Keine zweite Chance für die Jugendherberge

Die Jugendherberge Meinerzhagen geriet jetzt in Gelsenkirchen in die Schlagzeilen. Das Deutsche Jugendherbergswerk zeigte sich von der Kritik überrascht. - Archivfoto: Holz

Meinerzhagen - Die Meinerzhagener Jugendherberge sorgt derzeit für Negativ-Schlagzeilen in Gelsenkirchen: Haare im Essen, keine Hilfestellung bei den Freizeitplanungen und fehlende Kontaktmöglichkeiten – das sind die Vorwürfe, die nach einer Kinderfreizeit von Seiten der Gelsenkirchener Stadtverwaltung als Veranstalter laut wurden. Künftig wolle man Meinerzhagen nicht mehr ansteuern. Auch die Politik hat sich nun eingeschaltet.

Auslöser der Gelsenkirchener Querelen war allerdings nicht die Herberge: Das Betreuerteam der Stadt habe allzu oft dem Alkohol zugesprochen und die 27 Sieben- bis Zwölfjährigen als kollektive Strafmaßnahme um 17 Uhr in ihren Zimmern eingeschlossen.

Eltern berichteten gegenüber der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ) von Kindern, die nach der Ferienfreizeit in Meinerzhagen „fix und fertig“ gewesen seien, von unterlassener Hilfeleistung der Betreuer und Handgreiflichkeiten.

Mittlerweile beschäftigt die Freizeit auch die Kommunalpolitik in der Ruhrgebietsstadt. Denn Themen rund um das Referat „Erziehung und Bildung“ werden dort äußerst sensibel behandelt. Zuletzt hatte ein Skandal im Jugendamt landesweit für Schlagzeilen gesorgt: Die mittlerweile freigestellten Leiter des Fachbereichs hatten offenbar über Jahre hinweg Kasse mit Kindern gemacht, die in Heimen in Ungarn untergebracht worden waren – ausgerechnet in Einrichtungen, die sich im Besitz der Jugendamtsleiter befanden.

Kritik der Eltern an Betreuern und Herberge

Die Liste der Vorwürfe ist lang – und wird um Beschwerden über die Jugendherberge erweitert. So heißt es von den Eltern unter anderem, dass die Kinder aufgrund einer „defekten Telefonanlage“ nicht per Festnetz in Meinerzhagen erreichbar gewesen seien.

Die Gelsenkirchener Verwaltung ließ nach Berichten der WAZ überdies verlauten, dass die Unterstützung seitens der Herbergsleitung zu wünschen übrig gelassen habe und Essenszeiten ohne Absprache geändert worden seien.

DJH-Landesverband reagiert auf Vorwürfe

Vorwürfe, die das Deutsche Jugendherbergswerk (DJH) Westfalen-Lippe nicht so stehen lassen will. Eine Anfrage der MZ zur besagten Freizeit beantwortete das DJH mit einer Pressemitteilung, in der der Meinerzhagener Herbergsvater Peter Schär wie folgt zitiert wird:

„Vor Ort war es in der Tat laut und unruhig, aber ein vermeintlich überhöhter Alkoholkonsum seitens eines Betreuers oder gar mutmaßliche Gewalt sind uns nicht aufgefallen – wir hätten dann auch als gastgebende Unterkunft eingegriffen.“ Dass die Freizeit aus dem Ruder gelaufen ist, räumt das DJH ein, die Berichterstattung in Gelsenkirchen habe Schär allerdings überrascht.

Mögliche „Irritationen“ durch Essens-Umstellung

Zur Kritik an der Verpflegung heißt es, dass es neben einem reichhaltigen Frühstück und einer warmen Mahlzeit in Büfettform mittags in der Regel ein erweitertes Frühstück mit einer warmen Beilage gebe, wie zum Beispiel überbackenes Salamibaguette oder Frühlingsrollen.

Wie das Herbergswerk einräumt, sei es im Verlauf der Freizeit zu einer Umstellung der Mittags- und Abendmahlzeiten gekommen. „Das kann zu Irritationen bei den Kindern geführt haben“, so Schär. Drei Tagesmahlzeiten seien jedoch stets vorhanden gewesen.

Eltern hatten berichtet, dass ihre Kinder das Taschengeld schnell aufgebraucht hätten, um sich etwas zum Essen zu kaufen, da das Angebot nicht ausreichend gewesen sei.

Zu den vermeintlichen Haaren im Essen reagiert der Herbergsvater verwundert: „Wir bereiten das Essen stets nach den strengen hygienischen Standards zu. Unserem Team ist nichts reklamiert worden – wir würden solche Fälle sehr ernst nehmen.“

Peter Schär ist überzeugt: „Wir können Kinderfreizeiten.“ Der Herbergsvater verweist etwa auf Aktivitäten wie „Sports & Fun im Volmetal“, die das DJH als Freizeit anbiete. Viele Kinder würden im nächsten Jahr wiederkommen und ihre Geschwister mitbringen.

„Rufumleitung war eingerichtet“

Am Donnerstag meldete sich in dieser Angelegenheit auch Simon Drath, Pressesprecher des Jugendherbergswerkes, Landesverband Westfalen-Lippe, zu Wort. Er kann die Kritik an der Herberge in der „geäußerten Form“ nicht nachvollziehen und weist sie zurück.

Auch die telefonische Erreichbarkeit sei sichergestellt gewesen, „jedoch etwas eingeschränkter als normal“. Als Grund dafür nannte Drath „eine gewitterbedingte Überspannung“. Eine Rufumleitung zur Jugendherberge Biggesee sei allerdings eingerichtet worden. „Von dort aus konnten Nachrichten per E-Mail und über die Handys der Mitarbeiter in Meinerzhagen übermittelt werden.“

Die Jugendherberge Meinerzhagen verfügt über das DJH-Sport-Zertifikat und hat 144 Betten in 19 Sechs-, drei Zwei- und sechs Vierbettzimmern. Zur Kernzielgruppe gehören laut DJH Schulklassen, Freizeit- und Musik- sowie Sportgruppen.

„Insbesondere die Übernachtungen von Familien kompensieren den demografisch bedingten Rückgang bei den Schülern“, heißt es vom DJH-Landesverband. Die Herberge zählte 2014 exakt 6945 Übernachtungen, 2013 waren es 6535, 2012 lag die Zahl bei 7672. Im Jahr 2010 wurden noch 9850 Übernachtungen gezählt.

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