Der Beruf als Berufung

Die Geburt ist ein Wunder des Lebens

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Viele Familien, wie auch Familie Rotter-Jung aus Valbert, besuchte Marlies Simon öfter – immer dann, wenn sie sich vergrößerten. Im Ebbedorf kennt sie fast alle jungen Eltern.

Meinerzhagen/Attendorn - Jeder Anfang hat seinen Zauber. Jede Geburt ist ein Wunder der Natur. Marlies Simon hat diese Wunder tausendfach erlebt. „Bei 4000 Geburten habe ich aufgehört zu zählen“, sagt sie. Das Staunen über das Wunder des Lebens aber ist geblieben. Auch nach 50 Jahren.

So lange ist Marlies Simon Hebamme. So viele Kinder, die sich heute wohl kaum bewusst an die Begegnung während der ersten Lebenstage erinnern können, hielt Marlies Simon in ihrem Arm. Sie alle hörten ihre warme, ruhige Stimme, wurden gewogen und gewickelt. Für so viele werdende Mütter und so viele Familien war die ehemalige Valberter Hebamme Wegbegleiterin, gab Rat, Mut und vermittelte Sicherheit, wenn ein kleines Wesen das Leben veränderte. 

Ihren Beruf hat die 70-Jährige seit wenigen Wochen aufgegeben, fast am gleichen Tag, an dem sie vor 50 Jahren – damals als jüngste Hebamme Nordrhein-Westfalens - ihr Examen in Händen hielt. Die Berufung jedoch verliert sich nicht. Und fünf Jahrzehnte mit Erlebnissen in Kreißsälen, Wöchnerinnenstationen und in der eigenen Hebammenpraxis wirken nach, ebenso wie Begegnungen mit werdenden Müttern, mit ihrer Vorfreude, der Aufregung, aber auch mit ihren Ängsten und Zweifeln. „Dass ich jetzt zur Ruhe komme, muss ich erst noch lernen“, resümiert sie und blickt zugleich nach vorne: „Ich habe noch 1000 Ideen, was ich machen könnte.“ Philosophie studieren ist eine davon. Daher wundert es nicht, wenn sie sagt, dass sie es nicht los lasse, „wissen zu wollen, wo ich Wege öffnen kann.“

Neuer Lebensabschnitt

Vor wenigen Monaten öffnete sich ein neuer Weg in der Nachbarstadt. Marlies Simon zog mit Ehemann Hasso nach Ennest. Indes: Neu ist das neue Zuhause nicht. In Attendorn arbeitete sie als Lehrhebamme im früheren St. Barbara-Krankenhaus, in der Hansestadt führte sie danach auch ihre Hebammenpraxis. Über 30 Jahre lebte Marlies Simon mit Ehemann und Tochter zuvor in Valbert. Kaum eine Familie, die hier von „Hebamme Frau Simon“ nicht besucht wurde. „Ich war in fast allen Häusern“, lacht sie. Die Ruhe, die sie stets ausstrahlt und die sie sich nun nach 50 Dienstjahren wünscht, gab es im Berufsalltag kaum – nicht nur, weil natürliche Geburten selten auf Tag oder Stunde genau geplant werden können. „Wir sind ganz schön viel unterwegs gewesen“, erinnert sich auch ihr Ehemann, mit dem Marlies Simon bundesweit Seminare für junge Hebammen, die ihren Weg in die Freiberuflichkeit planen, durchführte. 

Als Hebamme ist sie nicht nur Fachfrau für Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett, nach ihrem Studium zugleich auch Lehrkraft für Schulen im Gesundheitswesen. Zukünftig werden Hebammen ein Hochschulstudium absolvieren müssen, „ich hoffe nicht, dass dies zu einem Konkurrenzkampf führt“, meint Marlies Simon, „aber vielleicht zu Ansehen bei Ärzten.“ Sie selbst habe diese Begegnung auf Augenhöhe jedoch stets erlebt. Dass viele Hebammen in großen Kliniken heute drei, vier Kreißsäle gleichzeitig betreuen müssten, sei hingegen keine erfüllende Arbeit. Wünschenswert seien dagegen hebammenzentrierte Kreißsäle, in denen Schwangere, Geburtshelferin und – natürlich – die werdenden Väter eine Einheit bilden können und die werdende Mutter ungestört ihre Kraft entfalten kann, die sie benötigt, um Leben zu schenken. 

