KuK-Literaturabend mit Ralf Rothmann: Von Traumata und Lebensglück

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Ralf Rothmann gab im Anschluss an die Lesung bereitwillig Autogramme und signierte Bücher. 

Meinerzhagen - Ein Autor liest aus seinem Roman. Das Publikum stellt Fragen. Der Schriftsteller signiert ein paar Bücher. Das ist das Szenario, das die Besucher bei Autorenlesungen geboten bekommen.

Bei der KuK-Veranstaltung, die am Montagabend im Vorraum der Stadthalle Meinerzhagen stattfand, durften sich die rund 70 Gäste jedoch über weitaus mehr freuen. Ralf Rothmann war mit seinem neuen Roman „Der Gott jenes Sommers“ nach Meinerzhagen gekommen.

Als Moderator Terry Albrecht das Programm vorstellte, ahnte wohl auch der Autor selbst nicht, wie angeregt und überraschend der Abend verlaufen würde. Wie arbeitet ein Schriftsteller? Woher kommen die Inspirationen? Was ist autobiografisch? Was ist Fiktion? Wie umfassend ist die Recherche? Auf all diese Fragen bekamen die Gäste Antworten – und das auf launige und niemals selbstdarstellerische Art und Weise. Der Autor gewährte tiefe Einblicke in den kreativen Prozess – und seine eigene Biografie. 

Seine Eltern – beide hatten den Krieg hautnah miterlebt– verfielen in Sprachlosigkeit und Schweigen, wenn ihr Sohn sie nach ihren Erfahrungen und Erinnerungen fragte. „Meine Mutter sagte dann: ‚Räum dein Zimmer auf!’“ Die Arbeit an dem Roman „Der Gott jenes Sommers“ und dem Vorgänger „Im Sommer sterben“ habe ihm helfen sollen, diese Leerstellen des Schweigens zu füllen. „Ich wollte verstehen. Ich fragte mich: Was kann geschehen sein?“ 

Die Fiktion als Annäherung an Lebenswirklichkeiten – hat sie Rothmann geholfen, die Wunden des Schweigens und der Sprachlosigkeit zu schließen? „Nein, solche Wunden können nicht so einfach heilen“, sagte Rothmann. Er beschrieb die Arbeit an „Im Sommer sterben“ und die damit einhergehenden Schwierigkeiten. „Ich musste eine Szene schreiben, in der der Protagonist seinen besten Freund erschießen muss. Ich bin sechs Monate um diese Szene herumgeschlichen. Ich habe es nicht geschafft, sie zu schreiben.“ Das Ende der Schreibblockade war dramatisch – auch wenn Rothmanns Schilderung eher humorig klang. Er sei abends mit seiner Frau in einem nördlichen Stadtteil Berlins unterwegs gewesen und überfallen worden. „Ein Mann stand vor mir, hielt mir eine Pistole hin und wollte Geld. Ich sagte, ich habe keins. Als der Mann dann die Waffe gegen meine Frau richtete, habe ich gefragt: ‚Wie viel Geld brauchen Sie?’“ Alles sei glimpflich abgelaufen. „Und am nächsten Tag konnte ich die Erschießungsszene schreiben. Nur zwei Stunden – und die Szene war auf dem Papier.“ 

Aber nicht nur die Schreibblockade hatte mit diesem Erlebnis ihr Ende gefunden. „Seit meiner Kindheit träumte ich immer wieder, dass ich erschossen wurde. Ich erzählte das einmal einem befreundeten Arzt. Für ihn war die Sache klar. Ich hatte die Traumata meiner Eltern geerbt. Nachdem ich die beiden Romane über die Kriegszeit geschrieben habe, hatte ich diesen Traum nie wieder. Also sind die Wunden wohl doch zum Teil geheilt.“ 

Und auch die letzte Anekdote, die Ralf Rothmann am Montagabend erzählte, erlaubte den Besuchern einen Blick in sein Privatleben. „Ich habe enge Beziehungen zum Märkischen Kreis“, erklärte der Wahlberliner. 1986 lebte Rothmann als MKK-Stipendiat in Iserlohn-Letmathe. Dort lernte er seine Frau kennen. „Ich verdanke dem Märkischen Kreis sehr viel. Er hat mein Lebensglück gestiftet.“

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