Begleiter in den schwersten Augenblicken

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Dieser Einsatz der Notfallseelsorger ist nur gestellt. Ihre Aufgabe während einer Übung der Löschgruppe Willertshagen: einen Vater, in diese Rolle schlüpfte Friedhelm Zahnke, beruhigen, dessen Sohn „verunglückt“ ist.

Meinerzhagen - Es ist nur ein winziger Augenblick, der das Leben für immer verändert. Ein Verkehrsunfall. Der Fahrer ist in seinem Auto eingeklemmt. Er ist lebensgefährlich verletzt. Die Angehörigen müssen zusehen, wie er von der Feuerwehr aus dem Wrack befreit wird. Ein weiteres Unglück: Ein Kind ist plötzlich gestorben. Die Eltern sind geschockt, fassungslos. In beiden Fällen neben den Rettungskräften vor Ort: die Notfallseelsorger.

Das Unglück einer Familie, die ihr Kind verloren hat, hat Carmen Hähnel vor nicht allzu langer Zeit erlebt. Von der Kreisleitstelle der Feuerwehr wurden sie alarmiert. Carmen Hähnel, die sich seit fünf Jahren ehrenamtlich als Notfallseelsorgerin engagiert, fuhr zu der Familie. Die Stunden, die sie mit den Eltern und Angehörigen erlebte, beschäftigen sie noch immer. Ihre Aufgabe in der Extremsituation: Dasein, Mit-Ertragen, Mit-Begleiten.

Für die Feuerwehr sind die Notfallseelsorger wichtige Helfer am Einsatzort: „Wir Feuerwehrleute übernehmen unseren Part, wir sind technisch gut und taktisch ausgebildet. Wir müssen funktionieren. Trotzdem möchten wir auch den Betroffenen das Gefühl geben, dass wir ihnen helfen“, beschreibt Stadtbrandinspektor Christian Bösinghaus. Der stellvertretende Leiter der Freiwilligen Feuerwehr Meinerhagen ist daher froh, dass bei schweren Unglücken die Notfallseelsorger ausrücken, um sich um Betroffene zu kümmern. Christian Bösinghaus weiß auch: Schlimme Einsätze schütteln selbst erfahrene Einsatzkräfte nicht so einfach ab, sie können an der Seele nagen. „Feuerwehrangehörige sind auch nur Menschen. Auch wir können erschrocken sein“, sagt er.

Die Helfer, die beim Einsatz an ihren lilafarbenen Warnwesten zu erkennen sind, werden aber nicht nur von der Feuerwehr alarmiert. Oftmals begleiten sie die Polizei, beispielsweise, wenn Todesnachrichten überbracht werden müssen. „Unser Faktor ist die Zeit“, berichtet Klaus Kemper-Kohlhase. Wenn die Beamten gehen, weil ihre Arbeit beendet ist, bleiben die Notfallseelsorger. Sie gucken nicht auf die Uhr, sie sind da, wenn Betroffene panisch sind, wenn sie fassungslos fragen „Wie konnte das passieren?“.

Die Aufgabe der ehrenamtlichen Seelsorger ist es, Beistand in schwersten Augenblicken zu leisten, Trauernde oder Angehörige von Verletzten eine zeitlang zu unterstützen. Die Hilfe kann ganz unterschiedlich sein. „Sie bedeutet vielleicht, dass man ein Abschiedsritual schafft. Manchmal besteht sie auch darin, gemeinsam Stille auszuhalten“, weiß Carmen Hähnel.

„Es gibt da kein Schema“, lautet die Erfahrung von Mike Bubenzer. Seit zwei Jahren ist der ausgebildete Rettungssanitäter Notfallseelsorger. Er sei hilfsbereit und sozial beschreibt er, daher habe ihn die Aufgabe interessiert. Als die Notfallseelsorge aufgebaut wurde, waren es hauptsächlich Pfarrer, die sich hier engagierten. Dass es inzwischen viele ehrenamtliche Helfer gibt, die sich ausbilden lassen, dafür ist Klaus Kemper-Kohlhase, Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Meinerzhagen, dankbar. Unter den Ehrenamtlichen, die alle eine positive Bindung zum Glauben haben, sind auch einige, die auf Erfahrungen im Beruf oder eine Weiterbildung zurückgreifen können, die auch in extrem belastenden Situationen hilfreich sein können. Daniela Scherbath beispielsweise ist Trauerbegleiterin, Carmen Hähnel Kinderkrankenschwester und hat daher auch stets ihren Partner, den Notfallseelsorgeteddy, dabei: „Den haben nicht nur Kinder, sondern auch schon ältere Menschen zum Festhalten gebraucht.“ Dr. Barbara Wüst ist bei ihrer Arbeit als Ärztin mit traumatischen Erlebnissen und Belastungen von Kindern konfrontiert. „Man kann den Joker auch schon früher ziehen. Man muss nicht warten, bis sie nicht mehr schlafen können“, sagt sie. An ihren ersten Einsatz als Notfallseelsorgerin erinnert sich die Meinerzhagenerin noch genau, denn da habe sie etwas von den Feuerwehrleuten gelernt: „Jemand verbrannte in seinem Auto und die Feuerwehr war im Grunde hilflos. Diejenigen, die nichts tun konnten, standen auf einer Wiese und haben dem Geschehen den Rücken zugekehrt.“ Ein Schutz, damit sich das Bild nicht „einbrennt“.

Notfallseelsorger müssen Einfühlungsvermögen und ein feines Gespür für Menschen und ihre Bedürfnisse mitbringen. Doch auch für diejenigen, die als Notfallseelsorger gerufen werden, könne die Situation belastend sein, räumt Dirk Gogarn ein. Die ehrenamtlichen Helfer seien in den ersten Stunden punktuelle Begleiter. „Wenn jemand da ist, der vielleicht besser helfen kann, ein Freund oder Angehöriger, dann gehe ich“, berichtet der Pfarrer. Durchschnittlich zehnmal im Jahr werden Notfallseelsorger alarmiert, leisten Beistand, wenn sich Betroffene in belastenden Situationen befinden. Dr. Barbara Wüst weiß, dass viele Menschen in solchen Momenten einfach nur funktionieren, das Geschehen aber gar nicht fassen können. „So schnell kommt kein Herz hinterher“, sagt sie.

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