Landestheater irritiert viele Besucher

Der Hauptmann (oben) und der Doktor bedrängen Woyzeck (Mitte) und demütigen ihn.

MEINERZHAGEN ▪ Marie geht auf den Vater ihres Kindes, ihren Freund Franz Woyzeck zu. Da zieht dieser ein Messer und sticht auf sie ein.

Mit diesem tragischen Ende von Marie begann die Aufführung des Dramas „Woyzeck“ von Georg Büchner am Montagabend in der Stadthalle Meinerzhagen. Auf Einladung von KuK war das Westfälische Landestheater gekommen. Das Publikum bestand zumeist aus Schülern, kurz vor dem Abitur stehend, die sich mit dem Theaterbesuch auf ihre Prüfung vorbereiten wollten. Was sie zu sehen bekamen, entsprach textlich weitestgehend den klassischen Vorlagen, war jedoch spielerisch so verändert, dass die Kernpunkte des Dramas in Aktivitäten und Klamauk untergingen.

Woyzeck ist ein Mensch, auf dem alle herumtrampeln. Er wird in dieser Gesellschaft unterdrückt und gedemütigt, was sich in den Beziehungen zu dem Hauptmann, dem Doktor, aber auch dem Tambourmajor widerspiegelt. Der Hauptmann, der Woyzeck aufgrund seiner ärmlichen Herkunft als „unmoralisch“ bezeichnet; der Doktor, der ihn als Versuchsobjekt ansieht und zur gesundheitsschädigenden Ernährung zwingt. Zuletzt ist es auch der Tambourmajor, der Woyzeck gegenüber keinen Respekt erweist, und ihn sowohl öffentlich als auch privat lächerlich macht – nicht zuletzt, indem er mit Marie, der Freundin von Franz Woyzeck, ein Verhältnis beginnt.

In Woyzeck keimt ein Verdacht auf, der durch ihm nicht freundlich gesinnte Mitmenschen geschürt wird, bis er Marie und den Nebenbuhler beim Tanz im Wirtshaus ertappt. Woyzeck hat Halluzinationen, hört Stimmen, die ihm sagen, er soll seine Freundin Marie umbringen. Das Westfälische Landestheater hatte sich in dieser Inszenierung an die Textvorlagen gehalten, präsentierte jedoch Bilder, die an die Grenzen des guten Geschmacks stießen. Der Hauptmann und der Doktor machten sich mit ihrer aufgesetzten Arroganz selber lächerlich, obwohl sie in ihren Rollen Franz Woyzeck herabsetzen sollten. Sie sprachen die Demütigungen zwar aus, diese gingen aber unter in dem Aktionismus, den sie an den Tag legten und der sich nur mit ihnen selbst beschäftigte. Sie prügelten sich und stritten miteinander. Woyzeck war in diesen Szenen außen vor.

Der Höhepunkt des schlechten Geschmacks waren allerdings die eindeutig sexuellen Szenen, in denen nach der Vorlage lediglich Marie und der Tambourmajor beim Tanz im Wirtshaus von Woyzeck ertappt werden. Mitten auf der Bühne „beschlief“ der Tambourmajor fast realitätsnah Marie, leicht bekleidet und mit herunter gelassener Hose. Im Hintergrund war ein Mann mit freiem Oberkörper und einem überdimensionalen Büstenhalter bekleidet zu sehen, der sich lasziv bewegte, und in der anderen Ecke der Bühne beschäftigte sich ein Pärchen ebenfalls auf eindeutige Weise.

Es war eine provozierende Inszenierung, die das Westfälische Landestheater in das Volmetal „mitgebracht“ hatte. Eine Inszenierung, die viel Stoff für Diskussionen in sich birgt. Eines dürfte das Landestheater jedoch mit seiner Sichtweise von Woyzeck erreicht haben: Eine sich zwischen Lehrern und Schülern anschließende intensive Auseinandersetzung mit dem Drama Woyzek von Georg Büchner. ▪ og

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