Ärztemangel: Staatssekretärin sieht Vereinigung in der Pflicht

Dr. Holger Reimann (links) hatte Ingrid Fischbach in seine Praxis eingeladen. Auch Jan Nesselrath nutzte die Gelegenheit, die Staatssekretärin über die medizinische Versorgungslage vor Ort zu informieren.

Meinerzhagen -  Wenn es um die Niederlassung von Fachärzten geht, steht die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe allen Quoten-Regelungen zum Trotz in der Pflicht: Mit dieser Aussage überraschte Ingrid Fischbach, Staatssekretärin des Bundesgesundheitsministeriums, am Freitag bei ihrem Besuch in Meinerzhagen.

Sie war einer Einladung der heimischen CDU gefolgt, die ihr mehr als 2000 Unterschriften gegen den Ärztemangel überreichte.

Seit mehr als einem Monat sammeln die Christdemokraten Unterschriften, um auf die Situation für die Patienten vor Ort aufmerksam zu machen. „Es macht uns stolz, dass diese Aktion nun auch Gehör in Berlin gefunden hat“, sagte Jan Nesselrath, CDU-Fraktionsvorsitzender und Bürgermeisterkandidat von CDU und SPD, am Wahlkampfstand seiner Partei an Pollmanns Eck. Dort erläuterte Ingrid Fischbach selbst noch einmal die Möglichkeiten des Bundes, kommunal einzugreifen – für Erstaunen hatte sie jedoch bereits zuvor in der Praxis von Dr. Holger Reimann gesorgt.

Reimann hatte sein Wartezimmer für den Besuch aus Berlin in einen Diskussionsraum verwandelt, den auch Bundestagsabgeordneter Dr. Matthias Heider, CDU-Ortsvorsitzender Thorsten Stracke, stellvertretender Bürgermeister Volkmar Rüsche und Jan Nesselrath für ein aufschlussreiches Gespräch nutzten. „Durch die seit 1. Januar 2013 geltende Bedarfsplanrichtlinie haben die Kassenärztlichen Vereinigungen durchaus die Möglichkeit, ihr Vorgehen anzupassen“, sagte die Staatssekretärin in dem Wissen, dass Vertreter der Vereinigung auch in der MZ betont hatten, ihnen seien aufgrund erfüllter Facharzt-Quoten die Hände gebunden.

Doch selbst wenn die bürokratischen Hürden genommen würden – Anreize, eine eigene Praxis in Meinerzhagen aufzumachen oder zu übernehmen, müssen auch andere setzen, wie Holger Reimann betonte. Reimann kritisierte etwa, dass der Numerus Clausus (NC) für das Fach Medizin vielerorts bei 1,0 liegt. „Es kann nicht sein, dass die Schüler Biologie oder Chemie abwählen, um diesen NC zu schaffen.“ Von den Medizin-Absolventen würden sich zudem viele gegen eine Arbeit „am Patienten“ entscheiden. „Da brauchen wir im Studium mehr praktische Anreize“, so Reimann, der außerdem das Honorar-Modell der Krankenkassen kritisierte. Regional gebe es eklatante Unterschiede in der Honorierung. „Wenn ein Kollege in Gießen ein Drittel mehr verdienen kann als in Meinerzhagen, kann man verstehen, dass er sich hier nicht niederlässt“, so Holger Reimann über ein finanzielles Gefälle, das auch Matthias Heider ärgert: „Laut Verfassung sollen in allen Regionen gleiche Bedingungen gelten – das gilt meines Erachtens auch für die Versorgung.“

Dieses Thema könne der Gemeinsame Bundesausschuss in Angriff nehmen, erklärte Ingrid Fischbach, die nicht versäumte, auf den immer noch hohen Standard in Deutschland hinzuweisen: „Wir klagen auch im Vergleich mit dem europäischen Ausland auf hohem Niveau.“ Und doch wisse sie, dass sich die Versorgungslage verschlechtere. Auf welchem Weg man sich befindet, zeigte eine Zahl, die Matthias Heider mitgebracht hatte: Von den 85 Hausärzten in Lüdenscheid und Meinerzhagen seien 40 Prozent älter als 60 Jahre. Nachfolger zu finden, sei schwierig. An der Infrastruktur Meinerzhagens könne dies aber nicht liegen, so Jan Nesselrath und Volkmar Rüsche. „Da haben wir viel getan.“ Finanzielle Zugeständnisse könnten die Städte kaum machen. „Wir sind auch nicht auf Rosen gebettet“, so Rüsche. - zach

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