„Wir haben nichts mit Terroristen zu tun“

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Cengiz Varli und seine Ehefrau Necile lesen regelmäßig im Koran. Der Prophet lebte für sie Gewaltlosigkeit vor – deshalb können beide nicht verstehen, warum sie als Moslems von einigen Bürgern mitverantwortlich für den Terror gemacht werden.

Meinerzhagen - Sie sind in Meinerzhagen keine Unbekannten. Sie leben seit Jahrzehnten in der Stadt und viele von ihnen wurden hier geboren. Und dennoch: „Die Ablehnung, die wir Moslems jetzt erfahren, ist schon etwas stärker geworden“, glaubt Cengiz Varli. Er ist Meinerzhagener, stammt aus der Türkei, besitzt einen deutschen Pass und gehört zur Ahmadiyya Muslim Jamaat-Gemeinde.

Von Jürgen Beil

Grundsätzlich fühlt sich der Moslem wohl in Meinerzhagen – ebenso wie seine Ehefrau Necile und die beiden Kinder. Das gilt auch für die Zeit kurz nach den Terroranschlägen in Paris, begangen von Terroristen, die sich selbst ebenfalls als Muslime bezeichnen. Cengiz Varli sieht in diesem Zusammenhang den Propheten Mohammed bestätigt: „Er hat schon vor etwa 1400 Jahren gesagt, dass eine Zeit kommen wird, in der es Muslime geben wird, die nur noch vom Namen her Muslime sind.“ Diese Aussage bezieht Varli auch auf die Attentäter von Paris. Denn: „Liebe für alle, Hass für keinen, das ist das Motto der Ahmadiyya-Muslime“, erläutert Varli, dass das Handeln der Terroristen in Paris durch nichts zu rechtfertigen ist.

Dass es trotz einer liberalen und weltoffenen Grundeinstellung nicht immer einfach ist, sich in der Öffentlichkeit als gläubige Muslimin zu zeigen, hat Necile Varli aber auch in Meinerzhagen erfahren. Sie berichtet von einem Vorfall, als sie selbst noch ein kleines Bekleidungsgeschäft betrieben hat: „Ich stellte morgens Körbe mit Waren vor den Laden, als ein älterer Herr mich als Terroristin beschimpfte. Ich habe nachgedacht, wie der Prophet darauf reagiert hätte. Ich habe den Mann dann freundlich gegrüßt und mich entfernt.“

Solche Vorfälle sind für Cengiz Varli und seine Frau aber nicht die Regel, geschehen eher selten. Und eines ist den beiden Muslimen in diesem Zusammenhang wichtig: „Die Menschen müssen differenzieren und nicht alle Moslems in einen Topf werfen. Wir haben nichts, aber auch gar nichts mit denen zu tun, die im Namen des Glaubens Morde und anderes Unrecht begehen. Und das gilt für alle Angehörigen unserer Gemeinde“, stellt er klar.

„Pegida“ mobilisiert gegen die vermeintliche Islamisierung Deutschlands Tausende, vor allen Dingen in Dresden. „Da wird argumentiert, dass das Abendland in Gefahr sei. Ich glaube eher, dass wir in Gefahr sind“, ist Cengiz Varli momentan nicht ganz wohl angesichts der gesellschaftlichen Entwicklung. Meinerzhagen nimmt er allerdings aus: „Meine Frau und ich gehen hier nicht mit komischen Gefühlen aus dem Haus. Ganz anders ist das aber, wenn wir Großstädte wie Köln besuchen. Da hat neulich jemand zu uns gesagt ,raus mit euch, ihr habt hier nichts zu suchen’.“ Das tut Cengiz und Necile Varli natürlich weh – was aber auch für das Verunglimpfen Mohammeds gilt. In diesem Zusammenhang hat Varli einen Wunsch: „Es wäre schön, wenn es ein Gesetz geben würde, das es verbietet, religiöse Gefühle zu verletzen – egal um welchen Glauben es geht.“

Vorurteile entstehen für den Ahmadiyya-Moslem auch daraus, dass viele Bürger keinen Kontakt zum Islam haben und deshalb auch nicht wissen, wovon sie sprechen. Deshalb plädiert er in Meinerzhagen für ein „interreligiöses Forum“, bei dem sich Menschen verschiedener Religionen treffen und austauschen können. Varli: „Das hat es früher schon in Haus Nordhelle gegeben, damals noch mit Pfarrer Lohmann.“

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