Von Fasern, Fäden und ersten Erfolgen

Der lange Strang dient als Ausgangsmaterial. Er besteht aus Bluefaced Leicester.

Meinerzhagen - Gudrun Piel schwört auf „Blue Face“. Das sei gerade Mode, sagt sie, und zieht einen langen geflochtenen Strang aus ihrer Tasche. Dieser dient als Ausgangsmaterial. Mit ein paar Handgriffen hat sie ihr Reisespinnrad, Marke „Joy Doppeltritt“, aufgestellt und ein paar Fasern gezupft – und schon kann’s losgehen. Denn heute wird gesponnen.

Unter den 20 Frauen, die sich am Samstag im Umweltpädagogischen Zentrum Haus Heed zum ersten offenen Spinntreffen zusammengefunden haben, waren sowohl neugierige Anfängerinnen als auch Profis mit jahrzehntelanger Erfahrung. Manche hatten ihre Kinder dabei. Sie alle folgten einer Einladung von Beate Hoppe, die Freundinnen dieses alten Handwerks am Ort zusammenbringen wollte.

„Es gibt viele Spinngruppen“, sagt die Meinerzhagenerin, „nicht aber in dieser Gegend.“ Und so kamen die Besucherinnen aus Witten, Morsbach, Waldbröl oder Herscheid und auch aus Meinerzhagen nach Heed, um zu sehen, was die anderen Gleichgesinnten so tun.

Gudrun Piel gehört zu einer Spinngruppe, die sich zweimal die Woche in Hagen, im Historischen Centrum auf Schloss Werdringen, trifft. Die erfahrene Fachfrau hat einer Besucherin den geflochtenen Strang Spinnwolle in die Hand gedrückt und erklärt nun die ersten Schritte. Sie empfiehlt, erst einmal „leer zu treten, damit du ein Gefühl dafür bekommst“. Wenn es klappt mit dem Fußantrieb, heißt es: „Und jetzt andersrum.“ Denn gesponnen wird rechts herum und gezwirnt links herum. Das erste selbstgesponnene Garn ist noch zu dick und zu unregelmäßig. Neuling Sabine Neumann hält es aber stolz in die Höhe, ein erstes Erfolgserlebnis.

Die Frauen, die einen ganzen Tag gemeinsam mit dem Austausch über diese selten gewordene Handarbeit verbringen, haben ihre uralten und nagelneuen Spinnräder –aufwändig gedrechselt oder in Knallorange angestrichen – mitgebracht und in der Mitte des Gastraumes aufgebaut. So kann eine der anderen Spinnerin über die Schulter schauen und über Techniken und über Rohmaterial diskutieren. Gudrun Piel setzt da zum Beispiel auf „Blue Face“ (kurz für „Bluefaced Leicester“), die Wolle einer englischen Schafrasse, die sich dank ihrer langen Fasern auch gut von Anfängern verarbeiten lasse. Die Gäste bestaunen den langen Kammzug in poppigem Himmelblau. Aus dem fertig gesponnen Garn entstehen Socken und Pullover, die auch auf sensibler Haut getragen werden können. Anders dagegen das Selbstgestrickte von Anne Walter aus Herscheid. Sie verarbeitet die Wolle der eigenen Milchschafe und die ist entsprechend rustikaler Natur. Aber die Expertin schätzt die Robustheit und die Naturfarben, sie wäscht und färbt ihre Wolle selbst. Andere wiederum schwören auf das „Coburger Fuchsschaf“, das leider vom Aussterben bedroht sei. Das selten gewordene Hausschaf liefert das „goldene Vlies“, eine geschätzte Qualität mit der typisch warm-gelben Farbe und rötlichem Schimmer.

Das offene Spinntreffen wurde begeistert angenommen und soll zu einer regelmäßigen Einrichtung werden. Wer interessiert ist, muss kein Spinnrad besitzen, sondern kann einfach vorbeischauen. Der nächste Termin wird rechtzeitig bekanntgegeben oder kann bei Beate Hoppe unter Tel. 0 23 54 /47 04 erfragt werden. - schi

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