Mehr Geld für Demenzkranke

Nicht nur die stationäre Pflege wird unterstützt, sondern auch die häusliche. ▪ dpa

MEINERZHAGEN ▪ Die Uhr landet beim Aufräumen im Kühlschrank. Der Vater möchte morgens um fünf zur Arbeit gehen und erkennt schließlich seine eigene Tochter nicht mehr: Wer einen Demenzkranken zuhause betreut und pflegt, braucht viel Kraft und Geduld.

Seit dem 1. Januar haben Demenzkranke Anspruch auf mehr Geld. Das kann auch die Angehörigen entlasten.

Neu ist, dass jetzt auch Demenzkranke mit der sogenannten „Pflegestufe 0“ Pflegegeld bekommen. „Die Pflegestufe richtet sich danach, ob jemand sich noch alleine waschen und anziehen kann und ob er noch allein essen und zur Toilette gehen kann“, sagt Ingrid Papst, die Pflegedienstleiterin im Wilhelm-Langemann-Haus.

Demenzkranke können all das oft noch allein und bekommen deshalb keine Pflegestufe. Trotzdem brauchen sie schon kurze Zeit nach Ausbruch der Krankheit rund um die Uhr eine Betreuung. „Der Kranke sieht nicht mehr die Verantwortung für das, was er macht. Vielleicht stellt er im Vorbeigehen einfach den Herd an“, erklärt Ingrid Papst.

Bisher bekamen Demenzkranke ohne Pflegestufe pro Monat maximal 200 Euro Betreuungsgeld. Die zusätzlichen 120 Euro Pflegegeld können jetzt sowohl für Betreuung als auch für Pflege ausgegeben werden. „Das ist jetzt besser, dass da jemand zur Unterstützung angefordert werden kann“, findet Ingrid Papst. „Die Angehörigen können sich dann jemanden leisten, der zwei Stunden am Tag auf den Kranken aufpasst, damit sie mal Zeit für sich haben.“

Zeit für sich selbst ist das, was pflegenden Angehörigen am meisten fehlt. Oft haben sie aber auch Schwierigkeiten damit, Hilfe anzunehmen. „Die Angehörigen fühlen sich als Helfer, es fällt ihnen schwer, die Aufgabe abzugeben“, sagt Sigrid Baukloh-Becker von der Diakonie. Oft habe sie erlebt, dass pflegende Ehepartner oder Kinder sich regelrecht aufopferten und selbst krank wurden. „Damit ist keinem geholfen.“

In der Stadt sei das einfacher: So werde zum Beispiel ein Betreuungsangebot der Diakonie in Hagen gut angenommen. „Auf dem Land fühlen sich die Leute aus einem alten Verständnis heraus für ihre Kranken verantwortlich“, sagt die Diakonie-Mitarbeiterin. Erst wenn es an die körperliche Pflege gehe, nähmen die Angehörigen Unterstützung in Anspruch.

Dabei sei es für die Kranken besser, früh professionelle Hilfe zu bekommen. Denn Demenzpatienten versuchen so lange wie möglich, ihre Krankheit zu verstecken. „Das ist eine ungeheure Leistung des Gehirns“, erklärt Sigrid Baukloh-Becker. Je früher er Hilfe annehme, desto mehr lebenswerte Zeit habe der Kranke noch für sich. In Betreuungsgruppen singen die Demenzkranken zusammen alte Volkslieder und unterhalten sich. Anhand von Fotokarten, die zum Beispiel Autos aus den 50er Jahren zeigen, erinnern sie sich gemeinsam an ihre Jugend. „Sie erzählen unheimlich gern von früher“, so Sigrid Baukloh-Becker. „Das tut ihnen einfach gut.“

Ingrid Papst findet sogar, Demenzkranke sollten schon früh stationär betreut werden, auch wenn ihnen der Umzug schwerfalle. „Die Erkrankten sollen die neue Umgebung noch wahrnehmen“, sagt sie. Außerdem könnten die Pfleger oft besser auf das Verhalten der Demenzkranken reagieren. „Wenn der Patient morgens um fünf zur Arbeit gehen möchte, ist es besser, darauf einzugehen als ihm zu widersprechen“, erklärt die Pflegedienstleiterin. „Hast du vergessen: Heute ist Sonntag, wir gehen erst morgen wieder zur Arbeit“, sei dann eine bessere Antwort als „Nein, du bist doch schon seit zehn Jahren in Rente.“ ▪ cra

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