Nach dem Großbrand gibt die Kripo den „Tatort“ frei

Erstmals konnten die Bewohner nach Freigabe der Brandstelle durch die Kripo am Donnerstag wieder die Räume ihres Hauses betreten. Was sie sahen, übertraf leider die schlimmsten Befürchtungen.

MEINERZHAGEN ▪ Seit Donnerstag ist das bei einem Großbrand zerstörte Bauernhaus in Neu-Hohlinden offiziell kein „Tatort“ mehr. Drei Beamte der Kripo führten eine kriminaltechnische Untersuchung im Auftrag der zuständigen Staatsanwaltschaft durch.

Obwohl noch einige Detailauswertungen ausstehen, konnte Polizeisprecher Dietmar Boronowski schon am Nachmittag nach Rücksprache mit dem Chefbrandermittler die für die Betroffenen wichtige Aussage treffen: „Es gibt keinerlei Anhaltspunkte für eine Brandstiftung. Fest steht, dass der Brand im Bereich des Kamins  entstanden ist.“ Unmittelbar nach dem Einsatz der Brandsachverständigen der Kripo erfolgte die offizielle Freigabe der bis dahin polizeilich gesperrten Brandruine.

„Das ist alles noch sehr viel schlimmer als wir gedacht haben, auch in den unteren Räumen auf der Gebäudeseite, die vom Feuer augenscheinlich nicht so stark in Mitleidenschaft gezogen schien.“ Das berichtet Rainer Kirchner, einer der insgesamt acht betroffenen Angehörigen der hier lebenden Familien Rolle und Kirchner, nachdem er zum ersten Mal seit der Brandnacht vom Wochenende wieder ins Haus gegangen war.

Mittlerweile sind bereits mehrere Gutachter und Sachverständige seitens der Versicherung, des Landwirtschaftsverbandes und der Betroffenen selbst vor Ort gewesen. Es gilt vor allem abzuklären, ob noch Gebäudeteile zu erhalten und für den fest geplanten Wiederaufbau sinnvoll zu nutzen sind, oder ob ein Totalabriss unvermeidbar ist. Klar ist bislang auf jeden Fall, dass die gesamte Dachkonstruktion und damit das Obergeschoss des vom Ursprung aus dem Jahr 1890 datierenden Gebäudes als Totalschaden einzustufen ist. Auch im Erdgeschoss und vor allem in dem Bereich, wo der Kamin stand und von wo das Feuer sich offenbar in Windeseile ausbreitete, bietet sich ein Bild der Zerstörung.

„Ich habe wenigstens noch das Familienbuch retten können, bevor wir nach draußen geflüchtet sind“, erzählt Gerda Rolle, die 75-jährige Seniorin der Familie. Wie schon 1968, als ihr Haus im April schon einmal von einem Brand verwüstet wurde, steht sie erneut vor der schweren Aufgabe des Wiederaufbaus. Familie Rolle/Kirchner hat inzwischen den Meinerzhagener Architekten Achim Hager mit Planung und Bauleitung beauftragt. Das zerstörte Dach ist unterdessen von einem Dachdecker mit einer Plane versehen worden, um zu verhindern, dass durch die Witterung weiterer Schaden entsteht. Auch die zerstörten Fenster sind provisorisch verschlossen worden.

„Wir räumen jetzt nach und nach das Gebäude leer und schauen nach, ob vielleicht das eine oder andere doch noch brauchbar ist“, erklärt Rainer Kirchner. Hilfreich wäre, wenn es in der Nähe eine leer stehende Scheune oder Lagerhalle geben würde, die zur Zwischenlagerung genutzt werden könnte. Und noch immer ist man auf der Suche nach einer großen Wohnung oder einem kleinen Haus, möglichst teilmöbliert, das für die nächste Zeit allen acht Familienangehörigen Unterkunft bieten würde. Zurzeit ist man noch getrennt und äußerst eingeschränkt in einer Pension und einer Ferienwohnung untergebracht. Wer helfen kann, sollte sich mit Rainer Kirchner unter Handy 0171 745 3830 in Verbindung setzen.

Nach wie vor ist die Familie geradezu überwältigt von einer Welle der Hilfsbereitschaft, die sie nach dem schweren Schicksalsschlag von vielen Seiten erreicht. Auch die Sparkasse als Hausbank von Familie Kirchner hat sich mittlerweile noch einmal gemeldet und erklärt, man biete ein Gespräch an, in dem mögliche Hilfeleistungen seitens der Bank erörtert werden könnten.

Für die Kirchner-Kinder Alea (12) und Fiona (7) beginnt am Montag wieder die Schule. Sie waren zunächst vom Unterricht freigestellt. Fionas Klasse von der Grundschule Rothenstein hat ihr in dieser Woche über die Lehrerin gemalte Bilder zukommen lassen, mit denen die Kinder ihr Mitgefühl ausdrücken. wollten. Für Alea soll an der Gesamtschule Kierspe am Montag eine kleine Wiedersehensfeier organisiert werden.

Dennis, der 20-jährige Sohn von Sabine Rolle, wird zum Wochenbeginn an seine Ausbildungsstelle als Landmaschinentechniker bei der Kiersper Firma Schriever zurückkehren. Auch er war in dieser für alle schweren Woche freigestellt worden. Ein noch zu lösendes Problem für ihn ist: Das Berichtsheft, das er als Hinführung zur Abschlussprüfung über nun zweieinhalb Jahre geführt hat, ist ebenfalls ein Raub der Flammen geworden.

Auf dem Gelände des Reiterhofs der Familie Rolle ist derweil schon wieder so etwas wie Normalität eingekehrt. Stallungen und das kleine „Reiterstübchen“ sind vom Feuer unversehrt geblieben. Ein Bauwagen, den Freunde zur Verfügung stellten, kann auch als Büro genutzt werden. „Es muss ja weiter gehen!“, so Sabine Rolle, die mit ihrem Lebensgefährten Peter Jestrap den Betrieb mit rund 30 Pensionspferden und Reitstunden für Kinder und Jugendliche führt.

Rainer Kirchner weiß schon genau, welcher Aufgabe er sich in den nächsten Wochen und Monaten intensiv stellen wird: „Ich mache den Bauleiter. Und ich freue mich schon jetzt darauf, wenn wir irgendwann Richtfest feiern und danach alle auch wieder in unsere eigenen vier Wände im schönen Neu-Hohlinden einziehen können.“ ▪ -fe

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare