In Haus Nordhelle endet eine Ära

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Joachim Stöver hatte in seinem Berufsleben einen engen Bezug zur Kultur. ▪

VALBERT ▪ Der pädagogische Leiter von Haus Nordhelle geht in die Altersteilzeit, Joachim Stöver verlässt die evangelische Tagungsstätte in Valbert.

Als der pädagogische Leiter der evangelischen Tagungsstätte Haus Nordhelle, Joachim Stöver, seiner Ehefrau Dorothee vor mehr als einem Vierteljahrhundert davon erzählte, dass er sich für eine Stelle in der Einrichtung am Fuße des Ebbegebirges bewerben wolle, erntete er zunächst ungläubiges Staunen: „So etwas gibt es hier doch gar nicht.“ Doch, so etwas gab es damals und gibt es auch heute noch.

Stöver, „gelernter“ Diplom-Pädagoge, stellte sich also „Am Koppenkopf“ vor, wurde im November 1985 als pädagogischer Mitarbeiter eingestellt und blieb 27 Jahre. Bis jetzt. Am Sonntag um 17 Uhr schlägt er allerdings das letzte Kapitel in seinem langen Berufsleben auf. Überschrieben ist es mit „Feierstunde zum Übergang in den passiven Teil der Altersteilzeit“.

Aus dem pädagogischen Mitarbeiter Joachim Stöver wurde in Haus Nordhelle im Laufe der Zeit ein „pädagogischer Referent“ und nach dem Weggang von Pastor Arno Lohmann schließlich der „pädagogische Leiter“. Zutständig war Stöver für ein äußerst komplexes Aufgabenfeld, die Erwachsenenbildung. Dabei arbeitete er eng zusammen mit Christin Haidle, die als pädagogische Mitarbeiterin für den Bereich Familienbildung zuständig ist. „Der Verband der Kirchenkreise hat das Haus als Hort der öffentlichen Weiterbildung gedacht“, erläuterte Stöver im Gespräch mit der MZ. Diese Vorgabe setzte der 60-Jährige in all seinen Dienstjahren um – wobei ihm ein großes Netzwerk, das er selbst „ins Leben rief“, stets half. Da gab es beispielsweise eine enge Verzahnung mit dem Meinerzhagener KuK-Verein, dessen Vorsitzender Stöver selbst sechs Jahre lang war. Und es gab Kontakte zu den benachbarten Gemeinden, zu den Kirchenkreisen, Firmen und zur Volkshochschule – um nur einige Kooperationspartner zu nennen.

Wichtig war stets der Bezug zur evangelischen Kirche. Und der soziale Aspekt spielte immer eine Hauptrolle. Hilfe bieten, das war oberstes Anliegen von Stöver und seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Ob ältere Menschen, die ihr Leben nach dem Verlust des Partners neu ordnen müssen, Asylbewerber, die Probleme mit der fremden Kultur haben oder Polizisten, die im Rahmen einer Tagung ihre soziale Kompetenz weiter ausbauen wollten – die Angebotspalette war stets breit gefächert. „Unsere Aufgabe war dabei immer, Hoffnung zu entwickeln und Mut zu machen. Viele Themen wurden lösungsorientiert angegangen. Beispielsweise die Thematik ,wie kann ich mich verständigen, wenn ich durch Aphasie nicht mehr reden kann'? Ich erinnere mich dabei an eine Gegebenheit, wo ein solcher Mensch plötzlich in der großen Halle stand und eine Arie sang – weil er singen, aber nicht sprechen konnte“, blickt Stöver zurück.

Einen wichtigen Part im Leben des pädagogischen Leiters nahm aber auch die Kultur ein. Haus Nordhelle war und ist immer ein Ort für Ausstellungen und Konzerte. Dabei wirkte Stöver, Vater von zwei erwachsenen Kindern, nach Kräften mit. Ein Zitat des ehemaligen KuK-Vorsitzenden Hans-Werner Bongard hat ihn besonders beeindruckt: „Kultur ist nicht die Butter auf dem Brot, sondern das Brot selbst.“ Mit der Kunst in unterschiedlichster Form habe er versucht, Welten zu öffnen. Stöver schreckte dabei auch vor „körperlichem“ Einsatz nicht zurück: „Einmal haben wir nachts sogar vor den wertvollsten Ausstellungsstücken geschlafen. Aus Sicherheitsgründen, weil wir uns einen Wachdienst nicht leisten konnten“, blickt Stöver schmunzelnd zurück.

Fahrrad fahren und Zuhause selbst einmal den Bohrer in die Hand nehmen, um zum Beispiel Regale für seine vielen Bücher aufzubauen, darauf freut sich Stöver jetzt. Doch der „Fast-Ruheständler“ hat noch mehr vor: „Ich werde auch nach meinem Umzug nach Köln Haus Nordhelle noch treu bleiben.“ Und in der Domstadt will er ein eigenes Büro für Weiterbildung betreiben. Außerdem arbeitet er künftig auch als Präsident im „Verein der europäischen evangelischen und anglikanischen Erwachsenenbildung“ mit. „Darauf freue ich mich, das ist eine interessante Aufgabe, die auch mit vielen Reisen verbunden ist. Wir wollen versuchen, die Erwachsenenbildung in Europa voranzubringen und einheitlich Standards zu entwickeln.“

Stöver weiß allerdings auch, dass auf seinen Nachfolger in Haus Nordhelle, der noch nicht feststeht, große Aufgaben warten. „Die Beziehungsformen haben sich im Laufe der Zeit total verändert, Die traditionelle Familienform ist nur noch eine von vielen. Und ältere Menschen reisen heutzutage durch die ganze Welt.“ Doch wenn es nach Stöver geht, soll Haus Nordhelle seinen Prinzipien treu bleiben: „Das hier ist ein Haus, wo Bildung noch Raum und Zeit hat.“ ▪ beil

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