In der Moschee wird auf Deutsch gepredigt

Osman Batgün (links) wendet sich in deutscher Sprache an die Gläubigen.

MEINERZHAGEN ▪ Es ist Freitag, 14 Uhr. Der große Parkplatz vor der Moschee am Siepener Weg ist gut gefüllt, minütlich treffen weitere Autos ein.

Aus den Lautsprechern am Dach des Anbaus dringen Klänge, die in der Stadt sonst nicht zu vernehmen sind. Eindeutig zu erkennen, auch für deutsche Ohren: Ein Geistlicher ruft zum Gebet – eigentlich singt er eher. Es ist wie jeden Freitag, wenn sich gläubige Muslime in der Moschee versammeln, um am wichtigsten Gebert der Woche teilzunehmen.

„Merhaba“ – „Hallo“. Osman Batgün, stellvertretender Vorsitzender der islamischen Gemeinde, begrüßt mich freundlich – wie immer. Und er bittet mich hinein, in den großen, holzgetäfelten Gebetssaal. Auf dem Teppich stehen bereits mehr als 200 Gläubige – alle auf Socken, wenige auch barfuß. Der Respekt gebietet es, die Schuhe auszuziehen. Die hier versammelten Menschen – ausschließlich männlichen Geschlechts – gehören nicht nur dem türkischen Kulturkreis an. „Muslime aus Pakistan, Albanien, Afghanistan und Afro-Amerikaner kommen zu uns“, freut sich Batgün.

Freundlich werde ich von vielen Besuchern gegrüßt – ein Christ in der Moschee – wohl der einzige an diesem Tag. „Überhaupt kein Problem“, lacht Batgün mit meinen Bedenken konfrontiert und fügt hinzu: „Unser Glaube schreibt uns vor, dass die Moschee offen für Jedermann sein muss.“ Gut. Doch soll ich die feierliche Stille stören? Wie reagieren die Gläubigen und der Hodscha, der geistliche Lehrer, während des Gebets auf einen zwischen ihnen hin und her gehenden Journalisten, der während der Andacht dann auch noch fotografiert – mit Blitzlicht? „Probieren Sie es aus“, schmunzelt Batgün, der wohl schon weiß, was passieren wird. Nämlich nichts!

Thema ist „Toleranz“

Der Grund für den Moschee-Besuch ist diesmal ein Außergewöhnlicher: Nicht an jedem Freitag, aber in unregelmäßigen Abständen, wird die Freitagspredigt in Meinerzhagen zumindest teilweise in deutscher Sprache abgehalten. Und dafür ist nicht etwa Imam Irfan Cakar zuständig. Es ist der noch recht junge Osman Batgün, der sich auf Deutsch an die Gläubigen wendet. „Das hat mehrere Gründe“, erklärt Batgün. „Wir wollen Transparenz schaffen, auch im Zusammenhang mit der Diskussion um Hasspredigten.“ Dass so etwas am Siepener Weg natürlich nicht vorkommt, radikales Gedankengut in Meinerzhagen kein Thema ist und nie eines war, das weiß Batgün – aber es sollen auch diejenigen erfahren, die der türkischen Sprache nicht mächtig sind. „Ein weiterer Grund ist der, dass der Imam hochtürkisch spricht – und das verstehen unsere türkischen Jugendlichen teilweise nicht oder nur schlecht – anders als das Deutsche.“

Während Irfan Cakar an diesem Tag natürlich Verse aus dem Koran zitiert und über Themen wie das Zusammenleben der Menschheit im Allgemeinen sowie Gesundheit und gesunde Lebensführung spricht, widmet sich Batgün ganz der „Toleranz“. Als er zum Mikrofon greift, ist es ganz still, auch die Kinder und Jugendlichen sitzen regungslos auf dem riesigen Teppich und lauschen gebannt: „Im Islam sind Menschen die wichtigsten Geschöpfe überhaupt. Hier liegt die Betonung auf ,Mensch'. Daher sollten wir als Muslime jeder Religion mit Respekt, Frieden und Liebe gegenübertreten. Der Unterschied der Menschen, sei es in Religion, Weltanschauung oder ethnischer Herkunft, sollte eine Herausforderung für die Suche nach Gemeinsamkeiten sein und keinen Platz bieten für Intoleranz und Streitigkeiten.“ Dabei bezieht sich Batgün auch auf den Propheten und türkische „Dichter und Mystiker“.

Sprechkenntnisse wichtig

Und er beendet seine Predigt mit einem Appell, ausdrücklich gerichtet an die zahlreichen Jugendlichen im Gebetssaal: „Das friedliche und tolerante Zusammenleben hängt viel davon ab, sich näher kennen zu lernen und sich gegenüber dem Fremden zu öffnen. Deshalb ist auch ein Mittel, um dieses Ziel zu erreichen, das Beherrschen der Sprache.“ ▪ beil

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