„Alle Probleme erkannt – keines gelöst!“

Ärzte-Präsident referiert über Gesundheitssystem in Stadthalle

+
Professor Dr. Frank Ulrich Montgomery präsentierte sich als begnadeter Redner. Er referierte über das Gesundheitssystem.

Meinerzhagen - „Alle Probleme erkannt – keines gelöst!“ Nicht hinreichend vorbereitet auf das, was kommt, sah Professor Dr. Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer, das deutsche Gesundheitswesen am Dienstagabend in der Stadthalle bei seinem spannenden Vortrag über die „Medizinische Versorgung im Spannungsfeld von Demografie und Wirtschaftlichkeit.“

Vor rund 200 Zuhörern warnte der prominente Gast beim 4. VolksbankForum vor einem „Tsunami“, der Deutschland überrolle, sofern nicht Weichen in die richtige Richtung gestellt würden. „Momentan geht es uns gut“, erklärte er. „In der Sekunde, wo die Konjunktur dreht, wird eine heftige Debatte über die Struktur der Krankenversicherung kommen.“ Einen begnadeten Redner, der die Probleme auf lockere Art und Weise beim Namen nannte, lernten Mitglieder und Kunden der Bank in dem Hamburger kennen.

Nach Theo Waigel, Margot Käßmann und dem Blogger Sascha Lobo referierte mit dem Ehrenvorsitzenden des Marburger Bundes ein weiterer hochkarätiger Gast zu einem Thema, „das man nicht mit Bank in Verbindung bringt“, wie Karl-Michael Dommes als Vorstandssprecher des Geldinstituts in seiner Begrüßung formulierte.

In Montgomerys „Impulsvortrag“ und eine anschließende Podiumsdiskussion mit Vertretern aus der Wirtschaft, der Gesundheitsbranche und der Volksbank war die rund zweistündige Veranstaltung untergliedert. Als Moderator lenkte Mirko Heintz (Radio MK) die Gesprächsführung. Eine „Mitschuld an der Misere des Gesundheitssystems“ machte Professor Dr. Montgomery bissig-ironisch in der „sozial-unverträglichen Zählebigkeit“, sprich in der im Durchschnitt um 25 bis 30 Jahren gestiegenen Lebenserwartung der Deutschen, aus. Innovation und Fortschritt würden hierzulande von einer Überregulierung der Sozialsysteme erstickt. Überdies hätten heutige Ärzte eine andere Lebensphilosophie als frühere. Dem deutschen Gesundheitssystem stellte der Facharzt für Radiologie ein erstklassiges Zeugnis aus.

„Wir haben das wahrscheinlich beste Gesundheitssystem der Welt.“ Zahlen, Fakten und Untersuchungsergebnisse bestätigten seine Ausführungen. Bei steigender Lebenserwartung, sinkenden Geburtenraten und einer Alterung der Gesellschaft sieht er einen sozialen Konflikt auf die Gesellschaft zukommen. „Sind sie bereit, ein Viertel ihres Einkommens für die Krankenversicherung auszugeben?“, lautete seine Frage. Zu Demenz und zur Flüchtlingskrise („Wir müssen diese jungen Menschen qualifizieren“) nahm er ebenfalls Stellung.

Auch auf dramatische Veränderungen in Krankenhäusern („Mehr Ärzte, aber weniger Arbeitszeit im System“) ging er ein. Engagierte Kämpfer in der Sache lernten die Zuhörer in den Podiumsteilnehmern kennen. Geschickt verwickelte Mirko Heintz seine Gesprächspartner Montgomery, Friedrich-Ernst von Seidlitz (Netzwerk Lennetz), Michael Kaufmann (Krankenhaus Plettenberg), Ingo Jakschies (Gesundheitscampus Sauerland Balve), den Allgemeinmediziner Dr. Hans-Georg Miserre aus Meinerzhagen-Valbert und Volksbank-Vorstand Roland Krebs in eine lebhaft geführte Diskussion um Gesundheitspolitik vor Ort, schwierige Praxisnachfolge von Allgemeinmedizinern und wirtschaftlichen Druck.

Beim Punkt „Krankenhäuser“ standen sich die Positionen von Montgomery („Nicht alle Krankenhäuser werden den Konzentrationsprozess überleben können“) und Kaufmann als Geschäftsführer des Plettenberger Krankenhauses, für dessen Erhalt sich die Politik und Bürgerschaft vor Ort stark gemacht hatten, dann schließlich kontrovers gegenüber.

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare