Pampus und Turk insolvent

Zwei neue Firmenpleiten in Meinerzhagen

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Blick auf das Verwaltungsgebäude des Plastikwerks H.W. Turk in Krummenerl. Auch dieses Familienunternehmen ist insolvent geworden. J

MEINERZHAGEN ▪ Schockierende Nachrichten für den Wirtschaftsstandort Meinerzhagen: Im neuen Jahr gibt es aktuell zwei weitere Firmen-Insolvenzen.

Wegen drohender Zahlungsunfähigkeit wurde ein Insolvenzeröffnungsverfahren über das Vermögen des Automobilzulieferers Pampus Automotive eingeleitet. Am Firmenhauptsitz in Meinerzhagens signd dadurch rund 190 Arbeitsplätze bedroht. Zahlungsunfähig ist auch das Plastikwerk H.W. Turk in Krummenerl. Hier sind aktuell noch 25 Mitarbeiter betroffen. Anfang Januar hatte das Traditions-Autohaus Sorgler Insolvenz anmelden müssen. Hier geht es um das Schicksal von 27 Mitarbeitern.

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Im Fall der Firma Pampus ist es der nun schon zweite Insolvenzantrag des Automobilzulieferers. Die Geschäftsleitung stellte Mitte Mai 2010 beim Amtsgericht Hagen wegen drohender Zahlungsunfähigkeit Antrag auf Eröffnung des Insolvenzverfahrens. Am 6. Februar 2012 hob das Amtsgericht Hagen das Insolvenzverfahren über das Vermögen der Pampus Automotive GmbH & Co. KG auf. Die Gläubiger hatten seinerzeit den eingereichten Insolvenzplan mit 99,97 Prozent der Stimmen angenommen. Der Insolvenzplan war von der Pampus-Geschäftsführung zusammen mit Rechtsanwalt Achim Thomas Thiele von der Kanzlei Husemann Eickhoff Salmen & Partner erarbeitet und mit dem Insolvenzverwalter Dr. Dirk Andres von der Kanzlei AndresSchneider Rechtsanwälte & Insolvenzverwalter abgestimmt worden. Die Gläubiger hatten seinerzeit eine Insolvenzquote von 100 Prozent erhalten.

„Wir freuen uns über die positive Entscheidung der Gläubiger und die Annahme des Insolvenzplans“, äußerte sich seinerzeit Insolvenzverwalter Andres. Der Automobilzulieferer sei nunmehr „final saniert“, hieß es und weiter: Mit der Sanierung über Insolvenzplan könnten alle noch bestehenden 336 Arbeitsplätze an den vier Standorten Meinerzhagen, Meerane (Sachsen), Neuenrade und im tschechischen Kamenice gesichert werden.

Nur ein Jahr nach diesen seinerzeit positiven Zukunftsprognosen scheint das vermeintlich sanierte Unternehmen wieder tief in die roten Zahlen gerutscht zu sein. In der vergangenen Woche meldete Geschäftsführer Roman Pusch zum zweiten Mal Insolvenz an. Durch Beschluss des zuständigen Insolvenzgerichtes in Hagen vom 23. Januar wurde zum vorläufigen Insolvenzverwalter Dr. Christoph Schulte-Kaubrügger aus Dortmund bestellt.

Eine Stellungnahme der Pampus-Geschäftsleitung war am Mittwoch nicht zu erhalten. Nach Informationen der MZ ist aber aktuell die Fortführung der Produktion sichergestellt. Bis einschließlich Dezember 2012 sind in Meinerzhagen auch die Löhne und Gehälter für die Mitarbeiter gezahlt worden. Weil es sich jetzt um eine Anschlussinsolvenz handelt, haben nach derzeitigem Stand die betroffenen Mitarbeiter keinen Anspruch auf Zahlung von Insolvenzausfallgeld. Gleichwohl sind nach Informationen der MZ die Lohn- und Gehaltszahlungen zumindest für Januar und Februar gesichert. Große Kunden von Pampus haben sich gegenüber dem Insolvenzverwalter zur Vorfinanzierung dieser Ansprüche bereit erklärt, um auf diese Weise die Fortführung der Produktion mit wichtigen Komponenten für die Automobilherstellung gewährleisten zu können. Weitere Infos und Hintergründe zur Pampus im unten stehenden Bericht. ‘

Im Fall des Plastikwerks H.W. Turk in Krummenerl hofft Geschäftsführer Wilfried Turk, dass in Abstimmung mit dem eingesetzten Insolvenzverwalter Andreas Grund aus Hagen eine Lösung für die Fortführung des Unternehmens gefunden werden könne. Nach einem Rekordgeschäftsjahr 2011 habe es beginnend im Juni 2012 deutliche Umsatzeinbrüche gegeben, so Turk. Das habe nun zur Zahlungsunfähigkeit geführt. Über den Weg der Insolvenz solle der Versuch einer nachhaltigen Firmensanierung unternommen werden. Zurzeit läuft die Produktion noch. Das 1956 gegründete Familienunternehmen fertigt Garten-, Haushalts- und Sanitärartikel sowie technische Teile aus Kunststoffen. Dabei bewegt man sich auf einem Markt, der stark unter Kosten- und Konkurrenzdruck steht.

