Reitlehrer-Prozess: Glaubwürdigkeit auf dem Prüfstand

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Meinerzhagen - „Glaubwürdig“ und „glaubwürdig mit einer wichtigen Einschränkung“ - mit dieser differenzierten Einschätzung der Aussagen der beiden Hauptbelastungszeuginnen überraschte die psychologische Gutachterin Cornelia Orth am Mittwoch das Gericht und das Publikum im Gerichtssaal.

Von Thomas Krumm

Einem der Mädchen attestierte sie eine hohe Glaubwürdigkeit, an der es kaum vernünftige Zweifel gebe: „Es wäre der Zeugin kaum gelungen, eine Aussage von solcher Qualität zu erfinden“, stellte die Expertin fest.

Der Fall

Vor dem Landgericht Hagen wird gegen einen 65-jährigen Reitlehrer aus Meinerzhagen verhandelt, der auf seinem privaten Pferdehof zwei seiner Schülerinnen von 2008 bis Ende 2011 vielfach sexuell missbraucht haben soll. 21 Punkte umfasst die Anklageschrift. Die Kinder waren damals zwischen zwölf und 16 Jahren alt.

Sie verwies auf verschiedene Eigenschaften der Aussagen, die diesen Befund stützten: „Die Aussage ist sehr detailliert, sie schildert einen klaren Handlungsverlauf, verschiedene Örtlichkeiten und konkrete, nachvollziehbare Handlungen.“

Zu diesen „Realkennzeichen“, die in erfundenen Aussagen so zumeist nicht zu finden seien, komme eine detaillierte Schilderung innerer Vorgänge und psychischer Befindlichkeiten. Den von ihr geschilderten „subtilen psychischen Entwicklungsverlauf“ könne sich die Zeugin nicht ausgedacht haben.

Kaum mit einer bewussten Falschaussage sei auch die differenzierte Schilderung zu vereinbaren. So berichtete das Mädchen auch von Abbrüchen sexueller Handlungen aufgrund ihres Widerstandes. „Nicht alle Handlungen waren massiv“, stellte die Gutachterin fest.

Als glaubwürdig empfand die Expertin deshalb auch den Bericht der Zeugin, dass es trotz entsprechender Wünsche des Angeklagten nicht zum Geschlechtsverkehr gekommen sei.

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Der angebliche Geschlechtsverkehr wurde in der Aussage des zweiten Mädchens zum Problem. Erst vor kurzem, und das heißt nach der Begutachtung durch die Psychologin, hatte die Zeugin behauptet, dass der Angeklagte mehrere Male mit ihr geschlafen habe.

Für das Verschweigen dieses angeblichen Geschehens könne es zwei Gründe geben: ein Vergessen oder eine besondere Peinlichkeit. Letzteres hielt die Gutachterin für unwahrscheinlich, weil die Zeugin ihr gegenüber von nicht weniger intensiven Sexualpraktiken berichtet hatte.

Die Schilderungen des angeblichen Beischlafs seien zudem wenig detailreich gewesen, was ihren Realitätsgehalt fragwürdig mache: „Dieses Detail hätte die Zeugin auch erfinden können.“ Ein solcher Zweifel beeinträchtige jedoch die Qualität der Aussage insgesamt: „Ihr kann nicht uneingeschränkt gefolgt werden“, sagte die Psychologin.

Gleichwohl neigte auch sie weiterhin dazu, den ursprünglichen Vorwürfen des Mädchens Glauben zu schenken: „Ich gehe davon aus, dass die Aussage der Zeugin einen Erlebnishintergrund hat“, sagte Orth.

Auf Nachfrage des Vorsitzenden Richters Marcus Teich präzisierte die Gutachterin ihre Einschätzung: Tatsächlich sei das Mädchen nach Aktenlage sehr glaubwürdig gewesen. Der nachgeschobene Bericht über Geschlechtsverkehr sei jedoch „kein Randdetail, sondern eine gravierende Veränderung“.

Die Stellungnahme der Gutachterin muss allerdings nicht heißen, dass das Gericht den Bericht der Zeugin als unglaubwürdig einstuft.

Der Prozess wird am 30. April um 9 Uhr mit den Plädoyers fortgesetzt. Voraussichtlich wird an diesem Tag auch das Urteil gegen den 65-jährigen Reitstall-Betreiber verkündet.

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