Ein besonderer Moment

Diese gewaltige Anstrengung – fast immer vergessen, sobald das Neugeborene im Arm seiner Mutter liegt. Auch das ist jedes Mal ein besonderer Moment. Auch für die Hebamme. Erfüllt habe sie ihre Arbeit immer, blickt Marlies Simon zurück. Worin sie diese Erfüllung verspürte? „Für mich war es das Gefühl, alles gegeben zu haben, was zu einem guten Ergebnis führt.“ Dazu gehörte auch das Anliegen, das Bewusstsein der Frauen zu stärken, in sich hinein zu spüren, ein „Bauch-Gefühl“ zu entwickeln, in dem das Kind wächst. „Ein Kind gibt auch während der Schwangerschaft Antworten“ – nicht nur der Blick aufs Ultraschallgerät und in den Mutterpass. „Ein Kind spürt Emotionen, jeder Gedankengang wird aufgenommen.“ 

Die Bindung zwischen Mutter und Ungeborenem ist eine ihrer Philosophien als Hebamme. Werdende Mütter nicht nur im Kreißsaal zu erleben, sondern sie bereits vor der Geburt kennen zu lernen und zu begleiten, sei der Grund gewesen, der zur eigenen Praxis geführt habe, die in all den Jahren von Frauen aus einem weiten Radius von Fretter bis Gummersbach aufgesucht wurde. Sie habe großen Respekt und Achtung vor den Frauen und ihrer Leistung, betont die 70-Jährige, „doch nicht jede Frau ist furchtlos.“ Vielmehr seien es oft große Ängste, die eine Schwangerschaft begleiten. „Statt in guter Hoffnung sind sie in Vorsorge“, umschreibt Marlies Simon, verschweigt auch gewalttätige oder inzestöse Erfahrungen mancher Frauen nicht, genauso wie den Wunsch, dass Schwangere weniger ängstlich sind. Das habe auch ihre Arbeit in den letzten Jahren verändert: „Viele Frauen sind zu gut informiert über Google.“

Viele Emotionen erlebt

Hebammen erleben Emotionen der werdenden Mütter – umso mehr zählt daher ihre Empathie, aber auch ihre Entschlossenheit. Für das Vertrauen, das ihr entgegen gebracht worden sei, sei sie dankbar, sagt sie. „Es hat mich sehr berührt, dass die Frauen mir so viel Persönliches anvertraut haben. Das war ein großes Geschenk.“ Im Gegenzug haben ihre Worte stets Wirkung gezeigt und so vieles bewirkt. 

Wenn Marlies Simon über das Wunder des Lebens spricht, über eines der größten Ereignisse, die die Natur zu bieten hat, spürt man noch immer ihre Ehrfurcht vor der Geburt. „Berührend“ sei es gewesen, zu erleben, „wie Kinder in dieser Welt ankommen.“ Manchmal noch fremd, zerknautscht, ungeschützt, oft staunend oder erwartungsvoll. Immer ein kleiner Mensch mit eigener Persönlichkeit. In ihren Gesichtern könne man vieles lesen: „Man kann sehen, was sie gerade in diesem Augenblick brauchen, aber auch, wie sie durchs Leben gehen werden.“ 

„Man muss ganz viel wissen, um wenig zu tun“ – dieser Satz sei stets ihr Credo gewesen, sagt Marlies Simon. Dabei hat sie für so viele Frauen und Kinder so vieles getan – als Begleiterin auf einem wichtigen Wegstück des Lebens.

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