2005 waren im großen Industrieareal in Meinerzhagen--Scherl endgültig die Lichter ausgegangen. Die Produktionseinstellung des damals noch zur SMS-Gruppe in Düsseldorf gehörenden Kunststoffmaschinenherstellers Battenfeld am Gründungsstandort Meinerzhagen löste Schockwellen aus. Von einstmals rund 1000 Mitarbeitern war die Belegschaftsstärke zu diesem Zeitpunkt auf noch rund 450 Beschäftigte gesunken. Unter neuer Eigentümerstruktur als Teil der Wittmann-Gruppe lebt Battenfeld am Standort Meinerzhagen inzwischen mit immerhin noch rund 120 Arbeitsplätzen weiter. Für das leer stehende Industriegebäude fand sich im Juli 2008 nach langen Bemühungen eine, wie es schien, sehr gute Nachfolgenutzung: SMS verkaufte die ehemalige Battenfeld-Immobilie an die Pampus Industriebeteiligungen mit Sitz in Iserlohn. Die weitere Nutzung sollte durch die zur Pampus Industriebeteiligungen gehörene Pampus Automotive, einem Komponentenhersteller insbesondere für Autotüren und -sitze erfolgen. Im Rahmen der Standortverlagerung nach Meinerzhagen sollten, so die damalige Ankündigung, rund 350 krisenfeste Arbeitsplätze in Meinerzhagen entstehen.

Im Zusammenhang mit dem Start in Meinerzhagen als neuem Hauptstandort erfolgte auch die Verlagerung und Abwicklung der Produktionsstätte der von Pampus 2007 übernommenen Huperz-Gruppe in Attendorn. Die hatte zum Zeitpunkt der Übernahme noch rund 900 Mitarbeiter.

Nach verheißungsvollem Beginn in Meinerzhagen gab es aber sehr bald eine Serie negativer Entwicklungen bei Pampus Automotive. Das als Verlustbringer ausgemachte Zweigwerk in Unna wurde 2010 im Rahmen der im Mai angemeldeten Firmeninsolvenz geschlossen. 372 Mitarbeiter standen auf der Straße. Ein kleinere Fertigungsstätte in Remscheid wurde verkauft. „Die Geschäftsleitung strebt die Sanierung wesentlicher Teile des Unternehmens über ein Insolvenzplanverfahren an“, hatte im Mai 2010 nach Beantragung des Insolvenzverfahrens sich ein Sprecher der Unternehmensleitung gegenüber der MZ geäußert. Die Zahlungsunfähigkeit drohe insbesondere durch mangelnde Kapazitätsauslastung des Werkes in Unna, hieß es. Zu diesem Zeitpunkt gab es in Meinerzhagen 247 Mitarbeiter, in Meerane (Sachsen) 87 Mitarbeiter und Remscheid 16 Mitarbeiter.

Warum Pampus nun erneut in akute Schieflage geraten ist, darüber gibt es noch keine konkreten Aussagen. Besonders dramatisch waren zuletzt offenbar die Rahmenbedingungen am Standort Meerane im Landkreis Zwickau. Dort hatten die Stadtwerke wegen hoher Zahlungsrückstände dem Unternehmen den Strom abgeklemmt. Die dort noch 79 Mitarbeiter konnten vier Tage lang nicht arbeiten. Der vom Amtsgericht Hagen für die Pampus-Firmen eingesetzte Insolvenzverwalter Christoph Schulte-Kaubrügger konnte, wie am Mittwoch die Freie Presse aus Chemnitz berichtet, dort mittlerweile für die Wiederaufnahme der Stromlieferung sorgen.

Für die kurzfristige Zukunft des Unternehmensverbundes sei gesorgt, äußert sich der Insolvenzverwalter. „Wir haben mit den Kunden von Pampus eine Finanzierung auf die Beine gestellt, die den Betrieb bis Ende März sichert“, so wörtlich. In dieser Zeit habe die Suche nach einem Investor Vorrang. „Die Eigensanierung hat ja schließlich nicht geklappt“, urteilt der neue Insolvenzverwalter. Zulieferer wie Faurecia und Johnson Controls, aber auch Hersteller wie VW und Daimler gehören zu den Kunden von Pampus. ▪ -fe

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