Stolpersteinverlegung

Meinerzhagener erinnern sich an die Familie Fischbach

Meinerzhagen - Es war eine ebenso bewegende wie eindrucksvolle Zeremonie: Seit Donnerstag erinnern in Meinerzhagen vier weitere Stolpersteine an das Schicksal verfolgter jüdischer Mitbürger.

Vor dem Haus Lindenstraße 14 hatten sich weit mehr als hundert Besucher eingefunden, um sich an das Leben von Oskar, Jenni, Ellen und Margot Fischbach zu erinnern. Zwar wurden damit bereits zum vierten Mal Stolpersteine im Stadtgebiet verlegt, doch kaum eine Verlegung war im Vorfeld heftiger diskutiert worden. 

Umso erlösender wirkte für alle Beteiligten sicher das, was sich gestern vor dem als „Fischbach-Haus“ bekannten Gebäude abspielte – ein weiterer Schritt in Richtung Versöhnung, wie Steve Fischbach als Nachkomme der Familie in seiner Rede betonte. Er war gemeinsam mit seiner Frau Marci sowie den Nachkommen weiterer jüdischer Mitbürger aus Meinerzhagen, namentlich Gail Stern sowie Judi und Bernie Cataldo, extra aus den USA angereist, um an dieser Verlegung teilzunehmen. 

Stolpersteinverlegungen in Kierspe und Meinerzhagen

Und er war sicher, dass die gesamte Veranstaltung auch „von oben“ beobachtet wird: Margot Fischbach-Bilinsky, Tochter von Oskar und Jenni, die ihre Kindheit an der Lindenstraße verbrachte, strebte zeitlebens eine solche Erinnerung an ihre Familie an, erlebte das große Ereignis gestern aber nicht mehr: Sie verstarb im Herbst des vergangenen Jahres. 

Natürlich standen neben der Verlegung der Stolpersteine durch den Künstler Gunter Demnig – unterstützt vom heimischen Tiefbauer Sebastian Falz – auch Reden und musikalische Beiträge im Mittelpunkt. Eindringlich appellierte etwa Dietmar Först als Vertreter der „Initiative Stolpersteine“ an die Anwesenden, sich stets der Gräueltaten des NS-Regimes zu erinnern. Er zitierte die Friedensnobelpreisträgerin Eli Wiesel: „Das Geheimnis der Versöhnung heißt Erinnerung.“ Und nur eine Wunde, die wahrgenommen, die gezeigt und realisiert wird, könne geheilt werden. 

Först dankte in diesem Zusammenhang auch der Familie Stracke, der das „Fischbach-Haus“ seit 1976 gehört und die der Verlegung der Stolpersteine schlussendlich zustimmte. Und so war es an Thorsten Stracke, für die Anwohner und die Familie an die Historie des Gebäudes, aber auch an die persönlichen Begegnungen mit den Fischbach-Nachkommen zu erinnern. So blickte er auch auf ein erstes Treffen Meinerzhagener Juden Anfang der 1980er-Jahre zurück, das er als ein Wunder bezeichnete. „Man kann nur hoffen, dass gerade diese Begegnung zwischen den Menschen der heutigen und besonders der jungen Generation dazu beiträgt, dass sich die Geschichte nicht wiederholen möge“, sagte Thorsten Stracke.

Auf die Verantwortung, die aus der eigenen Geschichte erwächst, wies indes Bürgermeister Jan Nesselrath in seiner Rede hin. „Zu diesem Bekenntnis kommt die Hoffnung auf Versöhnung hinzu“, betonte er. Oskar, Jenni, Ellen und Margot Fischbach solle mit der Verlegung ein Mahnmal gegen das Vergessen, gegen Hass und Gleichgültigkeit geschaffen werden. Die Fischbachs seien eine „typische Meinerzhagener Familie“, ein Teil der städtischen Gemeinschaft gewesen, „bis ihnen das Leben hier unerträglich gemacht wurde“.

„Sie haben unter uns gelebt und ihr Schicksal geht uns bis zum heutigen Tag etwas an“, sagte Jan Nesselrath, der auch die anwesenden Schüler der Sekundarschule und des Evangelischen Gymnasiums dazu aufrief, aus der Vergangenheit zu lernen. 

Die Schüler selbst hatten indes dazu beigetragen, die Erinnerung an die Fischbachs wachzuhalten: Sei es durch das Verlesen der Biographien oder durch musikalische Beiträge des EGM-Unterstufenchores. Sichtlich bewegt zeigte sich auch Steve Fischbach, der die Meinerzhagener in seiner Rede dazu aufrief, stolz auf die Stolpersteine zu sein. Seine Recherche zu den Wurzeln der Familie Fischbach in Meinerzhagen, die 1995 begann, bildete den Auftakt zu einer Versöhnung, für die gestern zweifellos ein Meilenstein gesetzt wurde. Fischbach sowie Judi und Bernie Cataldo trugen zum Abschluss der Gedenkfeier das jüdische Dankgebet „Kaddisch“ vor.

Rubriklistenbild: © F. Zacharias

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