Den Alltag in Zeiten von Corona organisieren – „geht doch“

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Lucas Berghaus kuschelt mit dem Familienhund. Der freut sich.

Meinerzhagen – Keine Freunde treffen, nicht zur Oma ins Haus nebenan gehen – „Wir halten uns strikt dran“, gibt es für Antje Hortmann aus Wilkenberg seit Beginn der Woche keine Alternative zu den aktuellen Vorschriften. Resümee nach vier Tagen: „Es klappt super!“

In der vierköpfigen Familie sei die Stimmung entspannt. „Ich nehme meine Kinder weder mit zum Einkaufen noch spielen sie mit den anderen Kindern im Dorf“, berichtet die zweifache Mutter. Dafür verbringe die Familie umso mehr Zeit miteinander. „Wir haben in den letzten Tagen so viel zusammen gemacht wie sonst eher selten.“ Dazu gehörten eine Fahrradtour und ein Spaziergang durch den Wald. „Da trifft man niemanden“ – ein Vorteil auf dem Land. 

Morgens stehen für den ältesten Sohn Tim Hausaufgaben an. Für drei Wochen sei der Fünftklässler, der das Attendorner Gymnasium besucht, für alle Hauptfächer versorgt worden. „Zum Glück ist er gewissenhaft“, lobt Antje Hortmann. Tims Bruder Mats ist drei und darf spielen. Den Kindergarten wird er erst nach den Sommerferien besuchen, sodass sich die Familie um die Betreuung keine Gedanken machen musste. Sich in der momentanen Lage auf das Wesentliche konzentrieren, das hat sich Antje Hortmann vorgenommen. „Und das ist die Familie.“ 

Nur Vater Frank Hortmann bekommt die Auswirkungen des Coronavirus derzeit noch auf andere Weise zu spüren. Er arbeite im Werkzeugbau einer Stanzerei in Herscheid und habe einen Zwölf-Stunden-Tag. „Der Betrieb ist klein und wurde in zwei Schichten aufgeteilt, die nach zwei Wochen wechseln. So soll versucht werden, alles am Laufen zu halten.“ 

Alles am Laufen halten, das versucht auch Familie Stellberg. „Ein Härtetest“, gibt Meike Stellberg zu und berichtet von einem Einkaufserlebnis: Zwei Tüten Milch habe sie mitnehmen dürfen und eine Packung Toast. Ihr sei gesagt worden, es solle nicht gebunkert werden. „Wir sind sieben zuhause, eine Großfamilie eben. Da kommen wir doch einfach nicht weit mit“, ärgert sie sich. Mit drei Schulkindern und zwei kleinen Kindern sei der neue Alltag nicht so leicht zu stemmen. Der Einkauf für die große Familie sei die eine Sache, die größte Herausforderung sei es für sie allerdings gewesen, die „Schule daheim“ zu organisieren, sagt Stellberg. Aufgaben und Übungsblätter seien verschickt worden, „aber wir wohnen in einem Dorf. Gutes Internet ist da leider Fehlanzeige“, berichtet die Hardenbergerin. Mit kleineren Kindern sei Leben im Haus, „dass die Großen dabei konzentriert lernen, ist gar nicht so leicht“. „Wir haben eine Lernecke eingerichtet, wo die Kinder ihre Schulsachen liegen lassen können und festgestellt, dass das eine gute Idee war.“ Vor allem die beiden Töchter Hannah (12) und Neele (10) seien froh, dass sie draußen spielen könnten. "Zum Glück haben wir einen Garten.“

Raus gehen, eine Runde durch den Wald, wo man niemanden trifft – das ist auch für Familie Emrecan in den letzten Tagen sehr wichtig. „Die Kinder brauchen Bewegung“, sagt Pinar Emrecan. Und ihr Jüngster Ali Tarek (3) braucht seinen Opa, der im Haus wohnt. „Es gab schon Tränen, weil er da nicht hin kann.“ Ihr Vater habe eine chronische Lungenkrankheit, gehöre damit zur Risikogruppe. Daher seien die Besuche der drei Enkel Kayra (12), Can (10) und Ali Tarek augenblicklich tabu. „Und die beiden Älteren vermissen natürlich auch ihre Freunde.“ 

