Streicheleinheiten für die geretteten Tieren, Ruhe für die Menschen

Kuhkuscheln auf dem Bergwaldhof: Tierpaten kommen aus ganz Deutschland

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Die Tierpaten Angelina Dobroworny (Foto), Bridget Lüring und Monika Heymann genießen die Zeit mit Hanna (Foto), Glubschi und den anderen Tieren auf dem Hof in Listerhammer.

Listerhammer - Heidi ist neun Jahre alt. Sie guckt freundlich, manchmal sieht ihr Gesichtsausdruck witzig aus – auf jeden Fall aber zufrieden. „Sie hat tolle Augen, ist einfach schön“, beschreibt Angelina Dobroworny.

Die Begegnung mit ihr – für die 29-Jährige Liebe auf den ersten Blick. Auch wenn Heidi selbst Mutter ist – die Hernerin wurde ihre Patin, besucht sie regelmäßig. Für die braun-weiße Kuh mit dem lustigen Gesicht gibt es dann viele Streicheleinheiten. 

Die Arche für Kühe hat nicht nur einen idyllischen Namen. Der „Bergwaldhof“ liegt nah an der Landstraße Richtung Valbert und ist doch ein abgeschiedenes Fleckchen in Listerhammer „Unterm Berge“. Am Berg wäre auch passend – die Wiesen ringsumher am Hang sind steil und erinnern unwillkürlich an die Hänge in Bayern oder Österreich. 

Unwiderstehliche Blicke von drei Eseldamen

Wer den Hof besucht, entdeckt zunächst drei Eseldamen, die – typisch Frau – jeden Gast neugierig beäugen. Sunny, Maja und Lena sind alles andere als schüchtern und geben mit unwiderstehlichen Blick zu verstehen, dass sie Streicheleinheiten wünschen. 

Gestreichelt werden wollen alle Tiere auf dem Hof – egal ob Hund oder Ochse. Letzterer heißt Gandalf. Der Riese sitzt im offenen Stall, döst in der Sonne. Als sich Angelina Dobroworny zu ihm hockt und ihn streichelt, schließt er die Augen, legt sich zur Seite und grunzt zufrieden – Entspannung pur. Auch für Kuhfan Angelina Dobroworny: „Man kann hier einfach dem Alltag entfliehen, die Tiere sind sanftmütig und entspannt. Das überträgt sich, wenn man sich darauf einlässt“, sagt die Kuhpatin. 

Ein Kuss für Gandalf ruft den Stallnachbarn auf den Plan

Superweich sei das Fell und unglaublich warm. Angst vor der ungemeinen Größe ihres „Kuscheltieres“ hat die junge Frau nicht. Gandalf bekommt einen Kuss, während sich Stall-WG-Nachbar Silvan bemerkbar macht. „Mein Haustier“, stellt Simone Möller den mehr als 1000 Kilogramm schweren Koloss vor und streicht über seinen massigen Hals. „Er wird schnell eifersüchtig“, lächelt sie. Seine Mutter wollte Silvan nicht, Simone Möller zog ihn als Kälbchen daher mit der Flasche groß. 

Der Bergwaldhof ist seit seiner Kindheit Silvans Zuhause. Die meisten der 15 übrigen Kühe kamen nach einem arbeitsreichen Leben hierher. Der alte Bauernhof ist ihr Alterssitz. In vielen Fällen aber auch ihre Rettung. In ihren Ställen wurden sie aussortiert, weil die Milchleistung oder die Fruchtbarkeit nicht mehr ausreichten. „Als Lebenshof halten wir unsere Kühe nicht als Nutztiere, sie genießen einfach ihr Leben, können in Ruhe alt werden und einfach nur noch Kuh sein“, sagt Simone Möller. 

Lebenslanges Wohnrecht für die Kühe

Dank des Patenprojektes könne den Kühen ein lebenslanges Wohnrecht geboten werden. Jedes Tier hat bis zu sechs Paten, die es mit 25 Euro im Monat unterstützen. Manche Tierliebhaber teilen sich eine Patenschaft auch. 

