Theo Waigel in Meinerzhagen: „Es lohnt sich, für Europa zu kämpfen“

„Das ist der Füllfederhalter, mit dem ich den Maastrich-Vertrag unterschrieben habe!“ Theo Waigel mit Dirk Glaser.

MEINERZHAGEN ▪ Mit Dr. Theo Waigel (72), Bundesfinanzminister von 1989 bis 1998, 30 Jahre Mitglied des Bundestags, Ehrenvorsitzender der CSU, jetzt als Rechtsanwalt in München tätig, hatte die Volksbank im Märkischen Kreis am Dienstag eine prominente Persönlichkeit der Zeitgeschichte für ihr erstes Volksbank-Forum in die Stadthalle Meinerzhagen geholt.

Den Füllfederhalter, mit dem er 1992 gemeinsam mit Bundesaußenminister Hans Dietrich Genscher für die Bundesrepublik Deutschland den Vertrag über die Währungsunion in Maastricht unterschrieb, hatte er dabei und zeigte ihn auf Bitten von Moderator Dirk Glaser gern auch ins Publikum.

Der „Vater des Euro“, wie er gern und durchaus treffend genannt wird, zeigte sich auch in seinem Referat zur Zukunft Europas und seiner gemeinsamen Währung als ein leidenschaftlicher Verfechter der europäischen Idee. „Europa ist das Beste, was den Menschen bei uns in Deutschland passieren konnte. Und es lohnt sich, für Europa aktiv zu kämpfen“, betonte er vor rund 300 geladenen Gästen aus dem gesamten Kreisgebiet. Keinen Zweifel ließ Waigel am Bestand der Währung: „Vom Euro profitieren alle, am meisten aber Deutschland!“

Volksbank-Vorstandsmitglied Roland Krebs hatte den Abend eröffnet und freute sich über die große Resonanz auf die Einladung der größten Genossenschaftsbank in der traditionsreichen südwestfälischen Wirtschaftsregion. Die Stadthalle Meinerzhagen werde nach dieser Auftaktveranstaltung zu einem überaus aktuellen Thema auch künftig der Schauplatz für weitere von der Volksbank im Märkischen Kreis geplante Diskussionsforen zu Fragen aus Wirtschaft und Gesellschaft sein, kündigte er an. Zurzeit gebe es wohl kein brennenderes Thema, als vor dem Hintergrund der heftigen Turbulenzen um Griechenland und andere hoch verschuldete Staaten die durchaus bange Frage nach der Zukunft Europas und des Euros zu stellen. „Zehn Jahre danach bin ich rundum glücklich, was gemacht wurde – gerade noch rechtzeitig vor dem Einsetzen der Globalisierung der Finanzmärkte“, leitete Krebs mit einem Zitat Theo Waigels aus dem Jahr 2008 zum Gastreferenten über und ordnete das damalige Zitat noch ein mit dem Hinweis: „Dann kam die globale Finanzkrise, der sich jetzt eine Krise der Staatsverschuldung anschließt“.

In seinem rund einstündigen Vortrag blieb Waigel, der 1996 gemeinsam mit seinem damaligen franzöischen Amtskollegen Jean Arhuis die Grundlagen der Währungsunion aushandelte und sich im übrigen auch hinsichtlich der Namensgebung (Euro statt Ecu) für die neue Währung durchsetzte, keine Antworten auf viele Fragestellungen schuldig. Und er ließ auch keinen Zweifel daran aufkommen, dass er die Einführung der gemeinsamen europäischen Währung nach wie vor ohne Abstriche als richtige Entscheidung ansieht. „Der ist an allem schuld“, habe ihn erst kürzlich beim Besuch seiner Hausbank am Wohnort in Bayern ein älterer Mann unversehens angegiftet. „Dafür übernehme ich auch heute noch sehr gern die Veranwortung, denn Deutschland und Europa sind durch den Euro entscheidend nach vorn gebracht worden!“ habe er dem Mann gesagt.

Klartext Waigel: „Die Währung steckt nicht in einer Krise. Sie steht derzeit bei 1,38 Dollar und damit viel besser als bei ihem Start. Die Inflation lag in den vergangenen zehn Jahren unter zwei Prozent, bei uns in Deutschland sogar noch niedriger. Europaweit entstanden in dieser Zeit rund zehn Millionen neuer Arbeitsplätze. Rund dreißig Prozent aller weltweit vorgehaltenen Währungsreserven sind in Euro angelegt. Würden wir zur D-Mark zurück kehren, hätte das eine rund zwanzig- bis dreißigprozentige Aufwertung zur Folge. Das könnte die deutsche Wirtschaft kaum verkraften. Noch gravierender wären die damit verbundenen politischen Folgen.“

Waigel zitierte in diesem Zusammenhang gern den ehemaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt: „Ohne den Euro ist alles nichts. Nicht mehr und nicht weniger als unsere Zivilisation steht auf dem Spiel!“

Entscheidend für die Zukunft der Währungsunion ist nach Waigels Ansicht eine konsequent betriebene Konsolidierung der Staatshaushalte. Die Stabilitätsregeln in der Union müssten wieder glaubhaft werden. Dass ausgerechnet Deutschland unter Schröder und Eichel gemeinsam mit den Franzosen für den ersten „Sündenfall“ gesorgt hätten, sei fatal gewesen, bedauerte Waigel.

Die Aufnahme Griechenlands in die Währungsunion bezeichnete Waigel als „unverzeihlichen Sündenfall“ – wobei er großen Wert auf die Feststellung legt: „Das fällt nicht mehr in meine Amtszeit!“ Er selbst habe es sich schlechterdings nicht vorstellen können, dass Griechenland die Aufnahmebedingungen erfüllen könne und wolle. „Die haben gelogen und betrogen – und die Europäer haben es nicht kontrolliert“, kritisierte der CSU-Politiker und zieht einen Vergleich mit einem blinden Passagier, der mitten auf dem Ozean aus dem Versteck kommt. „Wir können ihn nicht über Bord werfen, aber er darf auch nicht erwarten, dass er noch mit Sekt und Kaviar proviantiert wird.“ Und weiter O-Ton Waigel: „Leid tun mir die kleinen Leute in Griechenland. Die müssen ausbaden, was ihnen eine zutiefst verkommene politische Kaste eingebrockt hat.“ Von einem Rauswurf der Griechen allerdings hält Waigel wenig. „Das will gut durchdacht sein. Die Folgen könnten unüberschaubar sein. Wir müssen helfen und dafür sorgen, dass auch in Griechenland verlässliche staatliche Strukturen geschaffen werden – das liegt auch in unserem ureigensten Interesse.“

Am Ende seines leidenschaftlichen Appells pro Europa und pro Euro zitiert Waigel aus einem Gespräch mit dem Philosophen Ernst Jünger, das er kurz vor dessen Tod im Alter von fast 103 Jahren mit diesem habe führen können. Gefragt nach einer Wegweisung für die junge Generation habe der geantwortet: „Es ist besser in der Zuversicht als in der Furcht zu leben!“

In der anschließenden Diskussionrunde kamen auch heimische Unternehmer zu Wort. „Wir profitieren sehr vom Euro und werden für ihn kämpfen!“, betonte Knut Menshen aus Werdohl. „2008 darf sich nicht wiederholen!“, hoffte der Lüdenscheider Jan Schriever.

Horst vom Hofe

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