Pinar Emrecans Ehemann Aytac arbeitet seit Donnerstag ebenfalls von zuhause aus. Sein Arbeitgeber, das Lüdenscheider Unternehmen Kostal, habe für ihn ein Homeoffice eingerichtet. „Wenn er arbeitet, versuchen wir uns zurückzuziehen“, berichtet Pinar Emrecan. Sie selbst absolviert ein Teilzeitstudium als Heilpraktikerin: „Der Unterricht wird jetzt über Skype abgehalten.“

Sich mit allem arrangieren, das gilt auch für Familie Berghaus aus Valbert. „Der erste Tag war hart“, blickt die vierfache Mutter Karin auf den Beginn der Woche zurück. Schularbeiten herunterladen und die beiden Jüngsten – Max, 5. Klasse, und Lucas, 1. Klasse – mit Lernmaterial versorgen – so einfach war das nicht. Beide Söhne besuchen die Freie Schule in Kierspe. Das Lernmaterial sei online gestellt worden, „nur das Herunterladen funktionierte nicht auf Anhieb“. Als es klappte, sei viel ausgedruckt worden. „Ich habe meinen Kindern gesagt, ihr müsst arbeiten, es ist viel.“ Das wird morgens auch fleißig gemacht, zusammen mit den beiden großen Schwestern Maja (15), die die zehnte Klasse der Attendorner Realschule besucht, und Franziska (17), die eine Ausbildung als Köchin absolviert. Der Ausbildungsbetrieb, ein Hotel in Sundern, öffne jedoch nur noch am Wochenende. Ihre Töchter seien zuhause aktiv, freut sich ihre Mutter. Auto waschen, Zimmer aufräumen, Fenster putzen – „sie haben keine Langweile“. 

Karin Berghaus selbst hat ihren Alltag ebenfalls umgestellt, ihr Arbeitstag beginnt nun morgens um halb fünf in der Backstube des Familienbetriebs. In der Bäckerei gebe es viel zu tun. „Die Kunden frieren sich Brot ein oder kaufen sich Kuchen für zuhause.“ Besuche in Cafés fallen weg, „da versuchen manche vielleicht gerade jetzt, es sich zuhause schön zu machen. Der einzige Luxus, den wir doch momentan haben“.

Familie Klostermann verbringt die Zeit momentan ebenfalls zuhause im Garten – allerdings mit Arbeit. „Wir wollen dieses Jahr Garten und Terrasse erneuern, damit fangen wir jetzt schon an“, erzählt Christiane Klostermann. Ihre beiden Söhne Tom (17, Azubi) und Leo (15) würden fleißig helfen bei den Renovierungen. Für den 15-Jährigen und seine Schwester Mia (11) stehe morgens erst einmal Schule auf dem Programm. „Insgesamt bekommen wir die Zeit erstaunlicherweise ganz gut um“, fasst Christiane Klostermann zusammen, die ab Montag, ebenso wie es ihr Ehemann Frank bereits jetzt schon macht, von zuhause aus arbeiten wird. Die Idylle zuhause täusche allerdings nicht darüber hinweg, dass sie sich Sorgen mache, fügt die Meinerzhagenerin hinzu: „Das Weltgeschehen bezüglich des Coronavirus erschreckt einen schon sehr.“ 

Der Garten war in den letzten sonnigen Tagen auch Dreh- und Angelpunkt für Familie Kiehn. „Wir haben Blumen ohne Ende gepflanzt“, berichtet Mutter Susanne, deren Söhne Tobias (14) und Johannes (8) ebenfalls gerade „Schule zuhause“ erleben. Ein Dankeschön richtet Susanne Kiehn an die Lehrer: „Alle haben aufmunternde Mails geschrieben, das tut gut.“ Für den Chor habe Musiklehrer Michael Otto sogar Audiodateien aufgenommen, die nachgesungen werden können, erzählt Tobias Kiehn, der Schüler des Evangelischen Gymnasiums ist. Sein jüngerer Bruder habe für den Projektchor der Grundschule Auf der Wahr das Dschungelbuch-Lied zum Üben zugeschickt bekommen. „Das passt momentan für zuhause doch irgendwie“, findet seine Mutter. Für ihre Kinder sei nun auch Zeit, um am Klavier zu üben. Vielleicht, überlegt Susanne Kiehn, könnten sich Nachbarschaften, ähnlich wie in Italien, ja auch gegenseitig mit Musik unterhalten und etwas ablenken.

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