Mit Fleckvieh-Kuh Heidi startete Simone Möller, die heute als Milchkontrolleurin tätig ist, ihr Arche-Projekt. Zuvor teilten sie und Ehemann Falko ihr Hobby als Züchter von seltenen Hinterwälder Kühen. Als Simone Möller auf einem Bio-Milchviehbetrieb arbeitete, lernte sie Heidi kennen. 

„Ich habe immer gesagt „Dich nehme ich mal mit‘“, erinnert sich die Kuh-Frau aus Leidenschaft, wie sie sich selbst bezeichnet – und machte ihr Versprechen wahr. Als Heidi als Milchkuh „in die Jahre“ kam, kaufte sie das Tier. In Listerhammer lebt Heidi heute als unzertrennliches Duo mit Sohn Charlie, ein stattlicher Ochse, der seine Mutter mittlerweile deutlich überragt.

Mit schwarz-weißem Fell Milchkuh in Perfektion

Die Lebensgeschichten der Tiere, die heute ihr Kuhdasein auf dem Bergwaldhof genießen können, sind so unterschiedlich wie die Rassen. Zu ihnen zählen Holstein, Fleckvieh und Jersey. 

Im großen Bewegungsstall haben es sich Nelli, Suse, Pauline, Lina und Lara bequem gemacht. Marcella ist der jüngste Neuzugang. „Sie hat 100.000 Liter Milch geschafft“, berichtet Simone Möller. 

Auch Pauline, mit ihren langen Beinen, dem schwarz-weißen Fell und der schlanken Statur Milchkuh in Perfektion, hat viel geleistet in ihrem Kuh-Leben. Heute darf sie einfach nur noch neugierig über den Hof spazieren und sich von den Besuchern und Paten streicheln lassen.

Mit einem Kuschelgutschein ins Sauerland

Zum „Kuhkuscheln“ können Tierliebhaber ebenfalls auf den Bauernhof kommen. Mit einem Kuschelgutschein fing auch für Angelina Dobroworny alles an. Als Veganerin war Tierwohl für sie ohnehin ein Thema. „Das Schicksal, das viele Kühe in der Milchviehhaltung erleben, hat mich schon mitgenommen“, erzählt die 29-Jährige. 

In ihrer Heimatstadt Herne habe sie keine Chance gehabt, den Tieren näher zu kommen. Daher ging es zum Kuhkuscheln ins Sauerland. Angelina Dobroworny war fasziniert von den sanften Tieren: „Wenn man ein paar Stunden auf der Weide verbringt und die Kühe beobachtet, lernt man auch ganz viel über ihre Kommunikation untereinander“, hat sie festgestellt. 

Verein "Schokuhminza" rettet Kühe vor dem Schlachter

Beim Kühe Streicheln blieb es nicht. Angelina Dobroworny wurde Patin – und Kuhbesitzerin. Hanna und Glubschi – sie verlor als junges Tier ein Auge – leben als Pensionskühe auf dem Bergwaldhof. Ihre Besitzerin wurde zur Kuh-Aktivistin. „Ich möchte Tiere retten, die sonst im Schlachthaus enden“, steht für die Hernerin fest, die dazu den Verein „Schokuhminza“ gründete. 

Hanna und Glubschi haben inzwischen ebenfalls Paten. Eine ist Bridget Lüring. Die 22-Jährige kommt regelmäßig aus dem Münsterland nach Meinerzhagen. „Die Besuche geben mir Ruhe“, sagt sie.

Beruhigende Wirkung der Tiere

Das gilt auch für Monika Heymann. Die 46-jährige Bürokauffrau ist nicht nur Kuh-, sondern auch Eselpatin. „Die Tiere haben einfach eine beruhigende Wirkung“. Früher habe sie selbst Hunde, Meerschweinchen und Kaninchen besessen. Heute fährt sie als „Patentante“ einmal im Monat von Bergneustadt aus in den Nachbarort und genießt die Kuschelzeit mit „ihren“ Tieren. 

Für die Paten aus Magdeburg oder Berlin ist das dagegen schon etwas schwieriger. Doch alle vereint ihre Tierliebe, die auch Angelina Dobroworny beschreibt, während sie Hanna liebevoll streichelt: „Ich bin dankbar, dass die Kühe hier in Freiheit ihr Kuhleben leben dürfen.“

Weitere Infos über den Bergwaldhof finden Interessierte unter www.bergwaldhof-1.de

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