Helfer in schweren Stunden: Die Notfallseelsorger

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Pfarrer Dirk Gogarn wird im Notfall über einen Meldeempfänger alarmiert. ▪

MEINERZHAGEN ▪ Notfallseelsorger leisten unverzichtbare Arbeit. So auch am 5. September.

Es ist 7.45 Uhr. Der Abschnitt der Autobahn A45 zwischen Lüdenscheid Süd und Meinerzhagen gleicht einem Trümmerfeld. Fahrzeugteile und riesige Druckpapierollen bedecken die Fahrbahn, einer der beiden verunglückten Lastwagen liegt quer über der Begrenzungsmauer, die er durchbrochen hat. Das Führerhaus ist durch die Wucht des Aufpralls so stark zusammengedrückt, dass man es als solches nicht mehr erkennen kann. Der Fahrer des zweiten Lkw kann nur noch tot geborgen werden. Ob sich unter den Tonnen von Trümmern noch weitere Opfer verbergen – vielleicht ein Pkw- oder Motorradfahrer – , weiß zu dem Zeitpunkt, als die ersten Einsatzkräfte eintreffen, noch niemand.

Ein solches Szenario möchte wohl keiner hautnah miterleben müssen – einige Menschen aber sind dazu gezwungen. Um Opfer, Angehörige oder auch Einsatzkräfte von Polizei und Feuerwehr psychisch zu betreuen, gibt es Notfallseelsorger, die speziell ausgebildet werden, um in Notsituationen erste „Beruhigungsarbeit“ zu leisten. Einer von ihnen ist der katholische Pfarrer Peter Wilhelm Keinecke aus Meinerzhagen. Er ist seit circa vier Jahren Notfallseelsorger. Im Gespräch mit der MZ beschreibt er seine Tätigkeit: „Die Einsätze sind immer anders. Es kann zum Beispiel sein, dass jemand nach einem schweren Unfall in seinem Fahrzeug eingeschlossen ist und dann beruhigt werden muss. Außerdem müssen ja auch Personen ,rund um den Unfall’ – also Angehörige oder auch Einsatzkräfte – betreut werden.“ Auch das Überbringen der Todesnachricht ist in Einzelfällen eine Aufgabe der Notfallseelsorger: „Das machen wir dann gemeinsam mit der Polizei“.

An seinen ersten Einsatz erinnert sich der Geistliche noch gut: „Das war schon sehr schlimm. Damals verunglückten drei junge Leute, die erst um die 20 Jahre alt waren, tödlich“, erinnert er sich.

Die Koordination der Notfallseelsorge ist in Meinerzhagen und Valbert Aufgabe des Pfarrers Dirk Gogarn: „Unser Team besteht aus Pfarrern verschiedener Konfessionen. Wir arbeiten auch mit muslimischen Notfallseelsorgern zusammen, die zum Beispiel dann hinzugezogen werden, wenn an einem Unfall Türkischsprachige beteiligt waren, die uns nicht verstehen können. Dazu können außerdem ausgebildete Ehrenamtliche angefordert werden.“ Alarmiert werden die Notfallseelsorger ausschließlich über die Kreisleitstelle des Märkischen Kreises in Lüdenscheid.

Die Hauptaufgabe der Notfallseelsorger ist für Dirk Gogarn „für die Menschen da zu sein“. „Es kommt oft nicht auf sprachliche Kommunikation an, sondern vielmehr auf Präsenz und Nähe.“ In Situationen, in denen „von einem zum anderen Moment nichts mehr so ist wie es war“, sei es enorm wichtig, Beistand und Trost zu spenden.

Für die weitere psychische Betreuung von Unfallopfern oder Angehörigen sind die Seelsorger nicht zuständig: „Da wollen wir ein Netzwerk sein“, so Gogarn. Das heißt: Es werden Kontakte beispielsweise zu Selbsthilfegruppen oder Gemeindepfarrern hergestellt.

Gogarn übt die Tätigkeit des Notfallseelsorgers nunmehr seit Mai letzten Jahres aus: „Es ist immer wieder eine emotionale Herausforderung“. „Abgebrüht“ könne man mit solchen Situationen nicht umgehen.

Für Michael Stumpe, Hauptkommissar und Leiter der Polizeiwache Meinerzhagen, gehören Verkehrsunfälle zum Berufsalltag. „Selbst erfahrenes Personal kann von solchen Unfällen überrascht werden. Oft sieht man ja erst an der Unfallstelle, wie schlimm die Situation wirklich ist“, weiß der Polizist. Auch aus diesem Grund gibt es für die Polizei ein eigenes Betreuungsteam, das für solche Situationen angefordert wird. ▪ juli

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