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Energiekrise „trifft Kalkulation bis ins Mark“

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Von: Göran Isleib

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Firmengebäude des Unternehmens Fernholz in Meinerzhagen-Ihne
Das Unternehmen Fernholz aus Meinerzhagen betreibt zwei Werke. Neben dem Werk im Gewerbegebiet Ihne (Foto), gibt es ein weiteres Werk in Schkopau. © studio steve

„Die steigenden Energiepreise stellen eine existenzielle Bedrohung für die Bau- und Rohstoffindustrie dar“ – Das sagt der Baustoffverband „vero“.

Meinerzhagen - Seit Monaten erhöhten die steigenden Strompreise den Druck auf die Bau- und Rohstoffindustrie, sagt der Verband, dessen Hauptgeschäftsführer der Meinerzhagener Raimo Benger ist. „Mineralische Rohstoffe sind das erste Glied der Wertschöpfungsketten“, so „vero“ in einer Pressemitteilung. „Neben der Bauindustrie sind auch viele industrielle Prozesse, beispielsweise aus der Chemischen Industrie, der Stahlerzeugung oder der Umwelttechnologie darauf angewiesen.“ Produktionsstopps und Insolvenzen seien aufgrund der hohen Preisbelastung bereits Realität, so der Verband weiter. „vero“ bemängelt, dass immer mehr langfristige Energieversorgungsverträge ausliefen und nicht zu den bisherigen Konditionen verlängert würden, wodurch die Unternehmen der Branche Gas und Strom an den Märkten teilweise zu verzehnfachten Preisen einkaufen müssten.

Heiko Sykora, Geschäftsführer der Briloner Hartstein Werk GmbH, sieht die aktuelle Entwicklung der Strompreise als schwerwiegend existenzbedrohend an. „Seit Anfang des Jahres hat sich unser Strompreis von 4,7 Cent pro kWh auf 50 Cent erhöht. Das ist eine Erhöhung um rund 964%“, rechnet Sykora vor. Der Verband der Bau- und Rohstoffindustrie, in dem sich unter anderem energieintensive Produzenten von mineralischen Bau- und Rohstoffen wie Kalk, Ziegel und Zement organisieren, bewertet das am 4. September von der Bundesregierung vorgestellte Entlastungspaket III als unzureichend. „Das Paket wird der dramatischen Lage an den Strom- und Gasmärkten für die Betriebe nicht gerecht. Die dringend notwendige schnelle Lösung existenzieller Kernfragen bleibt aus. Stattdessen bleibt es für die Unternehmen überwiegend bei vagen Andeutungen“, so „vero“.

Der Verband fordere konkrete Entlastungen für Unternehmen und eine Lösung der Herausforderung, wie die Produktion am Standort Deutschland angesichts einer unkalkulierbaren Energiepreisexplosion überhaupt aufrechterhalten werden könne. „Sollte beim Strom- und Gaspreis für die Industrie nicht sofort entgegengesteuert werden, steht die Existenz des Wirtschaftsstandorts Deutschland insgesamt auf dem Spiel, mit den Folgewirkungen nicht zuletzt für Arbeitsplätze und Klimaschutz“, malt „vero“ ein düsteres Bild an die Wand.

Der Verband“vero“ plädiert dafür, dass staatliche Abgaben auf Energien gesenkt werden und fordert von der Bundesregierung angesichts der sich zuspitzenden Preissituation ein umgehend überarbeitetes und vor allem wirksames Entlastungskonzept sowie eine bezahlbare Energiepolitik für die Unternehmen der Branche.

Aber auch andere Branchen haben mit den enorm gestiegenen Energiekosten zu kämpfen. Ein Beispiel: Die Kunststoff verarbeitende Industrie – im heimischen Raum vielfach vertreten. Die MZ sprach mit einem heimischen Unternehmer. „Bereits in den Jahren 2019 und 2020 hat sich auf dem Strommarkt Bewegung gezeigt“, hat Uwe Fernholz vom gleichnamigen Unternehmen in Ihne festgestellt. Als er dann für seine Firma im Oktober 2021 einen neuen Liefervertrag für Strom benötigte, ging er zunächst „vom teuersten Strom aus, den man kaufen kann.“ Inzwischen sieht er das anders, denn durch den rasanten Anstieg der Preise, erhält er Strom quasi zum „Schnäppchenpreis“. Uwe Fernholz rechnet vor, dass er monatlich in beiden Werken in Meinerzhagen und Schkopau rund 2 Millionen Kilowattstunden (kWh) Strom benötigt. Die Firma zählt zu den energieintensiven Unternehmen. Vor gerade einmal zwei Jahren benötigte das Unternehmen an beiden Standorten noch rund 2,7 Millionen Kilowattstunden wöchentlich. „Wir haben deutlich Energie eingespart“, freut sich Fernholz.

Von rund 4 Cent die er 2019 noch für eine kWh zahlte, schnellte der Preis auf satte 38 Cent pro kWh nach oben. „Das trifft unsere Kalkulation bis ins Mark“, sagt Uwe Fernholz. Er glaubt, dass es in Sachen Strommarkt nur eine gesamteuropäische Lösung geben kann, um für die Zukunft aufgestellt zu sein. Das Stichwort Strompreisdeckel verbindet Fernholz indes eher mit Planwirtschaft, davon hält er wenig bis nichts. Von einer europäischen Lösung verspricht er sich dauerhafte Wettbewerbsfähigkeit auch für sein Unternehmen. Der Geschäftsführer blickt mit Sorge auf den vertrackten Strommarkt. Das Prinzip der Merit-Order-Logik (sieht Infobox) gehöre nach Fernholz’ Meinung inzwischen auf den Prüfstand.

Aber Uwe Fernholz blickt auch in die Zukunft: Recyceltes Polystyrol (r-PS) übernehme eine immer wichtigere Rolle bei Lebensmittel-Verpackungen. Ein Großteil der in Europa hergestellten Menge Polystyrol (PS) werde für die Produktion von Lebensmittelverpackungen eingesetzt. In Zeiten klimafreundlicher Produktionsprozesse rücke das Thema Polystyrol-Recycling in den Mittelpunkt. Gemeinsam mit Trinseo (Belgien) entwickelte Fernholz mittels Lösemittelverfahren ein hochwertiges Polystyrol aus rund 40 Prozent Recycling-PS (r-PS). Das Polystyrol wurde dabei mit einer funktionellen Barriere beschichtet, um zu gewährleisten, dass es lebensmittelkonform ist.

„Fernholz hat sich das Ziel gesetzt, in diesem Jahr 2000 Tonnen r-PS-Folie zu produzieren“, erläutert Michael Roth. Roth ist Mitglied der Fernholz-Geschäftsleitung. „Wir sehen es in einem umkämpften Markt als deutlichen Wettbewerbsvorteil an, klimafreundliche Produktion zu gewährleisten, um nachhaltige Verpackungen anbieten zu können“, so Roth abschließend.

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