Lesung in der Stadthalle

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Hans Conrad Zander. ▪

MEINERZHAGEN ▪ Die Demontage des christlich apostrophierten Idealbildes der Familie als Lebensform war perfekt. Die Überlieferungen vom Leben und Wirken des Religionsstifters Jesus offenbarten krass Gegenteiliges, unterstrich Hans Conrad Zander bei der Lesung im vollbesetzten Foyer der Stadthalle. In seinem Buch „Der erste Single. Jesus, der Familienfeind“ rechnet er schonungslos mit dem Etikettenschwindel ab.

Die Vater-Mutter-Kind-Familie, als Institution von Kardinal Meißner gerne in die Nähe der heiligen Dreifaltigkeit gerückt und von fundamentalistischen Gläubigen – etwa in Amerika – als einzig wahre Daseinsform akzeptiert, habe ihre Wurzeln im Islam und im Judentum. „Mohammed hat zehn Frauen gehabt, der ideale Familienvater! Nur die Griechen kannten den Familienkult nicht, sondern entwickelten das, woraus das Christentum entstand: Die geistige Führerschaft elitärer Singles, denen nichts ferner lag, als ein dauerhaft von den Altvorderen bestimmtes Familienleben, wo die Mutter die Frömmigkeit und der Vater das Geld verwaltet. Dass aber der Jude Jesus die in seinem Kulturkreis geächtete, durchaus mit tödlicher Bestrafung zu ahnende radikale Abkehr von der Familie vollzog, sei durch hervortretende Charakterzüge und psychologische Fakten belegt. „Der Erlöser war kein Papi, er war der erklärte Familienfeind und die Institution aller Revolutionen“, zog Zander sein Fazit aus vielen Stellen des Neuen Testaments sowie den Erkenntnissen vielfältiger Bibel- und auch jüdischer Quellenforschung.

Als Zimmermann ein Gebildeter seiner Zeit und begnadeter Wanderprediger, habe Jesus demnach eine Gefolgschaft um sich geschart, zu der auch etliche reiche, von „bösen Geistern geheilte Frauen“ gehörten. „Es müssen sehr reiche Frauen gewesen sein, die sich von ihren Familien lossagen und emanzipieren konnten; mit ihren Vermögen versorgten sie die Wandertruppe. Dank höherer Bildung der gehobenen Schicht angehörend, haben sie sich so selbst befreit; bei den Männern musste Jesus nachhelfen“, sagte Zander.

Das tat Jesus so rigoros, dass er einem neu Rekrutierten nicht einmal Zeit ließ, den verstorbenen Vater zu bestatten. Die empirische Jesusforschung in Jerusalem zeige: „Wenn man den wahren Menschen sucht, muss man die Juden fragen.“ Danach tauge Jesus weder zum Vorbild des Familienvaters, noch, wie sein respektloser, verächtlicher Umgang mit der eigenen Mutter zeige, zu dem des liebenden Sohnes. Die Familie als „Erbstrafe für die Erbsünde“, die „Sehnsucht des Menschen nach einem Losgelöstsein von ihr“, für diese Thesen bemühte Autor Karl Kraus ebenso wie Kurt Tucholsky, Sören Kierkegaard oder Woody Allen. „Wir haben die Heilige Familie, die Protestanten haben die vorbildliche Familie, das ist schlimmer“, befand Katholik Zander. Er geißelte den katholischen Infantilismus ebenso wie pädophile Übergriffe, die aber zumeist im familiären männlichen Umfeld passierten. Der ehemalige Dominikanermönch rechtfertigte den Zölibat als „ursprüngliche christliche Freiheit“. Eine Identifikation mit dem unabhängigen Jesus täte auch den Frauen gut. Die Religionen indes hätten den Stellenwert des Gedächtnisses der Menschheit.

Erna Schmidt

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