Neues Leben wächst auf verwüsteten Kyrill-Flächen

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Förster Herbert Röttger auf einer aufgeforsteten Waldfläche oberhalb der Straße Im Tempel: Hier wurden rund 6500 Buchen angepflanzt. Durch natürliche Sukzession soll ein Mischwald entstehen. ▪

MEINERZHAGEN ▪ Neues Leben wächst auf den vom Orkan Kyrill vor fünf Jahren im Stadtgebiet von Meinerzhagen verwüsteten Waldflächen. Auch für den für den hiesigen Forstbetriebsbezirk zuständigen Forstamtmann Herbert Röttger war es die mit Abstand größte Herausforderung in seinem Berufsleben.

„Was viele Generationen zuvor gepflanzt hatten, war über Nacht vernichtet. Viele private Waldbesitzer standen vor einer schicksalshaften, existenziellen Situation“, erinnert er sich im Gespräch mit der MZ. Was neu gepflanzt wurde, wird jetzt in erst etwa 80 Jahren den Zustand erreicht haben, den der durch den Orkan zerstörte Baumbestand aufgewiesen hatte.

Die außergewöhnlichen Dimensionen der damaligen Naturkatastrophe bilanziert der Deutsche Wetterdienst in einer zum fünften Jahrestag von Kyrill veröffentlichen Presseinformation so: „Vor fünf Jahren, am 18. Januar 2007, zog Orkan Kyrill über Westeuropa hinweg. Sein Windfeld erfasste ganz Deutschland. Mindestens 13 Menschen verloren ihr Leben. Etwa 50 Millionen Bäume stürzten um, mehr als 25 Millionen Kubikmeter Holz wurden zerstört. Am späten Nachmittag dieses Tages, als der Sturm seinen Höhepunkt erreichte, stellte die Bahn erstmals in Deutschlands Nachkriegsgeschichte ihren gesamten Schienenverkehr ein. Die Versicherer verzeichneten Milliardenschäden.“

Im Stadtgebiet von Meinerzhagen kam der Orkan mit Windstärken bis zu 130 Stundenkilometern an jenem Donnerstag im Januar 2007 gegen 18 Uhr an. Zuvor hatte es über Stunden hinweg heftigste Niederschläge gegeben. Dieser Konstellation war es nach Einschätzung von Förster Röttger auch zuzuschreiben, dass es ganz besonders viele Bäume umriss: „Der Boden war bis tief ins Wurzelwerk hinein aufgeweicht, so das selbst kerngesunde Bäume keine Chance hatten.“

Allein im Ebbegebirge legte Kyrill damals rund 600 000 Meter Sturmholz flach. Im Forstbetriebsbezirk Meinerzhagen, in etwa identisch mit dem Stadtgebiet, sah die Bilanz so aus: Die von Windwurf betroffene Gesamtfläche betrug 66 Hektar, verteilte sich auf viele, zum Teil kleine Waldparzellen. Betroffen waren rund 50 Waldbesitzer. 30 000 Festmeter Windwurfholz waren aufzuarbeiten. Das entspricht in etwa der gleichen Anzahl an Bäumen. Betroffen waren vornehmlich Fichten.

„Fünf Jahre nach Kyrill sind fast alle Windwurfflächen im Stadtgebiet wieder aufgeforstet oder lassen durch die natürlich Sukzession einen stabilen Waldbestand erwarten“, schildert der hiesige Revierförster. Dabei werden sich die künftigen Waldflächen deutlich bunter und damit auch robuster als bislang präsentieren. Für die bevorzugte Wiederaufforstung mit Laubholz sowie die Anlage von künftigem Mischwald anstelle der bislang vorherrschenden Fichtenmonokulturen auf einer Gesamtfläche von rund 35 Hektar konnten auch rund 83 000 Euro an Fördermitteln des Landes NRW und der Europäischen Union in Anspruch genommen werden.

Insgesamt gepflanzt wurden auf diesen Flächen 134 350 Stück Laubholz und nur 8 050 Stück Nadelholz. Der größte Anteil bei den neuen Pflanzen entfällt auf die Rotbuche mit 86 000 Stück. Weiter wurden 35 000 Eichen, 8500 Hainbuchen, 1 250 Bergahorne, 1 400 Roterlen und 2 000 Eschen gepflanzt. Beim Nadelholz bevorzugte man anstelle der Fichte die deutlich robustere Douglasie.

