Cosima Breidenstein von der Musikschule Volmetal berichtet über die Arbeit während der Pandemie

„Wir wollen nicht ohne Musik sein“

Vorspiele oder Konzerte können derzeit nicht stattfinden
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Vorspiele oder Konzerte können derzeit nicht stattfinden.

Das kulturelle Leben steht in der Corona-Zeit fast still. Was in den vergangenen Wochen für Schulen Alltag wurde, galt auch für die Musikschule: Der Unterricht wurde auf Distanz verlegt, die Musikschulpädagogen wanderten ins Homeoffice ab. Grundschüler durften schließlich wieder Instrumentalunterricht in der Musikschule erhalten, die neue Coronaschutzverordnung sieht vor, dass der Unterricht für Gruppen von höchstens fünf Schülern wieder zulässig ist.

Meinerzhagen – Cosima Breidenstein, die Leiterin der Musikschule Volmetal, berichtet, wie die Arbeit in der Musikschule Volmetal in den letzten Wochen und Monaten verlaufen ist.

Ein großer Teil der Schüler wurde lange aus der Distanz unterrichtet. Lediglich Grundschüler dürfen, zumindest im Gebäude in Meinerzhagen, seit Kurzem wieder in die Musikschule kommen. Wie hat das die Arbeit beeinflusst?
Die Musikschule Volmetal hat ein sehr breites Angebot. Das reicht von Eltern-Kind- Kursen für unsere Jüngsten ab sechs Monaten bis zu Unterricht für Erwachsene im Rentenalter. Dabei geben wir viel Unterricht in Kooperationen, Gruppenunterricht in Schulen, bieten Angebote in Kitas und Senioreneinrichtungen, erteilen Gruppenunterricht für unterschiedliche Instrumente, Chor, Orchester und Ensembles, Tänzerische Früherziehung und Ballett. Diese Gruppen konnten oder können leider alle nicht stattfinden. Der Einzelunterricht von Grundschulkindern ist nur ein kleiner Ausschnitt unseres Angebotes. Wir haben uns aber sehr gefreut, gerade unseren jüngeren Schülern und Schülerinnen wieder Präsenzunterricht ermöglichen zu können. Aufgrund der räumlichen Bedingungen war es nur im Bezirk Meinerzhagen möglich. Es war in den vergangenen Tagen schön, die Freude der Kinder zu sehen, als sie endlich einmal wieder in die Musikschule kommen und mit ihrem Lehrer oder ihrer Lehrerin zusammen musizieren konnten.
Gab es bei manchen Instrumenten Einschränkungen?
Die Verordnung hat diesmal nicht nach Instrumenten unterschieden.
Was bedeutete diese Regelung für die Musiklehrer, die natürlich auch ältere Schüler unterrichten? Gab es logistische Schwierigkeiten, wenn einige Schüler in der Musikschule, andere wiederum online unterrichtet werden?
Tatsächlich ist das sehr kompliziert. Wir haben derzeit noch nicht in allen Räumen W-Lan, sodass es schon recht schwierig war, die Lehrer auf die wenigen Räume mit Internetzugang zu verteilen. Bei einigen Lehrern ist ein Nachmittag ein buntes Vielerlei aus Altersklassen. Da sind Grundschüler und Ältere in stetem Wechsel. Da lässt sich der Unterricht nur umsetzen, wenn man Präsenzunterricht und Videounterricht abwechselnd aus demselben Raum erteilen kann. Wir haben also generalstabsmäßig alle Schüler mit Altersangaben, Wochentagen und Lehrkräften herausgesucht und zunächst geschaut, wer, wann, wo und bei wem präsent kommen darf. Dazu haben wir dann ein völlig neues Raumkonzept erstellt.
Ein Puzzle also, das neu zusammengefügt werden musste.
