Tour mit dem Nachtwächter

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Der zweite Vorsitzende des Heimatvereins Frank Brüggendieck (rechts) skizzierte das Leben in Meinerzhagen vor der Stadtwerdung.

Meinerzhagen - Die große Resonanz überraschte sowohl den Veranstalter als auch die vielen interessierten Bürger, die sich am Dienstagabend bei einem kleinen Spaziergang durch die Meinerzhagener Straßen von einem Nachtwächter in die Geschichte ihrer Heimatstadt führen lassen wollten.

Rund 100 Teilnehmer hatten sich auf Einladung des Heimatvereins an der Jesus-Christus-Kirche eingefunden, wo sie vom zweiten Vorsitzenden Frank Brüggendieck begrüßt wurden, der für sie das Leben in der Ortschaft vor der Stadtwerdung im Jahre 1765 kurz skizzierte.

Damals bestand Meinerzhagen im Wesentlichen aus Haupt- und Kirchstraße sowie der Derschlager Straße bis zur Grune (Gasthaus Theile). Die Bewohner lebten von Handwerk und Handel und waren Selbstversorger. In den meisten Häusern gab es Stallungen, in denen ein bis zwei Schweine, Geflügel und auch eine Kuh gehalten wurden. Die Straßen waren nicht gepflastert, und an regnerischen Tagen verwandelten sie sich schnell zu einem grundlosen kaum begehbaren Morast. In vielen Häusern gab es Wirtsstuben, in denen sich die Nachbarn zum Feierabendbier trafen. Pferd und Wagen besaßen die Wenigsten und so verließen die Bewohner den Ort nur, wenn es notwendig war. Bei Einführung der Akzise wohnten 703 Menschen im Ort, weitere 1000 in den umliegenden Ortschaften.

Als erster Nachtwächter wird der 1825 geborene Theodor Pollmann erwähnt, dessen Beruf außerdem mit Kötter, Totengräber und Kastenmacher angegeben wird. Er putzte die aufgestellten Laternen, versorgte sie mit Brennstoff, zündete sie in der Dämmerung an und löschte sie wieder gegen 22 Uhr. Bei seiner stündlichen Runde durch das Dorf blies er auf einem kleinen Horn mit dumpfen Tönen die Stunden an, kontrollierte, ob alle Türen verschlossen waren, und erinnerte die Handwerker – wenn nötig – auch an den Feierabend. Bei nachts ausbrechenden Bränden, von denen es nicht wenige gab, war es seine Aufgabe, sofort Feueralarm zu geben und im Kirchturm die Brandglocken zu läuten. Er wohnte im Haus „Hinterer Markt 40“ (heute Hauptstraße 16), wo jetzt Beate Hoppe zuhause ist.

Sie schlüpfte für die kleine geschichtliche Wanderung in die Rolle der Nachtwächterin und erläuterte den Teilnehmern beim Weg über die Himecke zur Krim und weiter über die Hauptstraße sowie den Krummicker Weg (die damalige Derschlager Straße) viele interessante Details zu den einstigen Bewohnern der Häuser an der Krim, der Krone (Hauptstraße 42), wo sich heute Redaktion und Geschäftsstelle der Meinerzhagener Zeitung befinden, Im Paul (Hauptstraße 35), einstmals Zollamt, das 1868 abbrannte, von Peter Friedrich Krugmann wieder aufgebaut wurde und anschließend 20 Jahre als Amtshaus diente, sowie dem Knoch’schen Haus (Hauptstraße 21), das 1765 als Akzisekontor angekauft wurde und wo auch einige Zimmer für die Ratsverwaltung eingerichtet wurden.

So mancher Wanderer wird sich über die „Gnade seiner späten Geburt“ gefreut haben, denn in der „guten alten Zeit“ war das Leben für die Meinerzhagener nicht einfach. Der siebenjährige Krieg bescherte ihnen Übergriffe, Einquartierungen, Plünderungen und Abgaben. In wechselnder Folge erschienen verschiedenste Truppen, die alle von der Bevölkerung versorgt werden mussten. Am 2. Januar 1759 fiel eine Abteilung von 360 Husaren ein. Vor allem aber litt die Gemeinde unter dem Fischer’schen Freikorps, dessen General ein eifriger Parteigänger der Franzosen war. In der Kirche wurde ein französisches Magazin eingerichtet, Altar, Bänke und das Kirchentor beseitigt, und wegen des großen Holzbedarfs wurden Hecken, Zäune, Bretter und Balken verbrannt.

Der informative Rundgang endete am Ausgangspunkt, dem Hüseken (Kirchstraße 12), in dem vor der Reformation, als Meinerzhagen noch Wallfahrtsort war, Reliquien, Heiligenbilder und Statuen ausgestellt waren. Beim großen Stadtbrand 1797 wurde es ein Opfer der Flammen und erst 1801 von Matthias Wernscheid unter Verwendung alter Mauerreste wieder aufgebaut.

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