Rund 26 Hektar Windwurfflächen wurden ohne Förderung wieder zu reinen Nadelholzkulturen aufgeforstet. Gepflanzt wurden hier 45 000 Fichten, 33 000 Douglasien und 4000 Lärchen.

Zum Teil stark in Mitleidenschaft gezogen waren durch den verheerenden Orkan seinerzeit auch viele Wald- und Forstwege. Die Stadt Meinerzhagen nutzte die Möglichkeit, Mittel aus einem besonderen Fördertopf der EU für die Instandsetzung beantragen zu können. Für neun Einzelmaßnahmen mit einer Gesamtausbaustrecke von 14 Kilometern flossen schließlich 220 000 Euro in die Volmestadt.

Trotz dieser positiven Bilanz kann der Orkan Kyrill aber auch heute noch nicht „abgehakt“ werden. Mit Folgeschäden war und ist auch weiter zu rechnen: „Leider sind viele Bestände, in der Hauptsache der Baumart Fichten, durch Kyrill sowie weitere Stürme der zurückliegenden Jahre, von Westen her so aufgerissen, dass Folgekalamitäten durch Käferbefall oder weitere Sturmschäden fast unvermeidlich sind. Es wird unsere Aufgabe auch in den nächsten Jahren sein, die mit standortgerechten Baumarten aufgeforsteten Windwurfflächen durch entsprechende Behandlung möglichst rasch zu stabilen Beständen heranzupflegen sowie die bestehenden Bestände durch gezielte Durchforstungsmaßnahmen zu stabilisieren. Mit diesen waldbaulichen Mitteln hoffen wir künftigen Sturmereignissen etwas besser entgegentreten zu können“, erklärt Revierförster Röttger.

Begünstigt wird dieses Bemühen im Zusammenwirken mit privaten Waldbesitzern in jüngerer Zeit durch eine deutliche Trendwende auf dem Holzmarkt. Fielen nach Kyrill wegen des massenhaften Anfalls von Holz die Preise tief in den Keller, sind auf Grund der anhaltend hohen Nachfrage nach Nadelholzsortimenten aller Art die Holzpreise wieder deutlich gestiegen. „Das hat die Bereitschaft zur Pflege der Bestände deutlich erhöht“, so Röttger. Auf Grund der knappen Versorgung der Sägewerke bei weiterhin hoher Nachfrage nach Holz hat er die begründete Hoffnung, dass die Holzpreise mittelfristig auf dem zurzeit hohen Niveau gehalten werden können. „Für die weitere Pflege und Stabilisierung der Waldflächen kann diese Entwicklung nur positive Auswirkungen haben“, so Röttger

Wie gefährlich und sensibel nach wie vor die Situation auf manchen vorgeschädigten Kyrill-Flächen ist, erlebte der erfahrene Forstbeamte erst unlängst – vor laufender Fernsehkamera und in einer Situation, „wie ich sie so selbst zuvor noch nicht erlebt hatte.“ Es war am 10. Januar, als ein Team des WDR-Studios Siegen eigentlich Aufnahmen für eine Nachbetrachtung zum Thema „Kyrill“ machen wollte. Verabredet hatte man sich dafür mit dem Meinerzhagener Förster auf einer Waldfläche nahe der Kreisstraße 4 unweit von Gut Langenohl. Ausläufer der beiden Sturmtiefs Andrea und Lothar machten sich an diesem Tag noch bemerkbar. Gerade, als die Kamera von der wiederaufgeforsteten Fläche auf den angrenzenden Altbestand von Fichten schwenkte, geschah es: Wie Dominosteine fielen, von einer Sturmböe erfasst, in diesem Augenblick rund 25 in Reihe stehende Fichten um. Die spektakulären Bilder wurden noch am selben Tag in zahlreichen aktuellen Fernsehsendungen gezeigt und schafften es sogar bis in die „Tagesthemen“ der ARD. ▪ -fe

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