Nachbarschaft einfach ausgesperrt

Am Montag informierte sich Ortsvorsteher Fred Oehm über die missliche Situation in der Ortslage Valbert-Bahnhof. Durch die Absperrung müssen nun drei Familien lange Fußwege zu ihren Häusern in Kauf nehmen. ▪

MEINERZHAGEN ▪ Seit knapp zwei Wochen sind drei Familien aus der Ortslage Valbert-Bahnhof von der Außenwelt abgeschnitten. Ein nun schon seit rund vier Jahren schwelender Nachbarschaftsstreit ist eskaliert.

Der Eigentümer des Hauses Valbert Bahnhof Nummer 3, Bruno E., machte seine Androhung wahr: Er riegelte die einzige Verbindungsstraße zu den dahinter liegenden vier Wohnhäusern mit den Hausnummern 4,5, 6 und 7 durch eine massive Schranke und eine Absperrkette ab. Und er fühlt sich dazu berechtigt. „Es ist mein Grundstück“, erklärt er gegenüber der MZ. Seine Nachbarn sind fassungslos, reagieren mit Unverständnis und einem Gefühl ohnmächtiger Wut.

In der Sitzung des Bau- und Vergabeausschusses am Dienstag nutzte Klaus Teschner (70) die Stunde der Öffentlichkeit, um die Mitglieder des Gremiums auf sein und das Problem von weiteren vierzehn Menschen aufmerksam zu machen. Seine Hoffnung, durch die Stadt Meinerzhagen wirkungsvolle Unterstützung bei der Lösung des Problems zu bekommen, wurde indes bitter enttäuscht. Vertreter der Verwaltung ebenso wie Ausschussmitglieder verwiesen auf die Rechtslage. „Es handelt sich hier um eine privatrechtliche Auseinandersetzung. Ohne juristische Klärung kann auch die Stadt nichts unternehmen“, so Fachbereichsleiter Jürgen Tischbiereck. Man habe auch den Märkischen Kreis kontaktiert und von dort nach eingehender Überprüfung der Sachlage die Auskunft erhalten, dass man derzeit keine Möglichkeit der Einflussnahme auf die privatrechtliche Auseinandersetzung sehe.

Fakt ist: Ein Teil der Straße, die ausgehend von einem Überweg über die Bahnstrecke kurz vor dem alten Bahnhof die insgesamt fünf angrenzenden Wohngebäude erschließt und dann als Sackgasse endet, gehört dem Eigentümer des Hauses Nummer 3. Als die Deutsche Bahn 2008 weitere angrenzende Flächen zum Kauf anbot, nutzte der Anwohner die Gelegenheit und erweiterte seinen Besitz. Auch die Stadt Meinerzhagen hätte seinerzeit von einem ihr eingeräumten Vorkaufsrecht Gebrauch machen können, tat das aber nicht. In einem Schreiben des damaligen Baudezernenten Gerd Schriever wurde der Erwerber der Flächen, zu denen auch ein weiteres Stück der Straße gehörte, jedoch ausdrücklich darauf aufmerksam gemacht, dass er seinen Nachbarn weiter ein Wegerecht einräumen müsse.

Die übrigen Anwohner wiegten sich in Sicherheit. Sie konnten wohl auch davon ausgehen, dass sich für sie nichts ändern würde: Die Stadt übernahm weiterhin den Winterdienst, sorgte für die Instandsetzung der Straße. „Ich wohne hier jetzt seit 1968. So etwas hätte ich mir in den bösesten Träumen nicht vorstellen können“, erklärt Klaus Teschner, der mit Sohn Martin, Schwiegertochter und deren Kindern das am Ende der Straße gelegenen Doppelhaus bewohnt.

Warum es nun aber zur Abriegelung und einem dadurch ausgelösten unhaltbaren Zustand gekommen ist, darüber gibt es unterschiedliche Versionen der Betroffenen. Bruno E. fühlt sich „bedroht und belästigt“, wie er erklärt. Es werde vor seinem Haus gerast. Er sieht als einzige Möglichkeit eine Verlegung der Straße von seinem Grundstück weg. Überschlägig hat die Stadt bereits errechnet, dass dies Kosten von rund 100 000 Euro erfordern würde, zudem wegen ungeklärter planungsrechtlicher Folgen keinesfalls kurzfristig realisierbar wäre.

Der Valberter Ortsvorsteher Fred Oehm schaltete sich ein. Er kennt alle Betroffenen persönlich und versuchte zu vermitteln. Noch am Montag dieser Woche kam es auf dem Grundstück von Bruno B. zu einer Begegnung im Beisein der MZ. Oehm verdeutlichte dem Eigentümer: „Hier sind Familien mit Kindern betroffen. Was passiert, wenn ein Notfall eintritt, Krankenwagen und Feuerwehr nicht durchkommen? Wie sollen die Grundstücke anderweitig versorgt werden, zum Beispiel mit Heizöl? Mach’ die Absperrung weg!“ appellierte er mehrfach an die Adresse von Bruno E. Der blieb stur, sieht sich im Recht. Will sich allenfalls auf ein Notwegerecht einlassen, bei dem er aber die Zahl der täglichen Autofahrten deutlich eingeschränkt sehen will. Er hat eine Überwachungskamera installiert und hält damit alle Bewegungen im Bereich seines Grundstücks fest. Fred Oehm ist fassungslos und sagte dem Anwohner deutlich, was er von dessen Einstellung hält: „Das ist boshaft und rücksichtslos!“ Ein Schlichtungsversuch, zu dem Bürgermeister Erhard Pierlings vor wenigen Wochen die Betroffenen eingeladen hatte, war gleichfalls ergebnislos geblieben. Bruno E. war nicht zum Termin erschienen.

Die verkehrsmäßig abgeriegelten Nachbarn müssen ihre Autos nun vor dem Bahnübergang parken, jeweils mehrere hundert Meter Fußweg auf sich nehmen. Zum Transport von Lebensmitteln setzen sie Schubkarren ein. Die Mülltonnen müssen sie über eine lange Wegstrecke zum Abtransport rollen. Betroffen ist neben Familie Teschner mit fünf Personen eine zehnköpfige Großfamilie albanischer Herkunft. Der Vater ist krank und muss regelmäßig in ärztliche Behandlung. Auch er muss zurzeit erst ein Stück Weg mühsam zu Fuß zurücklegen.

Allein auf sich gestellt, suchen die Betroffenen jetzt Hilfe auf juristischem Wege. Gestern Mittag wurde vor dem Amtsgericht Meinerzhagen verhandelt. Es ging um den Erlass einer einstweiligen Verfügung zur Aufhebung der Absperrung. Nach rund einstündiger Verhandlung einigten sich die Parteien zunächst auf eine Übergangslösung: Gegen Hinterlegung einer Sicherheitsleistung für eine rechtlich fällige Notwegeentschädigung beim Gericht erhielten die beiden klagenden Familien Teschner je einen Schlüssel für die Absperrung. Bei einem vom Gericht anberaumten Ortstermin am 31. Juli soll es dann auch um die Frage einer möglichen Umgehung des Grundstücks von Bruno E. gehen. Es wird berichtet. ▪ -fe

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