Knapp vorbei am Menschenhandel

Vor dem Amtsgericht Lüdenscheid musste sich ein 26-jähriger Meinerzhagener verantworten.

MEINERZHAGEN ▪ Strafrechtlich gesehen blieb am Ende nicht viel übrig von dem Vorwurf gegen einen 26-jährigen Meinerzhagener, dass dieser „eine Person mit Gewalt zur Aufnahme der Prostitution gezwungen“ habe.

Zehn Monate ohne Bewährung kassierte er vor dem Amtsgericht Lüdenscheid am Donnerstag aber doch – wegen zweifacher Körperverletzung gegenüber einer 22-jährigen Lüdenscheiderin und wegen Fahrens ohne Führerschein. Und es blieb ein sehr ungutes Gefühl, dass der 26-Jährige tatsächlich eine an der Seele kranke junge Frau böse getäuscht hatte, die „leicht zu täuschen war“, wie es der Staatsanwalt formulierte.

Kennengelernt hatten die beiden sich über einen Chat-room im Internet. Zu Weihnachten 2010 kamen sich der Freigänger aus der Justizvollzugsanstalt und die psychisch labile Patientin verschiedener psychiatrischer Therapieeinrichtungen auch körperlich näher. Er schwärmte und log ihr von einem schönen Leben vor, von der Aussicht, mithilfe einer höheren Geldsumme vorzeitig aus dem Knast freizukommen.

Geld fehlte aber auch ihr: „Dass ich gerne mehr Geld gehabt hätte, das ist schon wahr.“ So ließ sie es sich – geblendet von ihrer Zuneigung zu ihm – gefallen, dass er in sie „investierte“ und ihr die Welt von FKK-Klubs in Gießen und Frankfurt näherbrachte. Sie hatte kein Auto, er keinen Führerschein, also brachten seine Kumpels die junge Frau mindestens dreimal nach Hessen – soviel war unstrittig. Einmal sei der Angeklagte auch selber ein Stück gefahren – das brachte im Urteil fünf Monate wegen Fahrens ohne Führerschein.

Die Welt der FKK-Klubs, die zunächst sein Geld kosteten, kam ihr nicht näher: „Ich habe gar nicht genug Geld verdient. Es hat überhaupt nicht geklappt“, sagte sie vor Gericht. „Es wurde immer schlimmer, wenn ich das Geld nicht mitgebracht habe.“ Um endlich Geld zu sehen habe er ihr schließlich gedroht, zu ihren Eltern zu gehen.

Das Gericht glaubt ihr, dass der Angeklagte ihr in einem Wutanfall Haare ausgerissen hat, weil sie eine Stunde zu spät zum Taxi nach Süden kam. Das gab drei Monate. Ebenfalls im Straßenverkehr endet die Beziehung: Er versuchte zum letzten Mal Geld von ihr zu bekommen und würgte die junge Frau nach Ansicht des Gerichtes, was fünf Monate kostete.

Die aus diesen Einzelstrafen gebildete Gesamtstrafe von zehn Monaten setzte das Schöffengericht nicht zur Bewährung aus. „Bewährung kommt bei jemand, der noch unter Bewährung steht, nicht in Frage“, sagte Richter Jürgen Leichter.

Richtig zufrieden war niemand mit dem Urteil, das einen Mittelweg gesucht hatte. Der Staatsanwalt hatte unter anderem wegen Menschenhandels eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren und drei Monaten gefordert.

Verteidiger Bernd Eisenhuth forderte einen Freispruch für seinen Mandanten: „Ich glaube der Zeugin in keinem Punkt.“

Das sah Richter Jürgen Leichter aber anders: „Ich hatte nie den Eindruck, dass die Zeugin die Unwahrheit gesagt hat.“ Und mit Blick auf den Angeklagten fügte er hinzu: „Das war knapp an einer Verurteilung wegen Menschenhandels vorbei.“ ▪ thk

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare