300 Menschen beteiligen sich an Mahnwache auf Otto-Fuchs-Platz

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Aytoc Emrecan erläuterte den rund 300 Bürgerinnen und Bürgern, die sich am Sonntag zur Mahnwache für die Toten von Hanau vor der Stadthalle versammelt hatten, warum er zu der Veranstaltung eingeladen hatte.

Meinerzhagen – „Sie sind jetzt tot!“, sagte Aytoc Emrecan am Sonntag bei der von ihm initiierten Mahnwache auf dem Otto-Fuchs-Platz, nachdem er die Opfer von Hanau beim Namen genannt und ihre Persönlichkeiten kurz skizziert hatte.

Neun Namen, neun Leben voller Hoffnungen, Pläne und Träume für die Zukunft, neun Biografien, denen mit brutalen Schüssen ein abruptes Ende gesetzt wurde. Ein Besuch an den Tatorten habe ihn veranlasst, zu dieser Mahnwache einzuladen, denn er habe ihm gezeigt, dass so etwas auch in Meinerzhagen und Kierspe passieren könnte, sagte Emrecan: „Ein Blick auf die Herkunftsländer der Ermordeten machte deutlich, dass es Menschen waren wie meine Nachbarn. Ein solcher Rassismus ist unerträglich.“ 

Ebenso unerträglich sei aber auch der Alltagsrassismus, der sich in dummen Sprüchen, in Blicken und Gesten äußere: „Bitte hört auf, immer nur auf die AfD zu schimpfen.“ Schlimm sei es auch, nach Anschlägen wie in Halle oder Hanau keine Solidarität zu erfahren. „Ich spreche hier weder als Türke, noch als Deutscher, noch als Moslem oder Christ. Ich möchte sie hier als Mensch ansprechen und den ersten Artikel des Grundgesetzes zitieren: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt. Auch ich sehe das als meine Verpflichtung“, betonte Emrecan. „Kein Mensch darf wegen seiner Herkunft oder religiöser Zugehörigkeit sterben.“ Er schloss seine Ansprache mit einem Zitat von Mevlüde Genc, die vor 27 Jahren beim Brandanschlag in Solingen fünf Familienangehörige verlor: „Lasst uns als Geschwister leben. Lasst uns als Freunde leben. Ich schließe mich ihren Worten an und sage: Lasst uns bitte leben. Tötet uns nicht!“ 

Anschließend blieb das Mikrofon offen für alle, die sich ebenfalls äußern wollten. Ebenso wie die SPD-Bundestagsabgeordnete Nezahat Baradari forderte Johannes Heintges, Leiter der Gesamtschule Kierspe, der mit Schülern vor Ort war, dem bereits erwähnten Alltagsrassismus mit Courage entgegenzutreten. Dazu gehöre auch, nicht über fremdenfeindliche Späße zu lachen, auf die Sprache zu achten, keine Parolen nachzuplappern, wenn nötig, einen Chat zu verlassen und, wenn jede Diskussion zwecklos sei, zu gehen oder besser, die Rassisten zum Gehen aufzufordern. „Auch wenn ein friedliches Miteinander von rechtsradikalen Gruppierungen und Parteien immer wieder infrage gestellt wird: An unserer Schule werden 30 unterschiedliche Sprachen gesprochen, und es funktioniert. Und das ist gut so! Wir möchten, dass sie wissen: Wir sind froh, dass sie da sind!“ 

Weitere Stimmen meldeten sich zu Wort, auch wenn dabei in einem Fall erst einmal Berührungsängste überwunden werden mussten. Die Vielfalt der Kulturen und Religionen könne auch eine Bereicherung sein. Nicht immer sei deutsche Disziplin gefragt, auch türkische Lässigkeit habe oft ihre Berechtigung. „Wir alle sind Deutschland, und wir alle möchten auf diesem Planeten glücklich leben“, sagte ein Redner. Toleranz sei geboten, aufeinander zugehen, Respekt zeigen und in einen Dialog einsteigen, damit jeder im 21. Jahrhundert so leben könne, wie er möchte. Hass sei nicht mit Hass zu bekämpfen, sondern nur mit Liebe.

„Haben wir aus der Vergangenheit nichts gelernt?“, fragte Bürgermeister Jan Nesselrath die Versammelten. Er bedankte sich im Namen von Rat und Bürgerschaft bei den Organisatoren für die die Veranstaltung und betonte: „Meinerzhagen ist Vielfalt. Ihr kennt Euch alle. Wir müssen zusammenstehen. Hier ist kein Platz für Gewalt.“

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