Preisexplosion durch Knappheit

Bauholz wird zur Mangelware

Der Meinerzhagener Christof Sönchen, hier bei Arbeiten an der Jesus-Christus-Kirche, hält die Lage für „sehr dramatisch“.
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Der Meinerzhagener Christof Sönchen (links), hier bei Arbeiten an der Jesus-Christus-Kirche, hält die Lage für „sehr dramatisch“.

„Die Marktlage ist eine Katastrophe.“ Übereinstimmend bezeichnen Dachdecker- und Zimmerer-Betriebe aus der Region sowie der Fachverband des Tischlerhandwerks die Marktlage bei Holz als katastrophal. Zwar ist derzeit enorm viel Holz auf dem Markt, das meiste davon geht jedoch in den Export.

Märkischer Kreis – Containerweise wird Holz der vom Borkenkäfer befallenen und abgestorbenen Fichten zurzeit nach China verschifft, das dringend Bauholz braucht. Auch die Amerikaner, die auf dem europäischen Markt billiger einkaufen können als im Nachbarland Kanada, kaufen zu hohen Preisen den hiesigen Holzmarkt leer. Die heimischen Baubetriebe haben das Nachsehen und müssen mit explodierenden Preisen für die Mangelware Holz, langen Lieferzeiten und materialbedingten Verzögerungen auf den Baustellen kämpfen. Kommt kein Nachschub, geht es auf der Baustelle auch nicht voran – zum Ärger aller Beteiligten.

Betriebe in Meinerzhagen betroffen

Betroffen von dieser Entwicklung, die die Betriebe vor immense Herausforderungen stellt, sind nicht nur die rasant steigenden Preise für Holz, sondern auch die Preise für andere Rohstoffe und Zulieferprodukte. Heißt: Das Bauen und die Herstellung von Möbeln werden teurer. Christof Sönchen, Inhaber der Meinerzhagener Firma Sönchen Bedachungen, erfährt am eigenen Leib, welche Probleme es zurzeit gibt: „Die Lage ist dramatisch. Sehr dramatisch. Die Holzpreise, speziell für Dachlatten, sind um mehr als 100 Prozent gestiegen. Und selbst wenn man bereit ist, den Preis zu bezahlen, ist nicht garantiert, dass man das Holz auch bekommt.“

Der Volmestädter berichtet weiter, dass nur noch für aktuelle Baustellen Holz geliefert werde: „Unsere Lager aufzufüllen, das geht nicht mehr. Wir verwalten zurzeit den Mangel.“ Das treffe nicht nur auf Schnittholz zu, sondern auch auf die Dämmung, bei der oft Holz-Weichfaserplatten, aus Holz gefertigt, verwendet würden. Inzwischen würde es dort Lieferzeiten von drei bis vier Monaten geben, erläutert Christof Sönchen. Er macht auch die Preispolitik der Sägewerke für die Entwicklung mitverantwortlich. „Es gibt fast nur noch große Betriebe, viele kleinere – wie früher Am Bücking – mussten aufgeben. Sie konnten im Preiskampf nicht bestehen. Diese Großbetriebe beliefern aber auch fast nur noch ihre eigenen Kunden“, stellt Sönchen fest.

Zukunft ist ungewiss

Wie es jetzt mit dem Holz-Nachschub weitergeht, da mag der heimische Bedachungs-Spezialist keine Prognose abgeben: „Die Zukunft ist völlig ungewiss.“ Was die Ressource Wald angeht, ist Sönchen jedoch pessimistisch: „Niemand realisiert, dass die Bestände, die wir jetzt abholzen, in den nächsten sechs bis sieben Jahrzehnten fehlen werden.“ Bei einem Besuch in Südostasien hat er selbst festgestellt, dass aber Alternativen gefunden wurden: „Dort wurden Metall-Latten verwendet.“

Zimmerermeister Andreas Wagner, Obermeister der Zimmerer-Innung Lüdenscheid und von der Handwerkskammer Südwestfalen öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für das Zimmererhandwerk, sieht die gesamte Baubranche von dieser Entwicklung betroffen. „Das Problem ist die Beschaffung“, sagt er. „Wir haben lange Lieferzeiten von bis zu zwölf Wochen und können den Kunden kein verlässliches Angebot machen.“ Manche Betriebe fürchteten, in Kurzarbeit zu fallen, obwohl die Auftragsbücher voll seien. Verantwortlich für die Misere sei der globale Markt. „Viel Holz geht in den Export. Da wünscht man sich eine Reglementierung.“ Die große Unsicherheit übertrage sich auch auf die Kunden, die vielleicht eher abwarten und ihr Bauvorhaben verschieben.

