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Mann vor Gericht: „Lauter Knall“ war kein Wildschwein 

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Von: Thomas Krumm

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Ein Polizeifahrzeug im Einsatz
Im November 2020 kam es auf der Marienheider Straße zu einem folgenschweren Unfall, der jetzt vor dem Landgericht Hagen behandelt wird. (Symbolbild) © Symbolfoto: Stefan Puchner/dpa

Konnte oder musste ein 66-jähriger Autofahrer erkennen, dass er in den frühen Morgenstunden des 14. November 2020 auf der Marienheider Straße in Meinerzhagen nicht mit einem Wildschwein, sondern mit einem Menschen zusammengestoßen war? Diese Frage muss die Schwurgerichtskammer des Landgerichts Hagen beantworten.

Meinerzhagen/Hagen – Zum Auftakt machte die Vorsitzende Richterin Heike Hartmann-Garschagen durch einen rechtlichen Hinweis deutlich, dass sich bisher eine erhebliche Spannweite möglicher Straftatbestände abzeichnet: von der fahrlässigen Körperverletzung bis zum versuchten Mord durch unterlassene Hilfeleistung. Mögliches Mordmotiv wäre die Verdeckung einer anderen Straftat, also der fahrlässigen Körperverletzung.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem Angeklagten einen versuchten Totschlag und eine „Aussetzung“ vor. Der Paragraf 221 des Strafgesetzbuches beschreibt diese Straftat: „Wer einen Menschen in eine hilflose Lage versetzt oder in einer hilflosen Lage im Stich lässt, obwohl er ihn in seiner Obhut hat oder ihm sonst beizustehen verpflichtet ist, und ihn dadurch der Gefahr des Todes oder einer schweren Gesundheitsschädigung aussetzt, wird mit Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fünf Jahren bestraft.“

Fahrer sah „irgendetwas Schwarzes auf der Windschutzscheibe“

Der Angeklagte versicherte, dass er von einem Wildunfall ausgegangen war. „Plötzlich höre ich einen Knall und sehe irgendetwas Schwarzes auf der Windschutzscheibe.“ Aus seiner damaligen Sicht sei das „kein Mensch“ gewesen. „Ich habe niemanden gesehen, sonst wäre ich ausgewichen oder hätte gebremst.“ Er habe sich nichts anderes vorstellen können, als dass er mit einem Wildschwein zusammengestoßen sei.

Tatsächlich war es an jenem Novembermorgen gegen 5 Uhr stockdunkel. Der Angeklagte fuhr nach der Kollision trotz einer stark beschädigten Frontscheibe „langsamer als vorher“ weiter. „Ich habe irgendwie an den Beschädigungen vorbei geguckt“, beantwortete er verwunderte Nachfragen.

Zeuge bemerkt Beschädigung auf Firmenparkplatz

Er bog von der Marienheider Straße in die Straße Im Tempel ein und parkte sein Fahrzeug schließlich auf einem Firmenparkplatz. Dort bemerkte ein Zeuge die Beschädigungen an der Frontscheibe, der Motorhaube und der Frontschürze. Als dieser Zeuge mit seinem Auto am Ende der Straße Im Tempel ankam, bemerkte er die Einsatzkräfte vor Ort, hörte von dem Vorwurf einer Unfallflucht und wies den Beamten den Weg zum Firmenparkplatz. So kamen die Ermittlungen gegen den Angeklagten ins Rollen.

Der Angeklagte sei „überrascht, aber nicht sonderlich entsetzt“ gewesen, als er mit dem Vorwurf einer möglichen Unfallflucht konfrontiert wurde, erinnerte sich ein Beamter. Er habe im Schock keine Worte gefunden, erklärte der Angeklagte seine zurückhaltende Reaktion.

Opfer 22 Meter durch die Luft geschleudert

Das schwer verletzte Opfer der Kollision blieb nach einem „Flug“ von 22 Metern auf der Abbiegespur der Marienheider Straße in Richtung Im Tempel liegen, bis zwei Ersthelfer sich seiner annahmen und den Unfallort absicherten. Eine Polizeibeamtin nannte ihn „den Jungen“. Mit Kopfverletzungen und Blutergüssen kam er auf die Intensivstation des Kreiskrankenhauses. Zum Zeitpunkt des Unfalls soll er alkoholisiert gewesen sein.

Der Kraftfahrzeugsachverständige Lutz Bölter hielt es wegen der stark beschädigten Frontscheibe und der zum Unfallzeitpunkt herrschenden Dunkelheit für „eigentlich“ unmöglich, mit so einem Auto noch weiterzufahren. Er machte auch deutlich, dass der Angeklagte seiner Meinung nach erkannt haben muss, was er sich da auf die Motorhaube geladen hatte: „In aufrechter Position ist der Kopf des Fußgängers für den Fahrzeugführer auf jeden Fall erkennbar.“ Diese Schlussfolgerung wies Verteidiger Stephan Kuhl aus Gummersbach umgehend zurück. Sein Mandant könne doch abgelenkt gewesen sein.

Experiment soll Klarheit bringen

Lutz Bölter fasste die vergleichsweise schlichte Argumentation zusammen: „Wenn ich irgendwo nicht hingucke, kann ich das auch nicht sehen!“ Das Argument hatte dennoch Folgen: Die Schwurgerichtskammer beauftragte den Kraftfahrzeugsachverständigen Prof. Dr. Karl-Heinz Schimmelpfennig mit der Durchführung eines Experiments: Ein bei Dunkelheit von einer Motorhaube aufgeladener und dabei gefilmter Dummy soll verdeutlichen, was der Fahrer sehen konnte oder möglicherweise auch sehen musste.

Der Prozess wird am 24. November fortgesetzt.

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