Mindestens ein Lügner im Amtsgericht

Am Mittwoch fiel das Urteil für zwei Angeklagte vor dem Amtsgericht Lüdenscheid.

MEINERZHAGEN ▪ Wirklich klar war im Amtsgericht Lüdenscheid am Mittwoch vor allem eines: „Da sitzen Sie jetzt, Sie beiden, und einer lügt!“, stellte Amtsrichter Leichter fest, nachdem er sich die Aussagen der Angeklagten angehört hatte.

Festgenommen wurden die beiden am 21. April in Meinerzhagen, nachdem sie einer Zivilstreife hatten entkommen wollen und dabei in eine Baustellen-Sackgasse geraten waren. Mit im Auto befand sich ein Pfund Marihuana in der Obhut des 30-jährigen Angeklagten, der seitdem wegen des dringenden Verdachts des Handels mit Betäubungsmitteln in Untersuchungshaft saß. Schwieriger war die Antwort auf die Frage zu finden, ob dem zweiten, 36-jährigen Angeklagten die Hälfte dieses Marihuanas zuzurechnen sei, wie es der 30-Jährige behauptete.

Ein Polizist unterstützte diese Darstellung und berichtete von diversen Fahrdiensten des 36-Jährigen. Neben ihm hätten einschlägig bekannte Gesichter aus der Drogenszene gesessen. Damit aber habe er eigentlich schon zuviel preisgegeben, fürchtete der Beamte um seine Ermittlungserfolge. Die Frage, ob dem 36-Jährigen die Hälfte des gefundenen Pfundes Marihuana tatsächlich zugerechnet werden könne, konnte so nicht gerichtsfest beantwortet werden. Er habe lediglich drei Gramm zum eigenen Konsum bei dem 30-Jährigen kaufen wollen, gab der 36-Jährige zu Protokoll. Diese Behauptung war nicht zu widerlegen: „Vielleicht muss man beiden glauben – zu ihren Gunsten vermutlich“, befürchtete Amtsrichter Leichter auf der Zielgeraden des Prozesses, obwohl nicht nur ihm klar war, dass einer der beiden Angeklagten log. Immerhin ließ das Gericht durchblicken, dass es dazu neigte, den 36-Jährigen als Lügner anzusehen. Nur reichte die Beweislage nicht aus, um diesen Eindruck auch zur Grundlage eines entsprechenden Urteils zu machen.

So kam der 36-Jährige mit 40 Tagessätzen à fünf Euro davon – wegen des versuchten Erwerbs einer geringfügigen Menge Betäubungsmitteln. „Er wird jetzt wieder Zigaretten rauchen, ohne sich da was reinzubröseln“, frohlockte Verteidiger André Hohberg in Erwartung des Fast-Freispruchs schon bei seinem Plädoyer. Nicht so glimpflich kam der 30-Jährige davon: Er kassierte eine 18 monatige Freiheitsstrafe, die für eine vierjährige Bewährungszeit ausgesetzt wurde. Sein Haftbefehl wurde aufgehoben, so dass er als freier Mann den Gerichtssaal verlassen konnte. Alle Beteiligten verzichteten auf weitere Rechtsmittel. ▪ thk

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