Einige Lehrer konnten die Stunden ihrer Grundschüler so verlegen, dass sie einige präsent im Schulgebäude und andere online von zu Hause unterrichten konnten. Das hat die Raumsituation entspannt, war aber für die Lehrerinnen und Lehrer schon ein enormer organisatorischer Aufwand. Ich möchte an dieser Stelle daher den Lehrkräften sehr für ihr Engagement und ihren idealistischen und großzügigen Arbeitseinsatz und den Schülern und ihren Eltern für ihre Flexibilität danken. In dieser schwierigen Zeit spürt man ganz deutlich, wie sehr unsere Lehrkräfte ihren Beruf lieben und wie wichtig unseren Schülern ihr Unterricht ist! Glücklicherweise haben wir schon im ersten Lockdown für alle Lehrkräfte Tablet-Computer anschaffen können, sodass wir hier sehr gut aufgestellt sind. Nun gibt es die neue Coronaschutzverordnung und wir werden alles wieder anpassen..
Klavier und Gitarre, um nur zwei Beispiele zu nennen, per Videounterricht lernen – funktioniert das überhaupt?
Onlineunterricht kann ganz unterschiedlich aussehen. Einige Lehrkräfte produzierten Lehrvideos, die sie an ihre Schülerinnen und Schüler versenden. Viele unterrichteten auch per Video-Chat. Das hat ganz unterschiedlich funktioniert und wir haben versucht – wie immer – den Unterricht möglichst gut an die Bedürfnisse der Schüler anzupassen. Mittlerweile haben Lehrer und Schüler schon Übung, fast jeder weiß nun, wie man Mikrofon und Kamera ein- und ausschaltet und wie man sich am besten hinstellt, sodass ein guter Blick auf die Haltung möglich ist. Die klangliche Beurteilung und damit die musikalische Arbeit lässt sich schwieriger umsetzen. Der Klang ist manchmal verzerrt, gelegentlich „hängt“ auch das Bild. Das kommt sehr auf die Netzqualität und die Belastung des W-Lans bei den Nutzern an. Ist die ganze Familie gleichzeitig mit Homeschooling und Homeoffice im Internet, verliert die Übertragung natürlich an Qualität. Einzelunterricht lässt sich besser aus der Ferne erteilen als Gruppenunterricht. Je jünger die Kinder sind, desto schwieriger ist es, sie online zu unterrichten.
Also sind Präsenz- und Distanzunterricht nicht vergleichbar?
Auch wenn manchmal Eltern vielleicht froh gewesen sind, dass der ein oder andere Fahrdienst der Sprösslinge durch den Fernunterricht entfallen ist, muss man ganz klar sagen: Der Präsenzunterricht ist qualitativ deutlich besser. In Zeiten, in denen aber nur Fernunterricht erteilt werden kann, ist dieser sinnvoll und bietet den Schülern die Möglichkeit, auf ihrem Instrument, im Gesang oder auch im Ballett voranzukommen.
Wie sah das Musikschulleben in den letzten Wochen generell aus?
Ich freue mich sehr, dass alle unsere Lehrkräfte den Herausforderungen des Onlineunterrichtes gewachsen sind und alle, ohne Ausnahme, auch Videounterricht erteilt haben. Man muss dabei bedenken, dass die Lehrkräfte Musik oder Tanz studiert haben, nicht aber Videodreh und Schnitt oder die Bedienung digitaler Medien. Wir haben einige Lehrkräfte kurz vor der Rente, die sich in die fortgeschrittenen digitalen Tools ganz neu einarbeiten mussten. Nach kürzester Zeit waren dennoch alle jeden Tag im Videounterricht und haben Videos gedreht und versendet als hätten sie nie etwas anderes gemacht. Und auf der anderen Seite wird mir von Kindergartenkindern berichtet, die mittlerweile im Videounterricht wie selbstverständlich ihr Mikrofon an- und ausschalten. Die Jugendlichen sind Online-Unterricht mittlerweile ja auch aus der Schule gewöhnt und gehen mit dem Fernunterricht ganz selbstverständlich um. Ich denke, wir alle haben im vergangenen Jahr rasend viel gelernt!
Es gibt derzeit weder Konzerte noch Aufführungen. Wie sieht es da mit der Motivation bei allen Beteiligten aus?
Zu Weihnachten haben wir beispielsweise Aufnahmen gemacht, die die Kinder ihren Eltern schenken konnten. Das ist schon auch ein Ziel, auf das man hinarbeiten und auf das man dann stolz sein kann. Ich habe meinen fortgeschrittenen Schülern zum Beispiel die Begleitung ihrer Violinkonzerte auf dem Klavier eingespielt und gesendet, sodass sie zur Begleitung üben konnten. Andere Lehrer haben für Abwechslung mit Tutorials gesorgt. Im Bereich der Elementaren Musikpädagogik haben die Lehrkräfte in unzähligen Stunden kleine Filme gedreht, Bastelanleitungen zum Bau von einfachen Instrumenten gesendet, Gutenachtlieder für die ganz Kleinen eingespielt und vieles, vieles andere. Unsere Lehrer sind da sehr kreativ. Zukünftig planen wir noch etwas Neues, aber das möchte ich erst verraten, wenn ich ganz sicher bin, dass es auch klappt!
Haben Sie Sorge, dass das Interesse an der Musik durch Corona nachlässt?
Nein. Gar nicht. Musik ist ein Grundbedürfnis. Wenn wir als Babys unsere Eltern verstehen, dann tun wir das lange, bevor wir ihre Worte verstehen. Wir erkennen an ihrer Satzmelodie, dass sie uns lieb haben, ob sie gerade gestresst sind, müde oder fröhlich. Wir verstehen Musik lange, bevor wir sprechen können. Und im Alter können wir oft noch Kinderlieder singen, wenn wir unsere Angehörigen schon nicht mehr erkennen. Stellen Sie sich einen Krimi ohne Musik vor: Der wird niemals spannend. Ein Werbefilm ohne Musik funktioniert nicht, ein Jugendlicher ohne Musik wird ziemlich schnell unausgeglichen, eine Hochzeit oder Beerdigung ohne Musik verliert ihre Feierlichkeit. Wir wollen nicht ohne Musik sein. Wichtig ist, dass wir bei all der medialen Berieselung im Blick behalten, dass es die eigene Aktivität ist, die glücklich macht: Selber Fußball spielen und nicht nur im Fernsehen zuschauen und eben auch selbst ein Instrument spielen und das nicht den Profis überlassen, die aus unseren Kopfhörern dudeln.
Und dies gilt dann auch für das eigene Musizieren?
Viele Kinder sind in den letzten Monaten etwas gelähmt auf dem Sofa versackt. Aber ich denke, es wird so eine Art positiven Jojo-Effekt geben. So ähnlich wie beim Abnehmen. Wenn man sich lange kasteit und quält, um endlich das Traumgewicht zu erreichen, wird man nach beendeter Fastenkur geradezu magisch wieder zu den Leckereien hingezogen. Ich glaube, wenn wir alle durchgeimpft sind, werden wir nach der langen Zeit der Distanz und der Passivität umso intensiver feiern, uns umarmen und eben auch mit besonderer Freude wieder zusammen singen und tanzen, miteinander musizieren und Konzerte besuchen.
Das neue Musikschuljahr hat begonnen - wir sind immer noch in der Pandemie. Was erhoffen Sie sich in Bezug auf die Musik für den Verlauf des Jahres?
Ich hoffe und wünsche, dass alle geduldig sind und bleiben. Dass alle verstehen, dass es auf jeden Einzelnen ankommt. Eine Party am Wochenende, eine Handvoll Menschen, die keine Masken tragen, können dazu führen, dass vieles wieder geschlossen werden muss. Wir alle haben nicht nur die Verantwortung für unsere eigene Gesundheit. Jeder, der sich angesteckt hat, wird gezählt. Und mit jedem Infizierten bleibt der Lockdown länger bestehen. Für alle. Ich würde mich natürlich riesig freuen, in der zweiten Jahreshälfte ein großes Konzert geben zu können mit einer ganzen Stadthalle voll Publikum. Aber wenn wir dieses Jahr realistisch gesehen einfach wieder ganz normal unterrichten können, wird mich das schon sehr glücklich machen!

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