Die Hintergründe

Ähnlich sieht das Zimmerermeister Eckhard Roß, stellvertretender Obermeister der Zimmerer-Innung und Vorsitzender der Forstbetriebsgemeinschaft Altena-Neuenrade, der tiefe Einblicke in die Hintergründe der Misere gewährt und die Preisexplosion bei Holz – so noch nie da gewesen – anhand von rasant ansteigenden Preismitteilungen von Lieferanten seit Mitte Februar belegt. Zwar seien die Zimmerer froh, dass mehr in Holz gebaut werde, dafür benötigten sie allerdings getrocknetes, maßhaltiges Konstruktionsvollholz (KVH), das nicht in ausreichender Menge zur Verfügung stehe. Heimisches Schnittholz gehe in den Export nach Amerika. Die Versorgung werde immer schwieriger. „Wir lassen im Wald Rundholz wachsen“, sagt er. „Und das fällt uns immer wieder auf die Füße.“ Erst durch Kyrill, jetzt durch den Borkenkäfer.

„Besorgniserregend“ nennt Dachdeckermeister Gernot Rescher, Obermeister der Dachdecker-Innung Lüdenscheid, die Entwicklung auf dem Holzmarkt. Um 170 Prozent sei der Holzpreis in den vergangenen Wochen gestiegen. Darüber hinaus seien auch Dämmstoffe nicht lieferbar. „Wir haben da riesengroße Probleme.“ Von Zuständen wie in der ehemaligen DDR ist die Rede. „Wir müssen zusehen, dass wir das Material bekommen.“ Neben China und Amerika nennt er auch Österreich als Holzabnehmer. Die Situation werde sich noch zuspitzen, ist er überzeugt. Dann, wenn 90 Prozent der Fichten gefällt seien. „Die Fichte ist unser Brotbaum. In zwei bis drei Jahren werden wir kein Holz mehr haben.“ Es sei keine Entspannung zu erwarten. Auch andere Handwerker wie Maler und Maurer würden darunter leiden.

Preise verdoppelt

Innerhalb von Wochen hätten sich die Preise verdoppelt, ergänzt Dachdeckermeister Dennis Linnarz von der Franz Linnarz GmbH & Co. KG, der stellvertretender Obermeister der Dachdecker-Innung Lüdenscheid ist. „Wir haben teilweise Lieferfristen von bis zu vier Monaten.“ Das verschiebe die Terminpläne dramatisch.

Auch bei Dämmstoffen sei die Entwicklung problematisch – sowohl hinsichtlich der Preissteigerung als auch hinsichtlich der Lieferzeiten von sechs bis acht Wochen. Lieferanten würden nur noch Tagespreise nennen. Entweder man kaufe die Materialien dann, oder sie seien weg. Bestehende Verträge seien vor diesem Hintergrund teilweise nur schwer zu erfüllen. Bei Festpreisen, die eigentlich bis Ende der Bauzeit gelten sollen, „versuchen wir dann nachzuverhandeln“, was natürlich schwierig sei. „Die Märkte sind leergekauft. Einige schieben’s auf Corona“, sagt er.

Viel Holz für die USA

Dass die amerikanische Bauindustrie die Betriebe hierzulande in Bedrängnis bringt, bestätigt Dr. Johann Quatmann, Hauptgeschäftsführer des Fachverbands des Tischlerhandwerks NRW. Die Tendenz bei den Einkaufspreisen von Holz sei bundesweit galoppierend. Es gehe um eine Vervielfachung des Preises. Auch bei anderen Materialien – Beschlägen, Lack oder Leim – seien die Preise deutlich gestiegen. Betriebe, die ihre Angebote aufgrund der geltenden Einkaufspreise abgegeben hätten, würden dadurch sehenden Auges ins Minus laufen. Eine Kalkulation und das Abschließen von Neuverträgen seien vor diesem Hintergrund extrem schwierig. „Man weiß nicht, wohin die Reise geht.“ Die Sägewerke kämen mit der Nachfrage kaum noch nach. Viel Holz gehe in die finanzkräftigen USA, die höhere Preise zahlen als die heimischen Händler. „Das führt dazu, dass der Export boomt.“ Der Holzexport sei das Problem. „Er saugt den deutschen Markt leer. Wir kämpfen darum, an Material zu kommen.“ OSB-Platten seien derzeit gar nicht verfügbar. Bei Dekorspanplatten betrügen die Lieferzeiten bis zu 24 Wochen. Der Fachverband habe zum Thema, wie man überhaupt noch Verträge abschließen könne, bereits das 4. Seminar angeboten.

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