noch nie seit der Gründung des Bistums Essen 1958 haben binnen eines Jahres so viele Menschen von sich aus die katholische Kirche verlassen.

Meinerzhagen – Immer mehr Menschen treten aus der Kirche aus, das belegen die Zahlen, die das Ruhrbistum Essen in seiner Jahresstatistik vorgelegt hat. Noch gut 700 000 Mitglieder zählte die katholische Kirche im Bistum Essen Ende des vergangenen Jahres. Innerhalb eines Jahres hat das Bistum 20 885 Mitglieder verloren – knapp die Hälfte davon durch Kirchenaustritte, die andere Hälfte vor allem durch einen statistischen „Sterbeüberhang“ sowie durch mehr Fort- als Zuzüge. Dabei markieren die 9133 Kirchenaustritte einen historischen Negativrekord, heißt es seitens des Bistums: Noch nie seit der Gründung des Bistums Essen 1958 haben binnen eines Jahres so viele Menschen von sich aus die katholische Kirche verlassen.

Glaubenskrise der Gesellschaft

Für Peter Kroschewski, Pfarrer der Pfarrei St. Maria Immaculata, sind die hohen Austrittszahlen aus der katholischen Kirche eine erschütternde Folge der Glaubenskrise der Gesellschaft. „Für viele, die immer noch für sich unentschieden waren, ob sie austreten sollten oder nicht, waren die Missbrauchsskandale und das Fehlverhalten mancher Verantwortlicher der letzte Anstoß, die Kirche zu verlassen“, sagt Kroschewski. Nach seiner Meinung sind die Gründe für die momentane Kirchenkrise allerdings woanders zu suchen. „Diese Kirchenkrise resultiert aus einem Glaubwürdigkeitsverlust der Kirche insgesamt. Es ist fraglich, ob sich durch mehr oder weniger sinnvollen Strukturveränderungen und Infragestellungen von Wesenseigenschaften der Kirche diese Krise lösen lässt.“ Hier werde der zweite Schritt vor dem ersten gemacht. „Zunächst muss es darum gehen, die christliche Botschaft wieder mehr in den Gemeinden lebendig werden zu lassen. Wir dürfen uns als Kirche nicht den weltlichen Strukturen anpassen, sondern müssen uns immer wieder fragen, wie wir die christliche Botschaft in dieser sich permanent ändernden Welt leben können.“

„Konsequent unseren Glauben leben“

Nach Meinung des Pfarrers würden die Menschen nicht durch eine Anpassung an die Welt für den christlichen Glauben gewonnen, „sondern indem wir konsequent unseren Glauben leben. Wenn wir als Kirche nur noch so agieren und reagieren wie andere Gruppierungen in unserer Gesellschaft, dann verlieren wir mehr und mehr unsere Existenzberechtigung.“ Kroschewski zeigt sich sicher: „Wenn sich unsere Kirche wieder mehr auf ihre christlichen Wurzeln besinnt, werden wir diese Kirchenkrise überwinden können.“

Jahresstatistik vorgelegt

Die Jahresstatistik des Bistums Essen beinhaltet auch die Zahlen für das Kreisdekanat Altena-Lüdenscheid. 45 837 Katholiken gab es hier demnach im Jahr 2021, ein Jahr zuvor waren es 46 977, während es im Jahr 2010 noch 53 684 Katholiken gab. Dass die Zahl der Taufen und Trauungen geringer ausfällt, ist dabei auch eine Folge der Corona-Pandemie, da auch das öffentliche kirchliche Leben nicht in dem gewohnten Maße möglich war. Im Jahr 2021 wurden 235 Taufen abgehalten, im Jahr davor waren es 164. Zum Vergleich: 2010 wurden 326 Taufen gefeiert. Ähnlich sieht es bei Trauungen aus. 34 Trauungen gab es 2021, im Jahr 2020 waren es sogar nur 15. 2010 fanden 84 Trauungen statt.

Allerdings fanden in den beiden vergangenen Jahren auch weniger Bestattungen statt. Im vergangenen Jahr waren es 450, im Jahr davor 457. 2018 wurden dagegen 542 Bestattungen durchgeführt. Im Vergleich hoch ist die Zahl der Kirchenaustritte, die 2021 stattgefunden haben. 564 Menschen traten aus der Kirche aus, im Jahr davor waren es 374, 2010 waren es 345.

„Unaufhaltsam steigender Vertrauensverlust“

Auch für den Essener Generalvikar Klaus Pfeffer sind die Zahlen des Bistums ein klares Zeichen „eines schier unaufhaltsam steigenden Vertrauensverlustes der katholischen Kirche“, den vor allem die schrecklichen Missbrauchstaten von Priestern und anderen kirchlichen Mitarbeitenden ausgelöst hätten. Es sei „fatal“, dass die Aufarbeitung der Verbrechen bundesweit uneinheitlich erfolge und sich über einen sehr langen Zeitraum hinziehe. Hinzu komme, dass es innerhalb der deutschen Kirche höchst unterschiedliche Auffassungen darüber gebe, welche Konsequenzen aus den Erkenntnissen der verschiedenen Untersuchungen zu ziehen sind. „Selbst unter vielen treuen Gläubigen herrscht inzwischen der Eindruck vor, dass die Kirche es nicht wirklich ernst meint mit der Aufarbeitung“, so Generalvikar Pfeffer. Das führe zu einem erheblichen innerkirchlichen „Frust“ – bis hin zu Kirchenaustritten von Menschen, „die sich bis vor Kurzem niemals hätten vorstellen können, ihre Kirche zu verlassen.“ Das Bistum Essen werde aber weiterhin – auch im Rahmen des bundesweiten Dialogprozesses „Synodaler Weg“ – für einen entschiedenen Weg der Erneuerung der Kirche einstehen.

Der Generalvikar erkennt in der Jahresstatistik allerdings auch, „wie sehr die Pandemie die schon vorher zum Teil versteckten Veränderungs- und Abbruchprozesse in unserer Kirche wie ein Brandbeschleuniger massiv verstärkt hat.“ Es sei sehr deutlich, dass sich die religiöse Praxis der Menschen immer schneller verändere. „Darauf haben wir in unserer Kirche bislang noch keine abschließenden Antworten gefunden“, gesteht Pfeffer ein. Das zeige sich auch darin, dass die Gottesdienste von immer weniger Menschen besucht würden. „Ich bin aber froh, dass unsere Pfarreien, die Verbände und weitere Organisationen sich dieser Situation stellen und gerade jetzt nach der belastenden Corona-Zeit neue Initiativen starten, Angebote wieder aufgreifen und auch manches Überkommene auf den Prüfstand stellen“, so Pfeffer. Da auch die evangelische Kirche kleiner werde, seien vielerorts auch noch stärkere ökumenische Kooperationen möglich und sinnvoll.

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