Wenn´s plötzlich knallt: Millionenfacher Tod an Fensterscheiben

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Millionen Vögel sterben jährlich nach einer Glaskollision. Aufkleber wie an der Bushaltestelle am Siepener Weg helfen aber nur selten.

Meinerzhagen - Ein lauter Knall und plötzlich Stille: Dass ein Vogel gegen eine Scheibe fliegt, hat wahrscheinlich jeder schon einmal erlebt. Aber dass auf diese Weise rund 100 Millionen Vögel alleine in Deutschland umkommen, wissen wohl die Wenigsten. Was ebenfalls kaum jemand weiß: Auch für diese Fälle gibt es vorgeschriebene Abläufe.

Die Kollision von Vögeln mit Glasscheiben zählten mittlerweile zu den größten Vogelschutzproblemen und werde in seiner Dimension unterschätzt, sagen Anke und Bob Melis, die mit ihrer Vogelschutzstelle Lüdenscheid den gesamten Märkischen Kreis betreuen. 

Statistisch sterbe an jedem Gebäude jährlich mindestens ein Vogel. Das liege vor allem daran, dass keine Präventivmaßnahmen vorgenommen werden. Betroffen sind aber auch seltene und bedrohte Arten – sogar Greifvögel. So wurden Anke und Bob Melis schon Bussarde und Wanderfalken gebracht, die zuvor gegen eine Glasscheibe geflogen sind. 

Und auch in der Tierauffangstation Listerhammer ist das Problem bekannt: „Im Sommer haben wir wöchentlich ein bis zwei Anrufe von Leuten, die einen Vogel aufsammeln mussten“, sagt Pia Sperber vom Tierschutzverein Meinerzhagen/Kierspe. 

Greifvogelsilhouetten bieten wenig Schutz

Immer wieder zu sehen: aufgeklebte schwarze Vogelsilhouetten, die Greifvögel imitieren und somit kleine Vögel abschrecken sollen. Doch würden diese als Abschreckung nicht helfen, zumal nicht nur die kleinen Vogelarten vor einer Kollision geschützt werden sollten, sagt Anke Melis. 

Die Experten raten dazu, gleich bei der Planung entsprechend bemusterte Scheiben zu berücksichtigen. So lassen sich Kollisionen vermeiden Die Gefahr von Fensterscheiben könne aber auch nachträglich leicht gebannt werden. 

Dabei gilt: Nur eine flächig wirkende und von der Umgebung abhebende Markierung bringt den nötigen Schutz. Am besten eignen sich vertikale und horizontale Linien in Form von Klebestreifen oder Bändern. Der Abstand der Linien darf maximal zehn Zentimeter betragen und die Streifen müssen außen angebracht sein, um Spiegelungen zu überdecken und sich über die gesamte Fläche erstrecken. Bei Mustern gilt die „Handflächenregel“: nicht mehr als die Hand sollte zwischen den Mustern Platz finden. 

Den Vögeln helfen

Wenn ein Vogel trotzdem an die Scheibe prallt, sollte dem Tier geholfen werden. „Nicht alle Vögel sind sofort tot“, sagt Anke Melis. Oft haben die Vögel eine Gehirnerschütterung und erholen sich wieder. Aber dafür benötigen sie Hilfe. „Sollte der Vogel schon länger liegen, sollte seine Körpertemperatur überprüft werden. Denn häufig fliegen Vögel abends gegen Fensterscheiben, weil die Räume von innen beleuchtet sind“, sagt Melis, die für den Fall der Fälle einige Tipps hat. „Sobald der Vogel wieder wach ist, sollte ihm unbedingt Wasser angeboten werden und für den Kreislauf Traubenzucker oder Honig“, erklärt Melis weiter. 

Der Tierschutzverein Meinerzhagen/Kierspe setzt die Tiere nach ihrer Genesung ebenfalls wieder aus. „Am besten möglichst an der Stelle, wo sie aufgefunden wurden“, sagt Pia Sperber. „Manche Vögel haben dort eventuell noch Junge, die sie versorgen müssen.“ 

Forderungen von Umweltorganisationen

Die, laut Nabu, 100 Millionen toten Vögel machen rund zehn Prozent der Gesamtpopulation aus. Geschätzt leben rund 500 Millionen Vögel in Deutschland und noch mal so viele Zugvögel, die Deutschland besuchen. Der BUND geht von zwölf Millionen Vögeln aus, die durch den Aufschlag an Glas sterben. 

Der Nabu fordert, dass dringend Maßnahmen zur Vermeidung von Glastod getroffen werden müssen, von privaten Hausbesitzern genauso wie von Firmen, denn das durch die Glasscheiben erhöhte Risiko für Vögel stelle im Prinzip ein Verstoß gegen die Artenschutzregelung des Bundesnaturschutzgesetzes dar. 

Derzeit gebe es Überlegungen dieses Tötungsverbot, das bei Planungen von Straßen und Windkraftanlagen eine wichtige Rolle spielt, auch auf Glas zu übertragen. Besonders gefährliche Neubauten sollen damit verhindert und bereits bestehende Gebäude nachgerüstet werden. Nabu und BUND haben eine Initiative gestartet, bei der Wartehäuschen an der Bushaltstelle vogelfreundlich nachgerüstet werden. Dafür werden die Glashäuschen mit Streifen beklebt.

Kontaktadressen:

  • Tierschutzverein Meinerzhagen/Kierspe, Tierauffangstation Listerhammer Tel. 0 23 54/70 65 97
  • Vogelschutzstelle Lüdenscheid Anke und Bob Melis Südstraße 48 Lüdenscheid Tel. 0 23 51/2 17 43

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