Offene Fragen nach Beinahe-Absturz

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Die Autobahn 45 bietet Fliegern eine gute Orientierungshilfe – außer bei Nebel. ▪

MEINERZHAGEN ▪ Die Autobahn bietet Piloten von Sportflugzeugen eine wichtige Orientierungshilfe – wenn sie auf Sicht fliegen.

Vorstellbar, dass auch der Mann am Steuerknüppel der einmotorigen Maschine, die am Mittwoch ein Hochspannungsseil in Baberg abriss, sich gegen 9.20 Uhr an der A 45 entlang „hangelte“. Doch auf seine Augen konnte sich der Pilot zum Zeitpunkt der Kollision wegen des dichten Nebels wohl kaum verlassen. Erst recht nicht in einer Höhe von nur etwa 50 Metern. Warum also geriet der „Flieger“ bei Meinerzhagen in Lebensgefahr? Mit dieser Frage beschäftigt sich inzwischen die Bundesstelle für Flugunfalluntersuchungen in Braunschweig.

Doch auch Flieger-Kollegen fragen sich inzwischen, wie es zu dem mehr als gefährlichen Zwischenfall kommen konnte. „Der Pilot war in einer so genannten Zone G unterwegs – befand sich also im unkontrollierten Luftraum. Vorgeschrieben ist hier eine Mindestflughöhe von 300 Metern, Wolken dürfen nicht berührt werden“, erklärt der Meinerzhagener Thomas van de Wall, selbst mit langjähriger Flugerfahrung und als Geschäftsführer der Firma „Aerophoto“ Chef von vier Berufspiloten. „Eine Unterschreitung dieser Mindestflughöhe ist nur bei Starts und Landungen erlaubt“, weiß van de Wall.

Dass ein Pilot in eine Zone mit schlechter Sicht gerät, ist nichts Außergewöhnliches. Doch Sicherheit geht in solchen Fällen immer vor. „Es ist uns selbst schon häufiger passiert, dass wir uns einer Nebelbank näherten. Zum Beispiel nach Luftaufnahmen vom Hochwasser in Köln. Auf dem Rückflug war der Flugplatz Siegerland wegen Nebels dicht, wir sind dann nach Dortmund ausgewichen, weil wir am Leben hängen“, erinnert er sich.

Was zu dem „Blindflug“ des Unfallpiloten vom Mittwoch in einer so geringen Höhe geführt hat, kann sich van de Wall nicht erklären. Dass der Mann in akuter Lebensgefahr geschwebt hat, ist für ihn aber keine Frage. Doch es bleiben ungeklärte Fragen. Warum beispielsweise ist der Pilot überhaupt in die sicherlich nicht kleine Nebelbank hineingeflogen und hat nicht rechtzeitig abgedreht? Das weiß auch van de Wall nicht.

Dass das Sportflugzeug das Kabel mit seinem Propeller durchtrennt hat, ist für ihn darüber hinaus ebenfalls kaum vorstellbar. „Dabei hätte der Propeller Schaden genommen – und damit bis nach Würzburg weiterfliegen – das kann ich nicht glauben. Die Maschine hat kein einziehbares Fahrwerk und einige dieser Modelle sind mit Haken am Heck ausgerüstet, für den Bannerflug. Vielleicht hat er das Kabel damit erwischt“, macht sich van de Wall seine Gedanken über den Hergang des Unfalls.

Dass die Rettungskräfte zunächst nicht wussten, ob es tatsächlich zu einem Absturz gekommen war, kann sich der Meinerzhagener hingegen erklären. Theoretisch ist es möglich, sich legal im Luftraum zu bewegen, ohne dass jemand über die genaue Position des Flugzeuges Bescheid weiß. Eine Anmeldung des Fluges beim „Flight-Information-Service“ (FIS) ist nicht zwingend vorgeschrieben. Und auch beim Tower am Startort erfolgt oft nur eine einfache Abmeldung. Wetter-Informationen über das Fluggebiet gibt es hingegen recht einfach – beispielsweise als „App“ auf dem Netbook. Was bleibt, sind also viele Fragen. ▪ beil

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